17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Kölsch und jüdisch

In der Domstadt sind gleich vier jüdische Theater tätig

Von Annette Kanis

Arthur Millers Bühnenstück „Scherben“ erzählt von Krise und Krankheit eines jüdischen Ehepaares in New York im Jahr 1938 – und zwar vor dem Hintergrund der „Reichskristallnacht“. Jetzt wurde das Stück in Düsseldorf aufgeführt, und zwar von der Kölner Theatergruppe „rimon productions“ – mit einem beklemmend aktuellen Bezug. Der Aufführung stellt Regisseurin Britta Shulamit Jakobi nämlich einen Prolog voran, der im Publikum ein Gefühl der Bedrohung aufkommen lässt. Was wäre, wird gefragt, wenn jetzt Krieg in Deutschland wäre? Wenn sich die Lage zuspitzen würde? In dem Gedankenspiel wird Deutschlands Recht auf Selbstverteidigung nach einem Angriff in Frage gestellt – gleichsam ein Bezug zu Israel.
Jüdische Identität spielt aber nicht nur in dieser Aufführung und nicht nur bei dieser Schauspieltruppe, sondern auch bei anderen jüdisch in­spirierten Theatergruppen eine große Rolle – bei der Stückeauswahl ebenso wie bei der Inszenierung. Und es gibt eine ganze Reihe solcher Theater: allein in Köln sind es vier. Das älteste ist das „Theater Michoels“ unter Leitung von Alex Schneider. Im Gründungsjahr 1997 war es das erste jüdische Theater in Deutschland. Zu seinem 20-jährigen Bestehen hat es die Aufführung des Stückes „Lea – ich gehe zu mir“ im Jüdischen Wohlfahrtszentrum in Köln gewählt. Das Stück ist ein Tribut an das literarische Lebenswerk der Dichterin und Schriftstellerin Lea Goldberg.
Alex Schneider, Begründer, Regisseur und Mitwirkender, hat einen großen Wunsch: eine neue eigene Bühne sowie eigene Verwaltungsräume für sein Theater. „Das würde unsere Arbeit sehr erleichtern“, so der 50-Jährige, der vor rund 30 Jahren aus Israel über Paris und London nach Köln kam. Gespielt hat sein Ensemble schon auf vielen Bühnen – im Schloss Bellevue für den Bundespräsidenten, im Kölner Schauspielhaus, bei Gastspielen in Berlin und Wien. Schwerpunkt des Theater Michoels ist das Kabarett mit Musik, Witz und Unterhaltung mit Tiefgang. „Wir wollen mit unserem Engagement an das gemeinsame Lächeln der Zwanzigerjahre anknüpfen“, erklärt Schneider und erinnert an die Zeit, als es in Berlin viele Theater und theaterähnliche Etablissements gab, in denen jüdische Unterhaltungsmusik und jüdischer Humor eine wichtige Rolle spielten und das jüdisch geprägte Kabarett seinen Höhepunkt hatte. Zurzeit liegt der Schwerpunkt des Theater Michoels auf Bildungsprojekten für weiterbildende Schulen. „Wir führen Workshops auch in Kölner Hauptschulen durch, wo wir mit unserer besonderen Mischung aus Texten, Gesang und Musik oft für Überraschungen sorgen.“ So versuche man, Schülern die jüdische Kultur näherzubringen und eventuell bestehende Vorurteile zu überwinden.
Pädagogische Arbeit ist auch ein Standbein von Sophie Brüss und ihrem „Theater Tacheles“. Ihr Publikum sind Kinder, daher tritt die Truppe großenteils in Kindertagesstätten und Grundschulen auf. Die Theatermacherin, die selbst zweisprachig aufgewachsen ist, hat mit dem konsequent zweisprachigen Stück „Im Land der tausend Farben“ einen interessanten Rahmen gewählt: Multikulti für Kita-Kinder – verständlich und anschaulich vermittelt. Ein anderes, häufig gespieltes Stück ist „An der Arche um Acht“ nach dem bekannten Kinderbuch von Ulrich Hub, das sich mit Fragen der Religion und Mitmenschlichkeit befasst, aus der Sicht von drei Pinguinen unterhaltsam erzählt. Betont jüdisch wird eine für die nahe Zukunft geplante musikalische Revue. Sie soll im Stil des jüdischen Kabaretts der Zwanzigerjahre gestaltet werden. Jüdische Thematik sei nicht auf Antisemitismus und den Zweiten Weltkrieg begrenzt, das sei ihr wichtig, sagt Theatermacherin Sophie Brüss. Sie plant deshalb auch ein Stück für Kinder, in dem das Judentum spielerisch erklärt wird.
„Ich bin Jüdin, ich verstecke das nicht“, sagt Svetlana Fourer, „aber ich programmiere mich nicht als jüdisches Theater im eng gefassten Begriff.“ Die professionelle Theatermacherin steht hinter dem „SFEnsemble“, das seit mehr als zehn Jahren die Kölner Theaterlandschaft mitprägt und seinen Schwerpunkt in moderner und klassischer Dramatik aus Russland sowie im Kindertheater sieht. Dabei würden immer wieder auch jüdische Themen aufgegriffen, aber eben nicht ausschließlich, so Svetlana Fourer, die als Regisseurin, Autorin und Theater­pädagogin agiert. Durch ein Zeitzeugen-Theater unter Teilnahme von ehemaligen NS-Verfolgten und Schülern setzte sie sich mit dem Holocaust auseinander. Für ihre „Hiob“-Inszenierung für die Jüdischen Kulturtage im Rheinland 2015 erntete sie Lob. Das „SFEnsemble“ ist ein Kollektiv freischaffender Künstler, die projektbezogen miteinander arbeiten. Die Theatergruppe spielt auf wechselnden Bühnen in Köln, aber auch auf internationalen Theaterfestivals, wobei ein besonderer Austausch mit Moskauer Bühnen besteht.
Gastspielproduktionen sind auch die drei Stücke aus dem Repertoire der „rimon productions“. Das Ensemble um Britta Shulamit Jakobi spielt in verschiedenen Städten auf Festivals, Gedenkveranstaltungen und bei Aufführungen mit politischer Bildung. Neben Arthur Millers „Scherben“ steht auf dem Programm auch das Kinder- und Jugendstück „Das Kind von Noah“ von Eric-Emmanuel Schmitt, in dem ein jüdischer Junge die NS-Zeit überlebt und gleichsam jüdische Kultur in die Zukunft rettet. Außerdem ist eine konzertante Lesung mit Texten von Paul Celan im Programm. „Wir setzen uns mit verschiedenen jüdischen Themen auseinander. Die Auseinandersetzung mit jüdischer Identität und Gesellschaft und ihre Einflüsse waren bisher Themenschwerpunkte“, erklärt Theatermacherin Jakobi. Dabei sei das im Anschluss an die Aufführung eingeplante Publikumsgespräch sehr wichtig. Dort könnten im Theaterstück rezipierte Gedanken und Gefühle, Fragen und Eindrücke im Austausch weiter besprochen werden.