17.03.2017

"Für Juden ist Martin Luther eine problematische Persönlichkeit“

Interview mit Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster, morgenweb, 17.3.2017

Von unserem Redaktionsmitglied Stephan Töngi

Die Evangelische Kirche erinnert an die Reformation vor einem halben Jahrtausend. Wir sprachen mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Herr Schuster, Deutschlands Protestanten feiern 500 Jahre Reformation. Was denken Sie über Martin Luther?

Josef Schuster: Für Juden ist Martin Luther eine problematische Persönlichkeit. Besonders seine späten Schriften sind klar antisemitisch. Luther hat 1523 gefordert, Juden sollten alle Berufe offen stehen. Damals war das ungewöhnlich. Aber er machte zur Voraussetzung, dass die Juden sich bekehren ließen.

Schuster: Der frühe Luther hat bereits die Anzeichen gezeigt, die sich - vielleicht aus persönlicher Enttäuschung - später radikal artikuliert haben. Dieses Angebot, den Juden alle Berufe offenstehen zu lassen, war ein sehr falsches: Luther hat das an die Bedingung geknüpft, sich vom Judentum abzuwenden und dem Christentum zuzukehren. Das war ein Missionierungsversuch mit pseudofreundlicher Geste.

1543 forderte Luther, Synagogen in Brand zu stecken, ein Lehrverbot für Rabbiner auszusprechen und die Juden aus dem Land zu vertreiben. Führende Nationalsozialisten haben sich unter anderem darauf berufen. Trägt Luther Mitschuld am Massenmord an den Juden im 20. Jahrhundert?

Schuster: So würde ich das nicht ausdrücken. Aber Fakt ist: Das ist nicht nur ein Thema der evangelischen Kirche, sondern man muss auch die katholische Kirche in die Verantwortung dafür nehmen, dass über Jahrhunderte im kirchlichen Bereich antijüdische Ressentiments und Antisemitismus einen weiten Raum eingenommen haben. Insoweit war dem Nationalsozialismus auch durch die kirchliche Lehre der Boden geebnet.

Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hat Luther als "Antijudaisten, wohl gar Antisemiten" bezeichnet. Stimmen Sie ihr zu?

Schuster: Ja. Was Sie von 1543 zitiert haben, lässt keinen Zweifel: Luther war ein Antisemit.
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat sich 2015 von Luthers judenfeindlichen Aussagen distanziert.

Reicht Ihnen das?

Schuster: Das war ein sehr wichtiger Beschluss. Zwei Punkte sind hier wesentlich: Einmal, dass die Synode sich von diesen Angriffen Luthers deutlich distanziert hat. Zum anderen ihre Abkehr
von der Judenmission, die sie im vergangenen Jahr bekräftigt hat.

Stehen Sie hinter dem Reformationsfeiertag, der am 31. Oktober erstmals bundesweit begangen wird?

Schuster: Dieser Tag hat für die evangelischen Christen eine besondere Bedeutung. Es ist kein Luthertag, sondern ein Tag zum Reformationsjubiläum. Ein Gedenken in dieser Form unterstütze
ich so, wie ich alle kirchlichen Feiertage für wichtig halte.

Der damalige Papst Benedikt XVI. hat 2008 erlaubt, in einer Karfreitagsfürbitte für die Erleuchtung der Juden zu beten, Jesus als den Messias anzuerkennen. Wie stehen Sie dazu?

Schuster: Diese Wiederbelebung der alten Formulierung in der Karfreitagsfürbitte für den lateinischen Ritus ist leider ein deutlicher Rückschritt im Verhältnis zwischen katholischer Kirche
und Judentum. Nicht nur Juden in Deutschland kritisieren das heftig.

Etwa ein Fünftel der Deutschen ist judenfeindlich eingestellt. Wie bekommen deutsche Juden diesen Hass zu spüren?

Schuster: Unterschiedlich. Das beginnt mit antijüdischen Zuschriften und Äußerungen. Pöbeleien, verbale Bedrohungen und verächtliche Gesten sind auch nicht selten, bis hin zu tätlichen Angriffen wie etwa auf Rabbiner Alter in Berlin. Eine Untersuchung des "Stern" besagt, dass
jeder vierte Deutsche keine jüdischen Nachbarn haben will. Da braucht man nicht mehr zu fragen, wie sich so etwas äußert.

Wie sehr fühlen deutsche Juden sich von Antisemiten bedroht?

Schuster: Ich würde nicht von Gefahr für Leib und Leben reden. Aber wenn Sie judenfeindliche Thesen lesen oder hören, aktuell etwa von Thüringens AfD-Chef Björn Höcke zum in seinen Augen "Denkmal der Schande" in Berlin, dann sind das Worte, die ich mir nach dem, was in Deutschland und in deutschem Namen geschehen ist, nicht mehr habe vorstellen können.

Was hat Höckes Rede bei Ihnen ausgelöst?

Schuster: Sie hat mir gezeigt, dass man sich wieder traut, alles zu sagen, was man sich vorher nicht getraut hat.

Sollte die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden?

Schuster: Teile der Partei, die sich klar im rechtsextremistischen Bereich positionieren, sollten beobachtet werden. Da ist Herr Höcke nicht allein.

Vor Kurzem hat es das Bundesverfassungsgericht abgelehnt, die NPD zu verbieten. Wie nehmen Sie das auf?

Schuster: Das Urteil hat mich enttäuscht. Zumal plötzlich ein Tatbestand mit eine Rolle gespielt hat, den ich im Grundgesetz nicht erkennen kann: Dass derjenige, der verfassungsfeindlich ist,
auch eine reelle Chance haben müsste, seine Ziele zu erreichen. Natürlich können wir 2017 nicht mit 1933 vergleichen. Auf der anderen Seite: Wenn man sieht, in welcher Schnelligkeit es der NSDAP damals gelungen ist, Stimmen zu holen, hätte ich die Sorge, dass es vielleicht kein Verfassungsgericht mehr gäbe,wenn man die Gefahr erkennt .

Sie spielen auf Hitlers Machtübernahme an . . .

Schuster: Ja. Auf der anderen Seite hat das Verfassungsgericht den wichtigen Hinweis gegeben, dass die Parteienfinanzierungnicht so bleiben muss. Eines der Hauptärgernisse ist, dass die NPD
mit staatlichen Geldern unterstützt wird. Wenn es hier gelingt, den Geldhahn zuzudrehen, kann dieses Urteil womöglich erreichen, was es sollte, weil die NPD von der Bildfläche verschwindet.

Wie wirkt sich die Ankunft von islamischen Flüchtlingen, die antisemitisch und antiisraelisch erzogen wurden, auf das Sicherheitsgefühl der Juden aus?

Schuster: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen wissen Juden mehr als andere, was es bedeutet, aus seiner Heimat fliehen zu müssen. Zum anderen kommen Menschen zu uns, die über Jahrzehnte mit israelfeindlichen, aber auch judenfeindlichen Einstellungen aufgewachsen sind. Die Frage ist, inwieweit es gelingt, diese Menschen im Rahmen der Integration zur Abkehr von diesem Gedankengut zu bringen. Kürzlich sagte ein Flüchtling: "Meine Landsleuteschauen in Deutschland alle Al-Dschasira." Damit werden sie von den
gleichen Medien beeinflusst wie in ihren Heimatländern. Aber ich will auch sagen,
dass mir seitens islamischer Flüchtlinge keine antisemitischen Handlungen größeren Ausmaßes bekannt sind.

Sie sind in Haifa geboren. Als Sie zwei Jahre alt waren, kehrten Ihre Eltern 1956 von dort nach Franken zurück. Was bedeutet Ihnen Israel?

Schuster: Kein Jude steht Israel neutral gegenüber. Denn das israelische Grundgesetz, das jedem Juden auf der Welt die Möglichkeit der Zuwanderung gibt, bedeutet eine Lebensversicherung. Hätte es das Land Israel in den 1930er Jahren gegeben, wäre es nicht zum Massenmord an uns Juden gekommen.

Was bedeutet Ihnen Deutschland?

Schuster: Das ist meine Heimat, ohne Wenn und Aber. Meinen Familienstammbaum väterlicherseits kann ich über mehr als 450 Jahre im hessischfränkischen Grenzgebiet zurückverfolgen.

Im Dezember haben Sie sich mit der Kultusministerkonferenz geeinigt, Wissen über das Judentum stärker in den Schulunterricht einzubauen. Was fehlt Ihnen?

Schuster: Judentum wird im Unterricht häufig mit den Jahren 1933 bis 1945 gleichgesetzt. Mir fehlt der klare Hinweis, dass jüdisches Leben seit etwa dem 4. Jahrhundert in Deutschland nachweisbar ist. Also viele Jahrhunderte vor, aber jetzt auch nach der Schoah ist jüdisches Leben präsent. Ich halte aber auch für wichtig, dass jeder Schüler eine KZ-Gedenkstätte besucht. So plastisch wie dort lässt sich Geschichte sonst nicht vermitteln.

Wie wichtig ist es, dass Juden in Schulen gehen und persönlichen Kontakt herstellen?

Schuster: Die persönliche Begegnung beseitigt am besten Vorurteile. Es gibt bereits verschiedene Modelle für solche Besuche in Schulen. Auch der Zentralrat der Juden wird sich auf diesem Feld betätigen.

Wie präsent ist die nationalsozialistische Vergangenheit heute bei den deutschen Juden?

Schuster: Bei denen, die die Zeit erlebt haben, ist das eher präsent. Und es kommt darauf an, wie das Elternhaus reagiert hat. Ich kenne in meiner Generation Menschen, bei denen das Thema
Nationalsozialismus totgeschwiegen wurde. Aber es gab auch Menschen, bei denen das Gesprächsstoff beim Frühstück, Mittag- und Abendessen war. Insofern hat die zweite Generation das unterschiedlich mitbekommen. Mein Vater war im KZ Dachau und im KZ Buchenwald,
aber er berichtete relativ emotionsfrei darüber. Und bei den jüdischen Familien, die aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, ist der Blickwinkel wieder anders. Man kann
nicht davon ausgehen, dass heute in jüdischen Familien das Thema Nationalsozialismus
über allem steht. Aber als Mediziner sage ich: Wenn man eine Lungenentzündung hatte, wird man bei jedem Husten vorsichtiger sein.

Die Städte Speyer, Worms und Mainz, die eine reiche jüdische Vergangenheit besitzen, wollen in das Unesco-Welterbe aufgenommen werden. Wie unterstützen Sie diese Initiative?

Schuster: Das halte ich für sinnvoll. Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es jüdisches Leben in Deutschland lange vor der Schoah gab.