17. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2017 | 9. Tischri 5778

Gut aufgestellt

Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg feierte ihr 25. Jubiläum

Von Lina Brunnée

Die Gründung einer Gemeinde mit weniger als 20 Mitgliedern ist – zahlenmäßig betrach­tet – keine Großveranstaltung, wohl aber ein großer und mutiger Schritt. Genau das war 1992 der Fall, als in Oldenburg eine neue jüdische Gemeinde ins Leben gerufen wurde. Heute zählt die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg 300 Mitglieder, von Kindern und Jugendlichen bis zu einem 96-jährigen Gemeindemitglied. Zwar ist sie auch mit diesem Mitgliederstand keine Großgemeinde, doch kann sie auf eine Reihe von Erfolgen blicken, an die vor 25 Jahren kaum jemand geglaubt hätte. Im vergangenen Monat wurde dieses Jubiläum nicht nur mit einem Festakt, sondern mit einer ganzen Festwoche gefeiert.
Die Palette der Aktivitäten, die die Gemeinde anbietet, ist breit. Es gibt eine Sonntagsschule für drei Altersstufen, einen Schachklub, einen Deutschkurs, einen Gesprächskreis, einen Frauenkreis, einen Seniorentreff, ein Chorprojekt und Bikkur Cholim (Besuch der Kranken). Die Gemeinde hat auch eine Chewra Kadischa (Bestattungsgesellschaft).
Bei einem besonderen Projekt helfen alle vier Generationen mit: bei dem Song-Contest jüdischer Jugendzentren, der Jewrovision. „Wir sind die kleinste Gemeinde, die dort einen eigenen Auftritt auf die Beine stellt“, betont stolz der Erste Vorsitzende der Gemeinde, Jehuda Wältermann. Gemeinderabbinerin Alina Treiger ergänzt: „Die ältere Generation fiebert ebenso mit. Sie helfen, wo sie nur können und fühlen sich dadurch jünger. Schließlich sind sie an einem coolen Projekt beteiligt.“ Die ersten Planungen für die Jewrovision 2018 beginnen schon bald.
Neben all den Projekten und Gruppen steht natürlich immer der Gottesdienst im Mittelpunkt. Das ist schließlich die wichtigste Aufgabe der Gemeinde. „In unseren Gottesdiensten sind meist um die 40 bis 45 Besucher“, erklärt Wältermann. Und Rabbinerin Treiger merkt an: „Ich bin sehr glücklich, in Oldenburg Rabbinerin zu sein. Die Stadt und die Menschen haben wirklich einen ganz besonderen Charme.“
„Unsere Gemeinschaft besteht aus drei Säulen, die unterschiedlich viel Halt von der Gemeinde brauchen. Die Jugend braucht viel, weil sie lernt und dabei ist, ihre religiöse Identität zu festigen. Die Leute im Erwachsenenalter benötigen die Gemeinde nicht so sehr, sie stehen auf eigenen Beinen. Aber die Senioren, die benötigen sie wieder, um am Leben teilzunehmen und ihre sozialen Kontakte zu pflegen“, so Wältermann. Vor allem mit Blick auf die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Senioren werden die Gemeindepublikationen zweisprachig – auf Deutsch und Russisch – veröffentlicht.
Auch als Teil der Stadtgesellschaft ist die Gemeinde gut aufgestellt. „In unserer Arbeit ist es uns wichtig, dass das Judentum zur Normalität wird und das Exotische verliert“, sagt Wältermann. Um das zu erreichen, öffne sich die Gemeinde gegenüber der nichtjüdischen Umwelt. Das werde von den Mitgliedern befürwortet und mitgetragen. „Bei uns sind alle in die Stadt integriert“, sagt Rabbinern Treiger. „Es gibt einen sehr offenen Umgang mit Menschen aus anderen Religionsgemeinschaften. Freundschaften entstehen und das Vertrauen wird gestärkt.“
Wältermann selbst ist noch auf seine eigene Weise eine Stütze des Stadtlebens: Der Gemeindevorsitzende ist nämlich Mädchenfußball-Trainer im ortsansässigen Post SV. So kommt es auch zu Szenen wie dieser: Eine Gruppe Jugendlicher läuft durch die Straße, einige Mädchen sehen Wältermann. Sie laufen auf ihn zu, klatschen mit ihm ab und schließen sich wieder ihrer Gruppe an.
Das Jubiläum war auch ein guter Augenblick, um zurückzublicken und einer Frau zu gedenken, ohne die es die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg gar nicht gäbe: Sara-Ruth Schumann. Sie war Gründungsmitglied und allererste Vorsitzende, bis Wältermann das Amt 2012 übernahm. Schumann war die treibende Kraft des Gemeindeaufbaus. Sie verstarb 2014. Von den Errungenschaften ihres Wirkens zehrt die Gemeinde aber bis heute.