17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Lilien und Lapislazuli

Jüdisch-Bucharische Gemeinde feierte ihr 15-jähriges Jubiläum in Hannover

Von Lilian Gutowski

Es gibt Träume, die bleiben ein Leben lang nur Träume. Und dann gibt es solche, die trotz aller Hindernisse wahr werden. In die letztere Kategorie fällt die Gründung der Jüdisch-Bucharisch-Sefardischen Gemeinde, die in diesem Monat in Hannover ihr 15-jähriges Jubiläum feiern konnte – zur Freude des Gemeindevorsitzenden Juhanan Motaev, der Gemeindemitglieder, aber auch anderer Menschen weit über die Gemeinde hinaus.
Zu den treibenden Kräften des Projekts gehörte seinerzeit Mikhail Davydov, heute Ehrenvorsitzender der Gemeinde. Als er Mitte der 1990er-Jahre aus Kirgisistan nach Deutschland übersiedelte, war sein Traum eine bucharisch-sefardische Gemeinde in der neuen Heimat Deutschland. Dort sollte die lange Tradition der bucharischen Juden aufrechterhalten und gepflegt werden. Und das sind immerhin 2500 Jahre Geschichte, denn so lange hatten die aus Zentralasien stammenden bucharischen Juden ihren Glauben und ihre Sprache „Buchor“ durch die Jahrhunderte getragen – Zwangsislamisierungen oder – im 20. Jahrhundert – sozialistischen Verboten in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan zum Trotz.
In Hannover, wo die Gemeinde dann 2002 gegründet wurde, taten sich ganz andere Probleme auf. Gemeindesprecher Michael Krebs erinnert sich: „Damals kamen mehr als 200 bucharische Juden in recht kurzer Zeit in Hannover an. Der erste Landeplatz wurde für sie die jüdische Einheitsgemeinde in der Haeckelstraße. Die Bucharen waren bemüht, den hiesigen aschkenasischen Ritus mitzutragen.“ Indessen waren die Unterschiede der Rituale zu groß, so musste eine andere Lösung her: eine eigene Gemeinde. Die alten Riten und das Gemeinschaftsgefühl der Bucharen faszinierten den Aschkenasen Krebs übrigens so sehr, dass er sich der neuen Gemeinde anschloss.
„Wir schufen die erste bucharische Gemeinde in Deutschland“, erzählt Davydov. Seitdem dient das Zentrum als Anlaufstelle für Bucharen aus der ganzen Bundesrepublik. Glaubensfragen werden von hier aus beantwortet, internationale Kulturveranstaltungen organisiert, Reisen veranstaltet oder Jugendliche bis zur Bar Mizwa begleitet. 2013 folgte dann der größte Wurf: die Eröffnung der „blauen Synagoge“. Die dafür erworbene ehemalige evangelische Maria-Magdalena-Kirche wurde nach dem Vorbild einer orientalisch-sefardischen Synagoge umgebaut: Die Wände erstrahlen heute in Lapislazuli-Blau. Lilien als Zeichen der Schönheit schmücken die Frauenempore. Eine goldene Kuppel symbolisiert die Haube der sefardischen Torarolle.
Repräsentanz-Mitglied Ruben Motaev, der vor 21 Jahren nach Deutschland kam, erfüllt die Eröffnung der Synagoge bis heute mit Freude. „Sie hat uns unsere Identität und einen stabilen Alltag wiedergegeben“, sagt er. Und ein lebendiges Gemeindeleben. Von einer Sonntagsschule und Krippe bis zu Theatergruppen, einem Jugendzentrum und einer eigenen koscheren Küche reicht das Angebot auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände. Der Wunsch nach einem eigenen Gemeinderabbiner wurde vor zwei Jahren Wirklichkeit: Einmal pro Woche fliegt Rabbiner Yafim Aminov seitdem aus Wien mit seiner Frau nach Hannover und feiert mit der Gemeinde den Schabbat und die Feiertage.
Das 15-jährige Jubiläum feierte das Jüdisch-Bucharisch-Sefardische Zentrum am 8. August in Hannover mit einem großen Festakt. Prominente Vertreter jüdischer Gemeinden und Vereine aus Deutschland und Österreich würdigten die Arbeit des Zentrums, darunter Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, und Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. „Sie haben wirklich hart dafür gekämpft und viel mit mir diskutiert, damit die Synagoge und dieses Kulturzentrum entstehen konnten“, lobte Fürst. „Dank Ihrer Tätigkeit haben wir auch wieder ein sefardisches Leben in Deutschland.“
Hannover ist damit zugleich das mit Abstand größte Zentrum jüdischen Lebens in Niedersachsen: In der Stadt sind insgesamt vier jüdische Gemeinden zu Hause, darunter eben auch die bucharische mit ihren 360 Mitgliedern. Für Abraham Lehrer ist das eine Entwicklung, die auch Hoffnung macht: „Wir sollten unsere religiöse Vielfalt als Bereicherung sehen“, sagte er beim Festakt und fügte an die Gemeindemitglieder gewandt hinzu: „Hier in Hannover prägen Sie die unterschiedlichen jüdischen Traditionen und haben zugleich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist ein Balanceakt, den Sie seit 15 Jahren erfolgreich meistern. Zugleich haben Sie die Gemeinschaft der jüdisch-bucharisch-sefardischen Juden stets vergrößert. Möge Ihre Gemeinschaft auch in Zukunft blühen.“
Ginge es nach Michael Krebs, würden bereits nächstes Jahr eine Mikwe und ein Veranstaltungscenter das Zentrum der Jüdisch-Bucharisch-Sefardischen Gemeinde erweitern. Doch der Sprecher blickt noch weiter nach vorne: „Wir sind eine starke, junge Gemeinde“, so Krebs. „Es braucht keine schnellen Lippenbekenntnisse, sondern eine Kontinuität von Normalität. Es ist wichtig, dass man so ist, wie man ist und es zeigen kann.“