17. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2017 | 9. Tischri 5778

Eigentum verpflichtet!

Das „Jüdisch-politische Lehrhaus“ widmete seine jüngste Veranstaltung jüdischer Wirtschaftsethik und dem Rechtswissenschaftler Hugo Sinzheimer

Von Barbara Goldberg

Eigentum verpflichtet: Dieser Satz ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu finden. Warum aber wurde ausgerechnet er zum Titel einer Podiumsdiskussion, die im vergangenen Monat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jüdisch-politisches Lehrhaus“ in Frankfurt stattfand? Die Veranstaltungsreihe selbst ist ein Kooperationsprogramm der Goethe-Universität, des Frankfurter Jüdischen Museums, der Stadt Frankfurt und des von Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck begründeten Vereins „Torat Hakalkala“, der sich der Förderung einer angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik widmet.
Für den Titel „Eigentum verpflichtet“ im Zusammenhang mit jüdischer Ethik gibt es gewichtige Gründe – so etwa die Tatsache, dass dieser Satz ursprünglich von dem deutsch-jüdischen Rechtswissenschaftler Hugo Sinzheimer stammt. Sinzheimer und den jüdischen Wurzeln in seinen Schriften zum Rechts- und Sozialstaat war die Podiumsdiskussion denn auch gewidmet. Professor Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur am Fachbereich Evangelische Theologie der Frankfurter Universität, erinnerte dabei auch an das Freie Jüdische Lehrhaus, das von Martin Buber und Franz Rosenzweig im Frankfurt der 1920er-Jahre mit der Absicht ins Leben gerufen worden war, das Judentum im Kontext einer säkularen und liberalen Gesellschaft religiös und kulturell zu erneuern.
Allerdings ging es bei der Diskussion nicht nur um die Person Sinzheimer. Vielmehr seien, so Rabbinerin Klapheck, „viele jüdisch geprägte Gedanken und Inhalte für uns zur Selbstverständlichkeit geworden.“ Mit dem „Jüdisch-politischen Lehrhaus“ sollen deshalb, so die Frankfurter Rabbinerin, Rückschau und Rückbesinnung auf die Errungenschaften der jüdischen Tradition gehalten werden. Elisa Klapheck erinnerte daran, dass die jüdische Ethik eine „Ethik der Pflichten“ sei: „Der höchste Status bedeutet daher nicht Rechte, sondern Pflichten zu haben.“ Deren Zweck sei es, einen religiös motivierten sozialen Zusammenhalt zu erzeugen.
Welche Pflichten das Eigentum auferlegt, erläuterte Rechtsanwalt Abraham de Wolf, der sich seit vielen Jahren im Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten engagiert und dem Vorstand von „Torat HaKalkala“ angehört. De Wolf zitierte die Passagen aus Tora und Talmud, in denen den Bauern vorgeschrieben wird, auf ihren Äckern und Feldern die Ecken bei der Ernte unberührt stehenzulassen, damit sich die Armen dort bedienen können. „Das sind keine Almosen, sondern Arbeit, weil die Bedürftigen die Früchte und das Getreide selbst holen müssen.“ Auf diese Weise bleibe deren Würde gewahrt. Im Talmud werde überdies genau dargelegt, wer auf das Feld dürfe, wie groß die Ecken im Verhältnis zur Gesamtfläche, zur Höhe des Ertrags und der Anzahl der Armen zu seien hätten: „Aus diesen Bestimmungen lässt sich ein Rechtsanspruch auf einen Anteil der Ernte ableiten“, hob der Jurist hervor.
Wie sehr das Judentum bereits vor mehreren tausend Jahren um den Ausgleich, um soziale Gerechtigkeit bemüht war, zeige sich, so de Wolf, auch in der Bestimmung, wem die traditionelle Abgabe des sogenannten Zehnten zugedacht werden solle. Es sollten „Priester, Leviten, Witwen, Waisen, Fremde und Pilger nach Jerusalem“ gleichermaßen in den Genuss dieser Zuwendung kommen, heißt es in der Tora. Das bedeutet: Es gibt keine Hierarchie innerhalb des Anspruchs auf Unterstützung, eine Witwe ist nicht weniger dazu berechtigt als ein Priester.
Einen Ausgleich schaffen zwischen den Besitzenden und den Mittellosen, aber auch zwischen den unterschiedlichen Interessen innerhalb einer Gesellschaft: Für Elisa Klapheck und Abraham de Wolf handelt es sich dabei um ein eminent jüdisches Element, das sich auch im Denken Hugo Sinzheimers wiederfinde. So habe sich der Rechtsgelehrte stets für eine Wirtschaftsordnung eingesetzt, die den Grundzügen der Gerechtigkeit entspreche und den Arbeitnehmern ein menschenwürdiges Dasein gewährleiste. Gleichzeitig habe er aber immer betont, dass die Beschäftigten selbst für ihre Sache eintreten müssten. In diesem Lichte sei auch sein Konzept der Tarifautonomie zu sehen: Fern jeglichen staatlichen Dirigismus sollten die Tarifparteien eigenständig Kompromisse aushandeln. Hier klingt erneut das Motiv des Ausgleichs an, aber auch ein weiteres jüdisches Moment, wie de Wolf erläuterte: „Jüdisches Denken ist nicht antistaatlich, aber autonom und unabhängig von nationalen Ideologien oder staatlicher Lenkung.“
Unter dem NS-Regime wurde Hugo Sinzheimer verfolgt und musste 1933 aus Deutschland flüchten. In der Weimarer Republik war er zuvor aber durchaus gewürdigt worden. 1921 hatte ihn die Frankfurter Universität zum ersten Professor für Arbeitsrecht in Deutschland ernannt.
Wie sehr Sinzheimer und viele andere jüdische Gelehrte den Geist der Mainstadt geprägt haben, schilderte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann. Feldmann erinnerte an die auf Sinzheimer zurückgehende Gründung der „Akademie der Arbeit“ an der Goethe-Universität, auch sie ein Musterbeispiel für das von Sinzheimer propagierte Modell des Ausgleichs: Finanziert wurde dieses Institut nämlich durch Unternehmer und Arbeitgeber. Sinzheimers Ziel war es allerdings, Arbeitnehmern den Zugang zur Bildung zu ermöglichen, damit sie sich im Arbeitskampf und bei Tarifverhandlungen auf Augenhöhe mit ihrem Gegenüber auseinandersetzen sollten. „Sinzheimer hat immer für den gesellschaftlichen Fortschritt argumentiert“, so Peter Feldmann. Ein Revolutionär war er indessen nicht. „Man kann die Wirtschaft mit Gewalt ändern“, soll Sinzheimer gesagt haben, „aber nicht mit Gewalt führen.“