17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Mit besonderem Flair

Der Münchner Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur feierte sein 20-jähriges Jubiläum

Von Rozsika Farkas

Man schreibt das Jahr 1997. Im Dachgeschoss eines Münchner Hauses sitzt eine Gruppe junger Menschen auf dem Fußboden – Möbel fehlen – und hört aufmerksam einem 33-Jährigen zu, der selbst fast noch jungenhaft wirkt. Was geht da vor? Die Gründung einer revolutionären Zelle? Eines Geheimbundes? Oder vielleicht noch schlimmer? Nichts von alledem. Die obige Szene – sie hat sich in der Tat so zugetragen – beschreibt das erste Stadium des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in der bayerischen Hauptstadt.
Im Juli dieses Jahres ging es dann schon viel gediegener zu: Mit rund 700 Gästen feierte Professor Michael Brenner das 20-jährige Bestehen des nach wie vor von ihm geleiteten Instituts. Und zwar nicht auf einem Dachboden, sondern in der Großen Aula der Münchner Alma Mater. Auch das In­stitut selbst ist längst in angemessenen Räumen im Uni-Viertel untergebracht. Ihm angegliedert ist ein Zentrum für Israel-Forschung. Die Idee dazu hatte Professor Brenner, tatkräftige Unterstützung bei der Realisierung fand er beim bayerischen Kultusminister Dr. Ludwig Spänle, dem es „ein wichtiges Anliegen war, Israel in seiner ganzen Vielfalt und nicht reduziert auf den Nahost-Konflikt zu zeigen.“
Was dem Lehrstuhl auch nach 20 Jahren erhalten blieb, ist der besondere Geist, den ihm Studenten, Alumni und Freunde bescheinigen. Von einer „Strahlkraft“ sprach bei dem Münchner Festakt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Diese Strahlkraft, lobte der Zentralratspräsident, „hat mit dem Lehrstuhlinhaber zu tun.“ Yifat Weiss, Direktorin des Jerusalemer Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrums und des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig, und Miriam Zadoff, die Jüdische Studien und Geschichte an der Indiana University lehrt, erinnerten sich in ihren sehr persönlichen Grußworten an ihre aufregende Zeit als Studierende und Lehrende an dem Münchner Lehrstuhl.
Die Erfolgsbilanz des Lehrstuhls lässt sich an der Laufbahn seiner Absolventen ermessen. Einige lehren an den Universitäten von Tel Aviv und Jerusalem oder an amerikanischen und europäischen Hochschulen. Sie sind Journalisten oder arbeiten bei der EU in Brüssel und dem Leo Baeck Institute in New York. Darauf ist Michael Brenner nach eigenem Bekunden „ein bisschen stolz“. Zu der Bilanz gehört auch dies: Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h. c. Charlotte Knobloch, bescheinigte Professor Brenner, er stemme sich „in nobler akademischer Form“ gegen die Folgen der Schoa, „des größten Menschheitsverbrechens“, und sie warb: „Um Versöhnung und Respekt zu erreichen, müssen wir uns besser kennenlernen.“ Die Literaturwissenschaftlerin und Buchhändlerin Rachel Salamander fügte an: „Die Betrachtung des Lebens der Juden in Deutschland kann Erkenntnisse liefern, wie Integration gelingen kann.“
Eine Münchner Besonderheit: Zwar gibt es in Deutschland heute viele universitäre Lehreinrichtungen, die sich mit jüdischen Themen beschäftigen, etwa in Bamberg und Berlin, in Potsdam, Düsseldorf und Regensburg, um nur einige zu nennen – und natürlich die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien – allerdings ist der Münchner Lehrstuhl der einzige, der nicht an eine andere Institution angegliedert ist, sondern als integraler Bestandteil des Historischen Seminars existiert. Das bedeutet, dass Münchner Geschichtsstudenten im Rahmen ihres normalen Studienablaufs beispielsweise an einem Tag ebenso ein Seminar zur Französischen Revolution oder eine Vorlesung zu untergegangenen Stätten der Antike wie auch ein Basisseminar über jüdische und christliche Frauen im Mittelalter oder einen Vortrag über deutsche Rabbiner im amerikanischen Exil besuchen können.
Daher ist die Anzahl der Studenten, die sich der jüdischen Geschichte nur punktuell widmen, nicht präzise zu ermitteln. Klar ist dagegen, dass bisher zwei Dutzend Studierende den Studiengang Jüdische Geschichte und Kultur mit der Promotion abgeschlossen haben. Themen für die Dissertationen waren etwa „Sehnsuchtsort Sinai. Eine israelische Kulturgeschichte der ägyptischen Halbinsel“, „Das Israelbild in Tageszeitungen der DDR“ oder „Die Anfänge des Zentralrats der Juden und der Jüdischen Allgemeinen“.
Zu Michael Brenners Wünschen für die Zukunft gehört die Einrichtung einer Gastprofessur für hebräische Literatur. Er möchte gern israelische Schriftsteller für jeweils ein Semester nach München bringen. „Das würde das Interesse, das es in Deutschland an hebräischer Literatur gibt, widerspiegeln.“ Denn in keine Sprache wird israelische Literatur häufiger übersetzt als ins Deutsche – nicht mal ins Englische.
Den Festvortrag bei der Jubiläumsfeier hielt Navid Kermani, den Brenner eingeladen hatte, weil er „viel Interessantes zur Thematik der Erinnerung und Identität in Deutschland geschrieben hat und eine der interessantesten Stimmen in Deutschland heutzutage ist.“ Ein bisschen auch, „weil er eben nicht die naheliegende Wahl war und so einen gewissen Überraschungseffekt bietet.“ Als Gastdozent hatte Kermani bei Brenner bereits über das Verhältnis von Judentum und Islam gesprochen.
Der in Deutschland geborene Schriftsteller mit persischen Wurzeln schilderte in seinem Vortrag, wie er ausgerechnet bei einem Besuch in Auschwitz sich erstmals ganz als Deutscher gefühlt habe, mit dem Gefühl der „Schuld und Scham darüber, das bequeme Leben zu führen, das Deutschland den Juden vorenthalten hat“, aber auch mit einem Gefühl des Verlusts. Denn, so Kermani, „Deutschland hat sich in Auschwitz selbst verstümmelt, hat die treuesten Wahrer der deutschen Sprache getötet. Wenn deutsche Kultur zu Beginn der 40er-Jahre irgendwo ein Zuhause hatte, dann nicht in Berlin oder München, sondern im Warschauer Ghetto.“ Seinen Vortrag beendete Kermani mit einem Wunsch: „Ich hoffe auf eine Zukunft, in der Deutschland wieder jüdischer wird.“