17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Aus dunkler Zeit

Israelische Nationalbibliothek veröffentlichte einen Brief von Regina Jonas, der ersten Rabbinerin der Welt, aus dem Jahr 1938

Im Juli hat die Israelische Nationalbibliothek in Jerusalem einen historisch bedeutenden Fund auf ihre Website gestellt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich um einen im Dezember 1938 geschriebenen und bis vor kurzem im Archiv der Bibliothek lagernden Brief der ersten Rabbinerin der Welt, Regina Jonas, an den Religionsphilosophen Martin Buber. Zu jenem Zeitpunkt lebte Buber, der erst kurz zuvor aus Nazideutschland hatte flüchten können, in Jerusalem.
Jonas’ Brief zeigt die Not, in der sich die Verfasserin befand, ebenso wie die damals allgemein verzweifelte Lage des deutschen Judentums. Dabei geht Jonas – offenbar aus Angst, der Brief könnte in falsche Hände geraten – so gut wie gar nicht auf die Verfolgung durch die Nazis ein, obwohl das Schreiben einen Monat nach der „Reichskristallnacht“ datiert ist. Jonas lässt nur an einer Stelle die Worte „die Lage jetzt“ in den Text einfließen und schreibt an einer anderen, sie habe bereits „in gesunden Zeiten“ den Wunsch gehegt, Buber zu schreiben.
In dem Brief fließen die allgemeine Verfolgungssituation und Jonas’ persönliche Probleme zusammen – Lebensunterhalt inklusive. „In Berlin bin ich als Seelsorgerin in Krankenhäusern, Altersheimen tätig, halte Lehrvorträge in der Synagoge, auch Predigten in den Heimsynagogen, hatte seelsorgerische Fälle zu bearbeiten durch das Wohlfahrtsamt, sprach auch auf Wunsch der Hinterbliebenen am Grabe, leitete Oneg-Schabbat-Feiern für Jugendliche und Erwachsene“, schreibt die 1935 als Rabbinerin ordinierte Jonas, fügt dann aber resigniert hinzu: „Jetzt schläft alles langsam ein.“ Selbst dass sie den Brief handschriftlich verfasste, hing mit der Wirtschaftslage zusammen. „Verzeihen Sie bitte, dass ich nicht mit der Maschine schreibe, da ich keine habe und bei meinen großen Verpflichtungen ja auch nicht schreiben lassen konnte.“ Das handschriftliche Verfassen liege natürlich auch an dem „privaten Charakter des Briefes“ – wobei auch hier die Angst, ausspioniert zu werden, mitschwingt.
Unter diesen Umständen, so Jonas, müsse sie „mit meiner lieben Mutter“ an Auswanderung denken. Vielleicht, fragt sie vorsichtig bei Buber nach, gebe es in „Eretz“, also im Lande Israel, eine Möglichkeit, als Rabbinerin zu arbeiten. „Von meinem Beruf weichen“, betont sie nämlich, „darf und kann und will ich nicht – ich muss in ihm wirken.“
Letztendlich blieb ihr dieser Wunsch versagt. Eine Auswanderung gelang nicht. Jonas geriet in die Räder der nationalsozialistischen Mordmaschinerie. 1942 wurde sie zur Zwangsarbeit in Berlin herangezogen und im November 1942 – zusammen mit ihrer Mutter – nach Theresienstadt deportiert. Im Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz verbracht und dort kurze Zeit später, wahrscheinlich am 12. Dezember, ermordet.

hpk