17. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2017 | 9. Tischri 5778

Gedenken

45 Jahre nach dem Olympia-Massaker wurde in München ein Gedenkort eingeweiht

Von Rozsika Farkas

Es ist inzwischen 45 Jahre her, dass elf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Bei dem Überfall auf das israelische Quartier wurden zwei der Opfer sofort in ihren Zimmern erschossen; neun, die als Geiseln genommen wurden, starben auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, als deutsche Polizisten einen dilettantischen Befreiungsversuch unternahmen. Dabei starb auch ein Polizist.
Nun wurde im Münchner Olympiapark ein Gedenkort eingeweiht, der an das Massaker erinnert. Die Einweihungszeremonie fand am 6. September, einen Tag nach dem Jahrestag des Überfalls, im Beisein prominenter Gäste statt, unter ihnen Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) Ronald Lauder, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. Josef Schuster, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach sowie zahlreiche weitere weltliche und geistliche Würdenträger.
Warum es so lange gedauert hat, bis ein solches Gedenkmal errichtet wurde, war bei der Zeremonie verständlicherweise ein wichtiges Thema. In seiner Ansprache kritisierte der Bundespräsident: „Viel zu lange fehlte dieser Ort.“ WJC-Präsident Lauder äußerte sich ähnlich: „Es hätte nicht 45 Jahre dauern dürfen, das Denkmal zu errichten.“ Dieser Ansicht sind viele. Insgesamt überwog aber bei der Einweihung die Genugtuung darüber, dass das Projekt nun abgeschlossen wurde. Zentralratspräsident Dr. Schuster erklärte: „Es ist gut, dass es jetzt da ist.“
Auch ein weiterer wunder Punkt kam zur Sprache: die Tatsache, dass der Anschlag nicht verhindert wurde. Bundespräsident Steinmeier sprach es bei der Eröffnungsfeier im Olympiapark deutlich aus: Den israelischen Sportlern wurde die nötige „Sicherheit in Deutschland – ausgerechnet in Deutschland! – nicht gewährt. An dieser Schuld tragen wir schwer.“
Emotional und bewegend war die Ansprache des israelischen Staatspräsidenten. Rivlin sprach die ermordeten Sportler direkt an: „Liebe Freunde, wir wandeln heute auf euren Pfaden, gehen die Wege, die ihr gegangen seid, hören das gleiche Zwitschern der Vögel wie ihr damals.“ Er empörte sich da­rüber, dass die palästinensische Fatah-Bewegung noch im vergangenen Jahr das Massaker als „heroische Tat“ bezeichnet habe. Klar war seine Aussage zur umstrittenen Entscheidung, die Spiele fortzuführen. „The games must go on“ ist für Rivlin „ein Satz, an den sich die Welt in ewiger Schande erinnern wird.“
Ankie Spitzer, Witwe des ermordeten Fechters Andrei Spitzer verbarg nicht, dass sie mit äußerst gemischten Gefühlen nach München gekommen sei. Sie erinnerte mit bitteren Worten daran, dass man der israelischen Mannschaft vorgeworfen habe, sie habe den Terror nach Deutschland gebracht. Am Ende zeigte sie sich aber zufrieden darüber, dass der Erinnerungsort, den der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer bei einem Israelbesuch vor fünf Jahren versprochen hatte, nun endlich realisiert wurde. An Seehofer gerichtet sagte sie: „Sie haben Wort gehalten.“ Ankie Spitzer forderte die Anwohner, die sich im Vorfeld gegen das Denkmal gewehrt hatten, weil sie um ihre Ruhe fürchteten, auf: „Kommt hierher. Kommt und bringt eure Kinder mit. Zeigt es ihnen, erklärt es ihnen!“
In einem waren sich die Anwesenden einig: Der Erinnerungsort im Olympiapark, dieser „Einschnitt“ in dem sogenannten Lindenhügel, den die Architekten Peter und Christian Brückner entworfen haben, bietet eine angemessene und würdige Form des Gedenkens.
Flache Stufen führen ins Innere des Hügels, wo auf riesigen, vierfach gesplitteten Bildschirmen ein knapp halbstündiger Film läuft – bestehend vor allem aus Ausschnitten deutscher und einiger israelischer Nachrichtensendungen sowie aus Rückblicken auf die israelische Staatsgründung. Anfangs wird der Einmarsch der glücklich wirkenden israelischen Equipe bei den Eröffnungsfeierlichkeiten gezeigt. Im weiteren Verlauf wird deutlich, wie leichtfertig die Verantwortlichen in ihrem Bemühen, sich der Welt als heiter und offen zu präsentieren, waren. Warnungen vor Anschlägen wurden ignoriert.
Die zwölf Schautafeln rücken die Persönlichkeiten der israelischen Sportler und des bei dem Befreiungsversuch ums Leben gekommenen Polizisten Anton Fliegerbauer in den Vordergrund. Bei jedem ist ein persönliches Erinnerungsstück hinzugefügt: Bei Fliegenbauer seine Ernennungsurkunde zum „städtischen Polizeiobermeister“, bei Josef Romano die Kippa mit Olympiaemblem, bei Andrei Spitzer das Münchner Olympiamaskottchen, der quietschbunte Plüschdackel „Waldi“. „Pour Anouk“ steht dabei. Andrei hatte es gekauft, um es seiner kleinen Tochter Anouk mitzubringen.