17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Die Legion

Vor 100 Jahren wurde in Großbritannien die erste jüdische Kampftruppe der Moderne gegründet

Vor fast auf den Tag genau 100 Jahren, am 23. August 1917, erschien im Amtsblatt der britischen Regierung, der Londoner „Gazette“, eine kurze Bekanntmachung. Die Regierung Seiner Majestät, so der Inhalt, beabsichtige, ein jüdisches Regiment im Rahmen der britischen Streitkräfte aufzustellen. Das war die Geburtsstunde der ersten jüdischen Kampftruppe der Moderne, die auf Englisch unter dem Namen Jewish Legion (Jüdische Legion) bekannt wurde und auf Hebräisch meistens als „Ha-Gdudim ha-Iwriim“ bezeichnet wird, zu Deutsch: die jüdischen (oder: hebräischen) Bataillone.
Die lakonische Mitteilung im britischen Amtsblatt hatte eine lange Vorgeschichte und sollte eine nicht immer erfreuliche Fortsetzung haben. Leicht hatten es die jüdischen Bataillone nämlich nicht, und zwar nicht nur wegen des Krieges, sondern auch wegen krasser Diskriminierung, die die britischen Streitkräfte ihren jüdischen Einheiten zukommen ließen.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges blickte die damals mit knapp 90.000 Menschen noch kleine jüdische Bevölkerung in dem zum Osmanischen Reich gehörenden Israel in eine ungewisse Zukunft. Ende Oktober 1914, drei Monate nach Kriegsbeginn, griffen die türkischen Streitkräfte Russland an. Innerhalb von zwei Wochen folgten die offiziellen Kriegserklärungen zwischen der Türkei auf der einen sowie Russland, Großbritannien und Frankreich auf der anderen Seite.
Der Führung der jüdischen Gemeinschaft war klar, dass der Kriegsausgang für die Zukunft des Landes Israel entscheidend sein würde. Weniger klar war, wie sich die Juden in Palästina verhalten sollten. Es gab gewichtige Stimmen, die den Eintritt palästinensischer Juden in die osmanische Armee befürworteten. Kein Geringerer als Israels späterer Gründungsvater, David Ben-Gurion, regte die Schaffung einer jüdischen Truppe innerhalb der osmanischen Streitkräfte an. Letztendlich scheiterte die Idee am Widerstand der türkischen Armeeführung. Kurz darauf deportierten die osmanischen Behörden 12.000 Juden – vor allem russische Untertanen – als „feindliche Ausländer“ aus Israel nach Ägypten. Dort wurden sie von den in Ägypten regierenden Briten in Flüchtlingslagern untergebracht.
Nun kam die entgegengesetzte Idee zum Zuge. Der damals 35-jährige zionistische Aktivist und spätere Gründer der revisionistischen Bewegung im Zionismus, Wladimir (Ze’ew) Jabotinsky, den es als Journalisten nach Alexandrien verschlagen hatte, begann, für die Aufstellung einer jüdischen Legion im Rahmen der britischen Streitkräfte zu werben, um an der Befreiung Palästinas von der Osmanenherrschaft teilzunehmen. Unter den Deportierten stieß die Idee auf Begeisterung. Innerhalb weniger Tage hatten sich 500 Freiwillige gemeldet. Auf britischer Seite hielt sich der Enthusiasmus, gelinde gesagt, in Grenzen – erst recht, wenn von der Entsendung jüdischer Kämpfer nach Palästina die Rede war. Der Befehlshaber der britischen Truppen in Ägypten, General John Maxwell, schlug im März 1915 lediglich die Schaffung einer Frontversorgungstruppe für den Einsatz an einem anderen Abschnitt der türkischen Front vor. So entstand das sogenannte Zion Mule Corps – eine Einheit jüdischer Maultierführer. Von den Briten in die verlustreiche und letztendlich erfolglose Schlacht von Galipoli an der westtürkischen Küste geschickt, zeichneten sich die 562 Männer der Einheit durch Mut und Beherrschung unter feindlichem Feuer aus, wie ihnen nicht nur ihr direkter Kommandeur, der fromme, projüdische Christ Oberstleutnant John Henry Patterson, sondern auch der Befehlshaber des Expeditionskorps, General Ian Hamilton, bescheinigte. Pattersons Stellvertreter, Josef Trumpeldor, war ein Veteran der russischen Armee, der im Russisch-Japanischen Krieg von 1904 bis 1905 einen Arm verloren hatte und 1906 als erster Jude Offizier im zaristischen Russland geworden war. Sechs Jahre später wanderte Trumpeldor nach Israel aus.
Der ganz große Wurf im jüdischen Kampf um Palästina war das Abenteuer Galipoli auf den ersten Blick nicht. Nach der Niederlage der von Großbritannien angeführten alliierten Truppen wurde das jüdische Zion Mule Corps nach Ägypten zurückgebracht und 1916 aufgelöst. Dennoch war ein Grundstein gelegt. Jabotinsky, der die Idee des Maultiertreiber-Korps als unwürdig abgelehnt hatte, und Trumpeldor klopften nunmehr wieder gemeinsam an zahlreiche Türen bei Regierung und Militär in London, um die Idee der Jüdischen Legion voranzutreiben. Oft genug stießen sie auf Ablehnung – übrigens auch bei vielen britischen Juden, die eine jüdische Einheit als eine Gefahr für ihre Integration in die britische Gesellschaft sahen. Die zionistische Bewegung bestand auf strikter Neutralität im Weltkrieg.
Dann aber kam der Durchbruch. Auf Veranlassung des britischen Premierministers David Lloyd George empfing Kriegsminister Lord Derby im April 1917 Jabotinsky und Trumpeldor und ließ sich ihre Idee erklären. Dabei stellte Trumpeldor klar, seiner Meinung nach sei mit einem kräftigen Zustrom an Freiwilligen nur dann zu rechnen, wenn die jüdische Einheit von vornherein für den Einsatz in Palästina bestimmt werde. Das wurde in London akzeptiert, und im August gab die Regierung die Aufstellung eines jüdischen Regiments bekannt.
Für diese, nach zwei Jahren beharrlicher Weigerung gewährte Genehmigung waren wahrscheinlich zwei Faktoren entscheidend. Zum einen erlebte die britische Nahostpolitik ihre relativ kurze, aber wichtige prozionistische Phase. Parallel zur Frage jüdischer Kampftruppen wurde die Balfour-Deklaration zur Anerkennung jüdischer Rechte in Palästina vorbereitet. Zum anderen war die Kriegslage Großbritanniens im Sommer 1917 nicht glänzend: weder an der europäischen Front, noch in Nahost. Die Eroberung Palästinas stand zwar auf dem Plan des britischen Generalstabs, kam aber nicht voran. Unter diesen Umständen war ein jüdisches Regiment für Palästina nicht zu verachten. Zum Schluss sollten es sogar fünf Regimenter werden.
Nach der Ankündigung vom August 1917 ging es zügig voran. Als erstes wurde das 38. Regiment der traditionsreichen Truppe der Royal Fusiliers aufgestellt. In ihm dienten britisch-jüdische Freiwillige – vor allem Immigranten aus Osteuropa – sowie ein Kern von 120 Angehörigen des ehemaligen Maultierkorps unter Trumpeldor. Auch der Kommandeur war ein bekanntes Gesicht: der inzwischen zum Oberst aufgestiegene John Henry Patterson.
Nordamerikanische Freiwillige, von der britischen Armee rekrutiert, wurden im 39. Regiment zusammengefasst. Die meisten kamen aus den USA, andere aus Kanada. In das 40. Regiment wiederum wurden Freiwillige aus Palästina aufgenommen. Diese drei Regimenter wurden nach der Ausbildung nach Israel verlegt, zwei weitere – das 41. und das 42. – blieben als Reserve in Plymouth an der englischen Südküste stationiert.
Auf dem Höhepunkt erreichte die Stärke der Jüdischen Legion rund 5000 Mann. Insofern behielt Trumpeldor mit seiner Prognose Recht, der Einsatz für Palästina würde zahlreiche Freiwillige anziehen. Allerdings litten die jüdischen Regimenter trotz des offiziellen Wohlwollens der Regierung von Anfang an unter Diskriminierung und Schikanen und konnten ihr Kampfpotenzial nur zum Teil ausschöpfen.
Die späte Aufstellung der Legion führte dazu, dass sie an der britischen Offensive in Palästina nur begrenzt teilnehmen konnte. Wohl wurden das 38. und das 39. Regiment bei Kämpfen gegen die osmanischen Streitkräfte an der Jordan-Front eingesetzt. Auch nahmen die jüdischen Soldaten an der Schlacht von Meggido im September 1918 teil. Allerdings weigerte sich der kommandierende britische General Edmond Allenby, die jüdischen Regimenter zu einer jüdischen Brigade zusammenzulegen. Er versuchte sogar, sie in Baubataillone zu verwandeln und sie mit anderen Truppen zusammenzulegen, um ihnen die jüdische Identität zu nehmen.
Allenbys Haltung spiegelte nicht nur seine persönliche Einstellung, sondern eine nunmehr zunehmend proarabische Haltung Großbritanniens wider. Es war indessen nicht nur die große Politik, die das negative Verhältnis der Armeeführung zu den jüdischen Soldaten bestimmte, sondern auch antisemitisches Verhalten. Nicht umsonst schrieb Oberst Patterson später in seinen Memoiren: „Dem jüdischen Bataillon wurde während seines Einsatzes im Heiligen Land nicht das Maß an Gerechtigkeit und Anstand zuteil, das ihm zustand […] Ich musste ständig die unfairen Schläge abwehren, die gegen das von mir befehligte Bataillon gerichtet waren.“ Unter anderem wurde Pattersons Einheit länger als jede andere im heißen und ungesunden Jordantal stationiert und erst dann abgezogen, als 80 Prozent der Männer an Malaria erkrankt waren. Die Versorgung der jüdischen Regimenter kam meistens zu spät, und die Soldaten waren oft die Zielscheibe antisemitischer Beleidigungen.
Selbst das 1917 gegebene Versprechen, der Legion eine jüdische Bezeichnung zu geben, wurde erst Ende 1919 eingelöst. Die nach Kriegsende nach und nach schrumpfende Einheit erhielt den offiziellen Namen „First Judean Battalion“ und ein Abzeichen mit der Menora und dem hebräischen Wort „Kadima“, das ebenso „vorwärts“ wie „ostwärts“ bedeutet. Das war aber kein wirklicher Ausgleich für die Politik der britischen Militärregierung, jüdische Belange zu ignorieren und der jüdischen Bevölkerung keinen angemessenen Schutz vor arabischen Ausschreitungen zu gewähren. Auch und gerade den jüdischen Regimentern wurde jegliches Einschreiten zum Schutz jüdischer Zivilisten untersagt. 1921 wurde die Legion aufgelöst. Die meisten Demobilisierten aus Übersee kehrten in ihre Herkunftsländer zurück.
Trotz der Hindernisse, die ihnen in den Weg gestellt worden waren, entwickelten sich die jüdischen Regimenter – oft als die erste jüdische Kampftruppe seit dem Bar-Kochba-Aufstand gegen die römische Besatzung im 2. Jahrhundert n. d. Z. bezeichnet – zu einem Symbol für ein neuerwachendes jüdisches Selbstbewusstsein. Die „Legionäre“, wie sie genannt wurden, waren noch jahrzehntelang ein Rollenmodell für Jüngere.
Für das jüdische Gemeinwesen in Israel wiederum bedeuteten die „hebräischen Bataillone“ fast eine Schule der Nation. Die Veteranen waren in der britischen Mandatszeit maßgeblich an jüdischen Selbstschutz- und Untergrundorganisationen beteiligt. Zum Teil liest sich die Liste der Veteranen wie ein Who’s Who der Gründergeneration des jüdischen Staates. Unter anderem hatten in der Legion David Ben-Gurion und Levi Eschkol, Israels erster beziehungsweise dritter Ministerpräsident, der zweite Staatspräsident Jitczhak Ben-Zvi und Jaakow Dori, der erste Generalstabschef der israelischen Armee, gedient. Mit dabei war auch Nehemia Rabin, Vater des Generalstabschefs des Sechstagekrieges und späteren israelischen Premiers Jitzchak Rabin.
Joseph Trumpeldor fiel 1920 bei der Verteidigung der jüdischen Agrarsiedlung Tel-Chai in Obergaliläa. Im Jahr 1932 gründeten Veteranen der Legion den Moschaw (Genossenschaftssiedlung) Avichail in der zentralisraelischen Scharon-Region. Oberst Patterson brachte in den Dreißigerjahren seinen Wunsch zum Ausdruck, gemeinsam mit seiner Frau in Avichail nahe bei seinen Soldaten begraben zu werden. Diesem Wunsch wurde – wenngleich erst 2014, also 77 Jahre nach seinem Tod – entsprochen, als die Urnen mit der Asche des Ehepaars in Avichail beigesetzt wurden. Patterson und Jabotinsky schrieben Bücher über die Legion. Dabei konnte sich Jabotinsky, nicht nur politischer Aktivist und polyglotter Intellektueller, sondern auch russischsprachiger Journalist und Schriftsteller, einen literarischen Scherz nicht verkneifen. Sein 1929 in Paris auf Russisch erschienenes Buch trug den Titel „Slowo o polku“. Wörtlich bedeutet das „Ein Wort über das Regiment“, war aber auch eine Anspielung auf das berühmte altrussische Militärepos „Slowo o polku Igorewe“ – auf Deutsch als Igorlied bekannt. Die 1930 in Berlin erschienene deutsche Fassung des Buches hieß dann eher nüchtern „Die jüdische Legion im Weltkrieg“.

wst