17. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2017 | 9. Tischri 5778

Vorsicht: Worte!

Nicht nur üble Nachrede, sondern auch scheinbar harmloser Tratsch ist im Judentum verboten

„Laschon ha-Ra“, die „böse Rede“, ist im Judentum strikt verboten. Über die Bedeutung dieses Verbots sprach die „Zukunft“ mit Professor Admiel Kosman, der Talmud und Rabbinische Literatur an der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam lehrt. Kosman, Absolvent der Jeschiwat ha-Kotel in Jerusalem, promovierte an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Später lehrte er dort sowie an mehreren renommierten Hochschulen in den USA und in Großbritannien.

Zukunft: Herr Professor Kosman, was genau ist Laschon ha-Ra?

Professor Admiel Kosman: Wörtlich könnte man es als „Zunge des Bösen“ übersetzen. „Böse Rede“ wäre vielleicht eine sinngemäße Wiedergabe des he­bräischen Begriffs.
Mit Blick auf Laschon ha-Ra wird im 4. Buch Mose berichtet, Gott habe Moses’ Schwester Miriam bestraft, weil sie schlecht von Moses gesprochen habe. Was Laschon ha-Ra im Einzelnen ist, wurde im Laufe der Zeit präzisiert. Die bis heute richtungsweisende Definition stammt von unserem großen Kodifikator Rambam, also aus dem 12. Jahrhundert. Rambam unterscheidet drei Arten von Laschon ha-Ra. Die erste Kategorie ist der „einfache“ Tratsch – und zwar auch dann, wenn er wahr ist. Der Tratschende (Rachil auf Hebräisch), so Rambam, „geht von einem zum anderen und sagt: Das hat jener gesagt, das und das habe ich über jenen gehört.“ Auch wenn er die Wahrheit sagt, „zerstört das die Welt“. Der Rachil tratscht aber nicht nur, er sammelt verborgene Informationen, spioniert also seine Opfer aus. Für Rambam ist „lerachel“, also tratschen, mit „leragel“, spionieren, verwandt.
Die zweite Kategorie ist die Verbreitung böser Informationen über andere, auch wenn sie dem Erzählenden ohne sein eigenes Zutun zugetragen wurden. „Bignut chavero“, zur Verurteilung des Nächsten, sagt Rambam dazu und ergänzt, dass die Weiterverbreitung auch dann verboten ist, wenn die geschilderten Sachverhalte den Tatsachen entsprechen. Noch gravierender ist der dritte Fall, den Rambam schildert: die Verbreitung von Lügen. Das definiert er als „motzi schem ra“ – der Verleumder gibt dem Opfer einen „schlechten Namen“. Das entspricht am ehesten der modernen Definition der üblen Nachrede.

Gibt es keine Ausnahmen oder Zweifelsfälle?

Klar gibt es Ausnahmen und Zweifelsfälle auch bei Laschon ha-Ra, genauso wie in anderen Bereichen der Halacha. Nehmen wir an, ich erfahre, dass mein Nachbar einen Raubüberfall plant. Rein theoretisch könnte ich versuchen, ihn durch gutes Zureden dazu zu bringen, von seinem Plan abzulassen. Das funktioniert im praktischen Leben aber kaum und es handelt sich um eine Notlage, in der ich schnell handeln muss. Daher wird der Gang zur Polizei in diesem Fall wohl der ethisch richtige Weg sein. Natürlich schade ich damit dem Räuber, verhindere aber weitaus schwereren Schaden, den dieser Dritten zufügen würde.
Es gibt aber auch kompliziertere Fälle. Angenommen, ein Freund von mir will in eine sehr problematische Familie einheiraten, die ihm aller Wahrscheinlichkeit nach viel Ärger bereiten wird. In diesem Fall darf ich ihm das erzählen. Was aber, wenn ich selbst mit dieser Familie verfeindet bin? Was ist die Absicht meines Herzens: meinem Freund zu helfen, oder der verfeindeten Familie zu schaden?

Wenn ich aber schweige, schade ich meinem Freund.

Als eine Kompromisslösung könnte ich einen Dritten bitten, die relevanten Informationen an meinen Freund zu übermitteln …
… und diesen Dritten dadurch zwingen, sich des Laschon ha-Ra statt meiner schuldig zu machen? Das wäre doch nur eine zusätzliche unethische Handlung.
Damit das nicht passiert, dürfte ich dem Dritten wirklich nur diejenigen Informationen weitergeben, die für die Eheschließung meines Freundes relevant sind. Mehr als er von mir weiß, kann er ja nicht erzählen, während ich selbst im Gespräch mit meinem Freund der Versuchung erliegen könnte, alles, was mir bekannt ist, auszuplaudern. Mit dem Umweg über einen Dritten würde ich versuchen, eine Balance zwischen der Pflicht zum Freundschaftsdienst auf der einen und dem Verbot von Laschon ha-Ra auf der anderen Seite herzustellen. In der Praxis kommt es auf die genauen Umstände des Falls an.
Das Verbot von Laschon ha-Ra gilt natürlich auch im Verhältnis zu Kollektiven. Man darf keine böse Rede gegen Gruppen, Gemeinschaften, Völker und so weiter führen. Gerade wir als Juden mussten oft genug erleben, was Hetze bewirken kann. Ein Gerücht, eine Verleumdung – und schon ging ein Pogrom los.

Nun aber scheint Laschon ha-Ra eines der häufigsten Laster zu sein.

Es ist in der Tat tief verwurzelt, was den Kampf dagegen nur noch notwendiger macht. Wir müssen Laschon ha-Ra auch dadurch entgegentreten, dass wir nicht als Zuhörer zur Verfügung stehen. Warum erzählt uns der Lästerer oder Verleumder Unpassendes über Dritte? Er will uns beeindrucken oder den anderen kleinmachen und sich selbst in unseren Augen wichtigmachen. Diese Genugtuung sollten wir ihm nicht gewähren. Wenn jemand uns mit solchen Reden daherkommt, sollten wir ihm sagen: „Das interessiert mich nicht“ oder „Das will ich nicht hören.“ In Israel gibt es Aufkleber mit dem Satz „Laschon ha-Ra? – Lo medaber elai.“, auf Deutsch: „Böse Rede? – Spricht mich nicht an.“
Das Verbot von Laschon ha-Ra ist zugleich Teil einer umfassenden Ethik. Im Verhältnis zu unseren Mitmenschen sollten wir idealerweise imstande sein, in ausreichendem Maße über unser Ich hinauszuschauen, um den anderen wahrzunehmen. Mit diesem Problem hat sich der Religionsphilosoph Martin Buber ausführlich beschäftigt. Für ihn gehörte es zu wahrer Hinwendung zu Gott, dass wir in dem anderen kein entmenschlichtes Es, sondern ein Du, also den Menschen sehen, der genauso wie wir Mensch ist. Wären alle dazu fähig, wären die einzelnen Mitzwot zwischen Mensch und Mensch vielleicht nicht nötig. Jeder wüsste nämlich genau, wie er sich gegenüber den anderen zu verhalten hat. Nun aber ist das nicht der Fall. Deshalb versucht die Halacha, uns mit ihren Anweisungen eine Hilfe an die Hand zu geben, damit wir uns dem Nächsten gegenüber anständig verhalten. Für diese Hilfe sollten wir, egal wie wir uns selbst in religiöser Hinsicht definieren, dankbar sein.