17. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2017 | 3. Elul 5777

Anlass zu Zuversicht

Gedanken zu Rosch Haschana 5778

Von Josef Schuster

Die Hohen Feiertage sind stets ein besonderer Anlass, um das zur Neige gehende Jahr Revue passieren zu lassen und das neue mit der Hoffnung zu begrüßen, es werde uns Erfreuliches bringen. Das hoffen wir auch an der Schwelle des Jahres 5778.
Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland geht ein weiteres gutes Jahr zu Ende. Unser jüdisches Leben ist wieder um einige Facetten reicher geworden. Unsere Bildungsarbeit wurde weiter verstärkt. Das zurückliegende Schuljahr war das erste für gleich zwei jüdische Gymnasien, in Düsseldorf und in München. Im Zacharias Frankel College, einer der Rabbinerausbildungsstätten in Deutschland, wurde zum ersten Mal eine Ordination gefeiert. Die jüdischen Gemeinden gestalteten ihr Leben ebenso inhalts- wie abwechslungsreich. Die jüdische Jugendarbeit – für unsere Zukunft unabdingbare Voraussetzung – wächst. Intensive Bildungs- und Kulturarbeit verschaffte den zahlreichen Interessierten neue Zugänge zu unserer Religion und Tradition. All das ist eine gute Grundlage, mit Zuversicht ins Jahr 5778 zu schreiten – ohne freilich die Hände in den Schoß zu legen.
Der Jahreswechsel ist aber auch ein passender Anlass, einen Blick auf unsere Rolle als Juden in unserer Gesellschaft und auf die Rolle der jüdischen Gemeinschaft in der Welt als Ganzes zu werfen. Schließlich ist Rosch Haschana nach jüdischer Überlieferung auch der Tag, an dem Gott den Menschen schuf, also der Geburtstag der Menschheit. Die Einbindung der Kinder Israel in die sie umgebende Gesellschaft, die Interaktion samt ihren Problemen und ihren Erfolgen ist bereits im Tanach ein wichtiges Thema und bleibt auch heute hochrelevant.
5777 haben wir deutlich gespürt, wie sehr gesellschaftliche Strömungen und politische Entwicklungen die jüdischen Gemeinden in verschiedenen Ländern und auch den jüdischen Staat tangieren. Der Kampf um die volle Würdigung unseres Glaubens, um Respekt und Akzeptanz blieb auch im ablaufenden Jahr erforderlich und wird uns wohl auch 5778 nicht erspart bleiben. Und doch haben wir bewiesen, dass wir genauso für einen kon­struk­tiven Aufbau unserer Beziehungen zu anderen sozialen und politischen Gruppen sowie religiösen Gemeinschaften gut gewappnet sind.
Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Kooperation und Dialog ein unerlässlicher Beitrag zur Stärkung jüdischen Lebens sind. Der Zentralrat der Juden ist daher mehrere Bündnisse mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren eingegangen, die sich nicht nur gegen Antisemitismus, sondern gegen alle Formen des Hasses auf „den anderen“ richten. Zugleich haben wir gespürt, dass wir dabei ein erwünschter Partner sind, der ernst genommen wird. Auf diesem Weg wird die jüdische Gemeinschaft auch 5778 weiterschreiten.
Gelegentlich ist hierzulande die Meinung zu hören, jüdisches Leben in Deutschland sei eine Antwort auf das Grauen der Vergangenheit. In einem gewissen Sinne ist unsere Präsenz in der Tat ein Beweis, dass es den braunen Horden nicht gelungen ist, Deutschland „judenfrei“ zu machen. Allerdings sind wir hier nicht, um irgendeinen Beweis anzutreten, sondern weil wir als freie Bürger eines freien Landes hier leben wollen. Dass uns dies heute mehr denn je zuvor in der Geschichte möglich ist, ist – bei allen Widrigkeiten – positiv.
Ich bin sicher, dass unsere jüdische Gemeinschaft auch im kommenden Jahr ihre erfolgreiche Arbeit nach innen wie nach außen fortsetzen, unser Leben hierzulande weiter stärken und unseren Beitrag zur Gesellschaft als Ganzes ausbauen wird.

Ich wünsche allen Mitgliedern unserer Gemeinden und allen Juden in der Welt ein gutes und glückliches neues Jahr. Leschana towa tikatewu wetechatemu!

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland