27.01.2017

Beobachtung durch Verfassungsschutz angebracht

Interview mit Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster, Nordwestzeitung, 27.1.2017

Andreas Herholz, Büro Berlin

Frage: Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Vor 72 Jahren ist das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit worden. Wie lässt sich die Erinnerung an den Mord an Millionen Juden
heute und in Zukunft noch wachhalten?

Schuster: Es ist wichtig, die Erinnerung an den Holocaust nicht nur am 27. Januar wachzuhalten. Wir müssen das Thema in der gesamten Gesellschaft behandeln. Das gilt besonders für die
Schulen und Universitäten, für die Ausbildung von Lehrern, Juristen und Polizisten. Wenn man einmal eine Gedenkstätte besucht, ist das etwas anderes, als darüber nur im Schulunterricht zu lesen oder zu hören. Mein Vorschlag: Jede Schulklasse sollte mindestens einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Bund und Länder sollten die dafür notwendigen Finanzmittel bereitstellen.

Frage: Die Zahl der Zeitzeugen wird stetig kleiner. Wird damit auch die Erinnerung
schwieriger?

Schuster: Natürlich ist das ein Problem, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt. In der KZ-Gedenkstätte Dachau und andernorts hat man bereits vor Jahren damit begonnen, mit modernen
Medien die Erinnerungen von Zeitzeugen zu bewahren, um sie auch in Zukunft jüngeren Generationen zugänglich machen zu können.

Frage: Thüringens AfD-Chef Björn Höcke hat mit seinen Äußerungen zum Berliner Holocaust-Mahnmal und dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Empörung ausgelöst. Zeigt die AfD jetzt ihr wahres Gesicht?

Schuster: Die Meinung von Herrn Höcke ist sicher keine Einzelmeinung in der AfD und auch darüber hinaus nicht. Höckes Äußerungen sind an Geschichtsklitterung kaum zu überbieten. Wenn das noch dazu von einem Geschichtslehrer kommt, macht mich das sprachlos.
Ein solches Maß an Geschichtsleugnung, Antisemitismus und Hetze findet man nicht nur bei Herrn Höcke, sondern bei einer ganzen Reihe von AfD-Funktionären. Die AfD distanziert sich nicht eindeutig davon und macht sich dieses Gedankengut mit zu eigen. In der AfD ist
Antisemitismus salonfähig. Das muss entlarvt und bekämpft werden. Teile der AfD haben sich so weit vom demokratischen Spektrum entfernt, dass eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz angebracht erscheint. Die AfD bietet Nährboden für rechtsextremes und
rechtspopulistisches Gedankengut.