17. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2017 | 9. Tischri 5778

Gotteshäuser mit dem gewissen Extra

Synagogenbauten in Deutschland nach der Schoa hatten stets auch Symbolcharakter

Von Ulrich Knufinke

Architektur ist – auf die Gefahr hin, Selbstverständliches zu sagen – nicht nur das Entwerfen von Gebäuden, sondern enthält stets auch eine Botschaft an die Umwelt, oft genug auch an die Geschichte. Das trifft auch für eine ganz besondere Sparte der deutschen Architektur nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu: den Synagogenbau. In ihm spiegelt sich nicht zuletzt die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft hierzulande wider.
In den ersten Jahren nach 1945 waren die meisten Juden auf deutschem Boden – mehrheitlich handelte es sich um Displaced Persons – nicht etwa an der Schaffung fester Gemeindestrukturen interessiert, sondern daran, aus dem Land der Täter rasch auszuwandern. Wohl wurden Synagogen und Gebetsräume eröffnet, doch wurden dabei bestehende Gebäude bezogen oder Provisorien geschaffen. Erst um 1950 wurden „richtige“ Synagogenneubauten zum Thema, sowohl weil sich schon abzeichnete, dass zumindest ein Teil der Überlebenden in Deutschland bleiben würde, als auch dank der finanziellen Förderung durch die junge Bundesrepublik. Die Einweihungen von Synagogen wurden denn auch zu gesellschaftspolitischen Ereignissen, in denen sich das jeweilige Verhältnis der jüdischen Minderheit zur Mehrheit und nicht zuletzt der Stand der Erinnerungskultur widerspiegelten. In der DDR war dies übrigens nur begrenzt der Fall: In dem ostdeutschen Staat wurde lediglich eine einzige Synagoge fertiggestellt, und zwar 1953 in Erfurt.
Zwei Jahrzehnte lang prägten die Entwürfe der Architekten und Holocaust-Überlebenden Hermann Zvi Guttmann und Helmut Goldschmidt die Synagogenarchitektur in Deutschland. Die sogenannte Nachkriegsmoderne der von ihnen entworfenen Gebäude schloss an Tendenzen der Zwanzigerjahre an, die auch im Synagogenbau den Abschied vom Historismus des 19. Jahrhunderts gebracht hatten. „Modern“ zu bauen war ein Zeichen des Neuanfangs und zugleich ein Anknüpfen an die Zeit vor 1933, als jüdische Architekten das sogenannte Neue Bauen mitgestaltet hatten.
Dieser Anspruch kam allerdings in durchaus unterschiedlichen Formen zur Geltung: Parabeln und andere geschwungene Formen, denen der Architekt symbolische Deutungen unterlegte, charakterisierten Guttmanns Bauten in Offenbach (1956), Düsseldorf (1958) und Hannover (1963). Dagegen wirkten Goldschmidts Projekte in Dortmund (1958), Bonn (1959) und Münster (1961) strenger.
Der Wiederaufbau von in Ruinen liegenden Synagogen in alter Gestalt blieb eine Ausnahme. Dies lag sowohl daran, dass die Nachkriegsgemeinden nur einen Bruchteil der alten Mitgliederzahlen erreichten und die alten Gebäude schlicht zu groß waren, als auch an neuen Vorstellungen von der Funktion der Synagoge: Sie sollte religiöser Mittelpunkt eines Gemeindezentrums sein, das mit einem vielfältigen Raumangebot unterschiedlichen kulturellen und sozialen Ansprüchen gerecht werden musste.
Das Westberliner Gemeindezentrum in der Fasanenstraße von 1959 (Architekten: Dieter Knoblauch und Heinz Heise) ist ein Beispiel dafür. Während die in Sichtweite gelegene Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Mahnmal des Krieges konserviert und um ein radikal modernes Sakralbau-Ensemble ergänzt wurde, riss man gleichzeitig die Ruine der alten Synagoge in der Fasanenstraße ab. An ihrer Stelle entstand ein schlichtes Gemeindehaus mit einem Bet- und Gemeindesaal. Bei aller modernen Funktionalität spielte die Erinnerung an die 1938 gebrandschatzte Synagoge dennoch eine Rolle: Bauteile der Ruine wurden als Eingangsportikus und als „Erinnerungssäule“ in die Fassade einbezogen, drei Kuppeln über dem Saal verwiesen auf die neobyzantinischen Kuppeln der alten Synagoge.
Während das Westberliner Gemeindezentrum nicht mehr so repräsentativ im Straßenbild erkennbar war wie sein Vorgängerbau, aber immerhin doch sichtbar blieb, zogen sich viele andere Gemeinden mit ihren Synagogen bis zur Unsichtbarkeit zurück. Der Wunsch nach Geborgenheit und Schutz, auch vor dem fortwirkenden Antisemitismus, mochte die Generation der Holocaust-Überlebenden dazu bewogen haben. Noch 1966 entstand in Wiesbaden eine Synagoge, die von der Straße aus vollkommen unsichtbar ist (Architekten: Helmut Joos und Ignaz Jacoby). Der intime Raum hat durch die Glasfenster von Egon Altdorf mit abstrakten symbolischen Darstellungen eine besondere sakrale Atmosphäre. Nicht nur die verborgene Lage des Bauwerks, auch seine Gestaltung betont eine Wendung nach innen.
Zwischen 1970 und 1990 entstanden nur noch wenige jüdische Einrichtungen. Der Bedarf war in den meisten Städten gedeckt und die Mitgliederzahlen der überalternden Gemeinden stagnierten oder gingen zurück.
Mit unterschiedlichen politischen Vorzeichen in Ost und West fand in den 1980er-Jahren dann aber ein Wandel der Erinnerungskultur an die Schoa statt. So fiel die Entscheidung, die Ruine der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin zu restaurieren, noch in die Phase der späten DDR. Abgeschlossen wurde das Projekt 1995 und die goldene Kuppel des Gebäudes ist heute ein Berliner Wahrzeichen, auch wenn nur ein kleiner Teil des Hauses für Gottesdienste genutzt wird. Neue Formen des Gedenkens machten sich auch beim Neubau jüdischer Einrichtungen bemerkbar. In der Architektur hatte sich in dieser Zeit die sogenannte Postmoderne durchgesetzt, der zum Beispiel die Synagogen in Freiburg (1985–87) und Darmstadt (1989) zugerechnet werden können. Ein neuer Umgang mit historischen Formen und tradierten Symbolen hielt Einzug in den Synagogenbau. Auch das Gemeindezentrum in Frankfurt am Main von 1986 sucht nach einer Gestalt, die das Erinnern fassen soll: Zwei geborstene, aber wieder zusammengefügte Gesetzestafeln stehen als hohe Stele neben dem Eingang und veranschaulichen sowohl den „Bruch“ in der Geschichte als auch den Wunsch nach dauerhaftem jüdischen Leben an dieser Stelle. Zur Einweihung formulierte Solomon Korn, der das Gebäude als Architekt entworfen hatte: „Wer ein Haus baut, will bleiben, und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit.“
Die ab 1990 einsetzende jüdische Zuwanderung aus der damaligen – bald der ehemaligen – Sowjetunion leitete einen kleinen Boom auch beim Bau von Synagogen und Gemeindezentren im wiedervereinigten Deutschland ein: Durch die sprunghafte Zunahme der jüdischen Bevölkerung wurden in der Bundesrepublik neue Synagogen nötig.
Ein frühes Beispiel dafür ist die 1995 eingeweihte Synagoge in Aachen (Architekt: Alfred Jacoby). Die Aachener jüdische Gemeinde hatte bis dahin über einen Betsaal in einem Gemeindehaus verfügt, das nunmehr zu klein geworden war. Der Neubau entstand auf dem Platz der 1938 zerstörten Syna­goge. Damit zog die jüdische Gemeinde wieder an einen in der Stadt sichtbaren Ort.
Der Architektur der Synagogen bot sich mit der „Rückkehr ins Stadtbild“ die Chance, neue Wege zu gehen. Oft wurden Wettbewerbe ausgeschrieben, wodurch Entwürfe von hoher Qualität zur Ausführung gelangten. Das hohe öffentliche und politische Interesse trug ebenfalls dazu bei, dass Synagogen als Architekturen von besonderem Gestaltungsanspruch betrachtet wurden und in großer Vielfalt entstehen konnten.
Mit der Einweihung des jüdischen Gemeindezentrums in Duisburg im Jahr 1999 nahm die Synagogenarchitektur den neuen Impuls des sogenannten Dekonstruktivismus auf. Zersplitternde Formen ließen einen dynamisch-bewegten Bau entstehen. Der Architekt Zvi Hecker gab ihm eine symbolische Deutung: Die fünf Rahmen aus Beton, unter denen sich die Baukörper des Gemeindezentrums und der Synagoge hindurchschieben, verstand er als Seiten eines Buchs, in das die Geschichte der jüdischen Gemeinde geschrieben ist. Die in praktischer Hinsicht nicht unproblematische Bauskulptur stellt alle traditionellen Formen der Synagogenarchitektur infrage.
Heckers Idee, ein Gemeindezentrum als gebautes Sinnbild jüdischer Geschichte, Kultur und Religion zu gestalten, prägte und prägt auch andere zeitgenössische Synagogen. So erscheint die Dresdner Synagoge von 2001 – ein verdrehter, weitgehend geschlossener Bauwürfel am Elbufer – als eine minimalistische Skulptur (Architekten: Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch). Ihr ausgefeiltes Spiel mit räumlichen und historischen Orientierungen erschließt sich erst bei eingehender Betrachtung: Die gedrehte Ausrichtung des neuen Baus folgt dem Grundriss der zerstörten Synagoge von Gottfried Semper.
Der Synagogenbau als Erinnerungsarchitektur kommt in Mainz in expressiver Weise auf. Erbaut am Standort einer 1938 zerstörten Synagoge, greift das 2010 fertiggestellte Gebäude (Architekt: Manuel Herz) die Thematik der Erinnerung und der Einbettung in die Geisteswelt des Judentums auf. Hinter einem Denkmal aus Bauteilen der zerstörten Synagoge zieht die gezackte Silhouette des neuen Bauwerks die Blicke auf sich. In die Gestalt der Syna­goge sind in abstrakter Form die he­bräischen Buchstaben Kuf, Dalet, Waw, Schin und Heh eingeschrieben und bilden das Wort „Keduscha“, zu Deutsch „Heiligkeit“. Überall sind Hinweise auf das Judentum als Religion der Schrift, die Herz als geistigen Kern der Synagoge interpretiert, zu finden. So entstand eine Bauskulptur, die durch ihre Gestalt auch diejenigen zum Nachdenken auffordert, die die Interpretation des Architekten nicht kennen.
Neben solchen spektakulären Neubauten entstanden seit 1990 in weitaus größerer Zahl pragmatischere Synagogen und Gemeindezentren, die aber architektonisch oft ebenfalls sehr gelungen sind. Einige Bauwerke der 1950er- und 60er-Jahre wurden erweitert und dabei oft erheblich umgestaltet wie in Würzburg, Osnabrück und Offenbach. In anderen Städten – wie Bamberg, Bad Segeberg und Marburg – wurden Gebäude, die bis dahin nicht von jüdischen Gemeinden genutzt worden waren, in Synagogen und Gemeindezen­tren verwandelt.
Besondere Aufmerksamkeit erlangen solche Umnutzungen, wenn aus ehemaligen Kirchen jüdische Einrichtungen werden. Der Mitgliederschwund christlicher Konfessionen lässt deren Entscheidungsträgern immer mehr Kirchen als überzählig und im Unterhalt zu teuer erscheinen. Natürlich werden dabei die religiösen Regeln der jeweiligen christlichen Konfession eingehalten, sodass die Gebäude selbst bei der Übergabe keine Kirchen mehr sind. Dennoch rufen solche Umwidmungen auch Gefühle des Verlusts hervor.
Bei der Umgestaltung der Gustav-Adolf-Kirche im Westen Hannovers zum liberalen Gemeindezentrum durch die Architekten Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens, eingeweiht 2009, verlief der Prozess der Neunutzung in gegenseitiger Achtung – nicht zuletzt weil die jüdische Gemeinde sich als ein Ort versteht, der sich den früheren Besuchern öffnet. Aber so einfach es ist, christliche Symbole durch jüdische zu ersetzen und die Innenräume für den jüdischen Gottesdienst herzurichten, so schwierig ist es, die tradierten Bauformen der Kirchen umzudeuten. Synagogen brauchen eben keine Kirchtürme! Doch die in Hannover und anderen Orten gefundenen Lösungen zeigen, dass es für Synagogen weder in der Geschichte noch in der Gegenwart einen spezifischen Baustil gab und gibt: Kirchen unterschiedlicher Stile können in Synagogen verwandelt werden, so wie Synagogen immer schon die Baustile ihrer jeweiligen Entstehungszeit reflektierten.
Ob als ausdrucksstarke Architektur-Skulpturen, als intelligente Umnutzungen älterer Bauten oder als pragmatische Zweckbauten: Synagogen und Gemeindehäuser der jüdischen Gemeinden spielen in der aktuellen religiösen Architektur eine herausragende Rolle. Sie geben dem jüdischen Leben einen zeitgemäßen Ausdruck und reflektieren sowohl die jüdische Tradition als auch die deutsch-jüdische Geschichte. Nicht immer entstehen dabei „einfache“ Bauwerke, denn auch das Herausfordernde gehört zur Vielfalt und zur besonderen Qualität der zeitgenössischen Synagogenarchitektur.

Dr.-Ing. Ulrich Knufinke ist Privatdozent an der Universität Stuttgart und arbeitet am Institut für die Geschichte der Deutschen Juden, Hamburg, sowie an der Bet Tifla – Forschungsstelle für jüdische Architektur, Braunschweig