17. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2017 | 5. Aw 5777

Stütze des Glaubens

Der Jerusalemer Tempel fasziniert auch fast zwei Jahrtausende nach seiner Zerstörung

Tisch’a be-Aw, der 9. Tag des hebräischen Monats Aw, steht für den Jahrestag der Zerstörung beider Tempel in Jerusalem: des Ersten im Jahr 586 vor der Zeitenwende und des Zweiten im Jahr 70 nach der Zeitenwende. Es handelt sich um einen Trauer- und Fasttag (in diesem Jahr fällt er auf den 1. August), der eine wichtige Rolle im jüdischen Jahres­zyklus spielt. Der Jerusalemer Tempel ist aber nicht nur in religiöser Hinsicht von Bedeutung, auch seine Geschichte ist höchst faszinierend und selbst in der heutigen Weltpolitik spielt er eine Rolle.
Der Bau des Ersten Tempels wird vom Tanach König Salomon zugeschrieben. Während der restlichen biblischen Periode wurde der Tempel weiter ausgebaut und entwickelt.
Wie Joshua Schwartz, Professor für historische Geografie des antiken Israels an der israelischen Bar-Ilan-Universität, betont, war der Tempelbau indessen kein Akt, mit dem der jüdische Gottesglaube, der nicht von der Existenz eines Tempels abhängig war, erst begründet wurde. Allerdings machte der Tempel, theologisch sozusagen als Wohnstätte Gottes konzipiert, den Glauben für viele Menschen erlebbarer, als es die rein abstrakte Vorstellung von einer omnipräsenten, aber ungreifbaren Gottheit zu tun vermochte. Insofern gibt es hier eine gewisse Gemeinsamkeit mit dem Gießen des Goldenen Kalbes durch Aaron nach dem Auszug aus Ägypten. Allerdings gibt es zwischen den beiden Narrativen auch einen grundlegenden Unterschied: Die Schaffung des Goldenen Kalbes, das in den Augen der zweifelnden Kinder Israel Gott symbolisieren sollte, war ein Frevel, während der Tempelbau keinen solchen Anspruch erhob und göttliche Billigung besaß.
Auf profaner oder, wenn man will, politischer Ebene, kam Tempeln (und Palästen) in der Antike auch die Aufgabe zu, die Macht des jeweiligen Herrschers zu verdeutlichen und sein Vermächtnis zu sein. Davon, so Professor Schwartz, machte der Tempel in Jerusalem keine Ausnahme. Wie das Buch der Könige erzählt, wurde das Gotteshaus aus kostbaren Baustoffen erbaut und reichhaltig verziert. Um seine Pracht zu steigern, so der biblische Bericht, importierten die Tempelbauer Baustoffe, Know-how und Arbeitskräfte aus dem Libanon.
Architektonisch passte sich der Tempel in Jerusalem an die Tempel kanaanäischer Religionen an: drei Räume, deren Grad der Heiligkeit ab dem Eingang zunahm. Heute sind auf dem Gebiet des antiken Israels und in Nachbarländern rund 80 verschiedene Variationen dieser Bauweise archäologisch ausgewiesen, wobei alle die Drei-Raum-Struktur aufweisen. Im Jerusalemer Tempel war der heiligste Ort das im letzten Raum gebaute Allerheiligste (Kodesch ha-Kodaschim), das nur der Hohepriester – und auch das nur an Jom Kippur – betreten durfte.
Indessen musste der Tempel in Jerusalem erst einmal um eine zen­trale Rolle im Judentum kämpfen. Es gab im Lande nämlich noch weitere Tempel, die dem Gott Israels gewidmet waren – von Arad am Toten Meer im Süden bis Dan im Landesnorden. Mehr als das: Vom 9. Jahrhundert v. d. Z., in dem das davidisch-salomonische Königreich in zwei Staaten zerfiel, bis zur Zerstörung des nördlichen Königreichs im Jahr 720 v. d. Z. war das nördliche Königreich Israel größer und stärker als das südliche, großenteils in der Wüste gelegene Königreich Juda, zu dem Jerusalem gehörte. Kaum überraschend waren die Könige des Nordreiches keineswegs bereit, ihre Tempel dem Jerusalemer unterzuordnen.
Mit der Zerstörung des Königreichs Israel fiel Jerusalem dann doch die Hauptrolle mit dem einzig gültigen Tempel des Einen Gottes als Wallfahrtsort zu. Während das Judentum im ehemaligen Nordreich zunehmend ausgehöhlt wurde und in kanaanäischen und anderen örtlichen Kulten aufging, wurde in Jerusalem der Glaube weiterentwickelt. Vor allem König Joschijahu stärkte während seiner Regierungszeit (640 bis 609 v. d. Z.) den Monotheismus und renovierte den Tempel. Das bedeutet allerdings nicht, dass es keine problematischen Perioden in der Geschichte des Tempels im südlichen Königreich gab.
Der Erste Tempel wurde 586 v. d. Z., 23 Jahre nach Joschijahus Tod, von den babylonischen Streitkräften zerstört. Die Eroberung Judäas war Teil einer groß angelegten Westexpansion des babylonischen Reiches unter dem auch im Tanach genannten König Nebukadnezar.
Genauere historische Angaben über den Ersten Tempel sind schwer zu machen, da es keine außerbiblischen Berichte über ihn gibt. Zwar belegen babylonische Quellen die erste Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar 597 v. d. Z., nicht aber die zweite, der rund ein Jahrzehnt später auch der Tempel zum Opfer fiel. An der Existenz des Tempels gebe es jedoch angesichts der Fülle der Informationen im Tanach, so Professor Schwartz, keine Zweifel.
Die Eroberer trieben die judäische Elite ins babylonische Exil, wobei die Aussiedlung in mehreren Wellen stattfand und bereits nach der ersten Eroberung (597 v. d. Z.) einsetzte. Bis die Vertriebenen, beziehungsweise ihre Kinder, nach Jerusalem zurückkehren durften, verging etwas mehr als ein halbes Jahrhundert. Weitere zwei Jahrzehnte dauerte es, bis der kurz nach der Rückkehr in Angriff genommene Bau des Zweiten Tempels abgeschlossen wurde. 516 v. d. Z. war es dann aber so weit: Der neue Tempel wurde eingeweiht und nahm seinen Dienst auf, wobei er interessanterweise nicht größer, sondern kleiner als der erste war.
In kultischer Hinsicht, erläutert Professor Schwartz, habe der Zweite Tempel weitgehend an den Ersten Tempel angeknüpft. Allerdings sei die alte Priesterklasse zum großen Teil von den Rückkehrern aus Babylon verdrängt worden. Tieropfer blieben auch im Zweiten Tempel ein zentraler Bestandteil des Kultes – von dem dreimal täglich dargebrachten Tamid-Opfer („tamid“ bedeutet auf Hebräisch „immer“) über die Opfer an Schabbat und Feiertagen bis hin zu dem Opfer zu Jom Kippur. Grundsätzlich war es ein Prärogativ des Hohepriesters, die Opferung vorzunehmen, doch delegierte dieser viele Opferungen, zumal die alltäglichen, an andere Tempelpriester.
Eine Zäsur in der Geschichte des Tempels waren die 167 v. d. Z. erlassenen antijüdischen Edikte und die Entweihung des Gotteshauses durch den Seleukidenkönig Antiochos IV. Dies führte zum Aufstand der Makkabäer, zur Wiedereinweihung des Tempels – an dieses Ereignis erinnert das Chanukka-Fest – und zur Gründung der Hasmonäerdynastie. Diese regierte ein Jahrhundert lang, bis die Römer letztendlich den Idumäer Herodes 40 v. d. Z. als König von Judäa einsetzten.
Bei seinen jüdischen Untertanen war Herodes, ein brutaler Herrscher und ein Günstling der römischen Besatzungsmacht, nicht gerade beliebt. Vielleicht, um die Wogen zu glätten, nahm Herodes um das Jahr 20 v. d. Z. einen radikalen Um- und Ausbau des Tempels in Angriff. Fast nach dem Motto „Klotzen, nicht kleckern“ dehnte er den Tempelberg erst einmal durch massive Aufschüttungen auf ungefähr das Doppelte der ursprünglichen Fläche aus. Danach begann die Errichtung des Gebäudes – und zwar um den bestehenden Tempel herum. Erst nachdem das neue Gotteshaus fertig war, wurde das alte abgetragen. Damit erreichte Herodes, dass der Tempeldienst nicht unterbrochen werden musste und der Zweite Tempel als solcher fortbestand. In architektonischer Hinsicht müsste allerdings eher von einem dritten Tempel die Rede sein.
Imposant war der „zweite Zweite Tempel“ allemal. Nach Angaben des jüdischen Historikers Josef Ben-Mathitjahu (Flavius Josephus) erreichte der Bau eine Höhe von 100 Ellen (hebräisch: Amot), wobei eine Ama circa 0,5 Meter entsprach. Damit war der herodianische Tempel mit circa 50 Metern so hoch wie ein heutiges Hochhaus mit 15 bis 20 Etagen. Angesichts des für Herodes typischen Hanges zu Pracht und Größe, um nicht zu sagen zu Größenwahn, hält Professor Schwartz diese Angabe für plausibel. Allerdings war dem mit großem Aufwand errichteten Bauwerk keine allzu lange Lebensdauer vergönnt. Im Jahr 70 n. d. Z. brannten römische Legionen bei der Niederschlagung des vier Jahre zuvor ausgebrochenen jüdischen Aufstands den Tempel nieder.
Die Konsequenzen des Tempelfalls für das Judentum waren enorm. Vom berühmten Lehrhaus in Jawne ausgehend, entwickelte sich das rabbinische Judentum, das die Religion für eine Zeit ohne die zentrale Kultstätte bereitzumachen suchte. Allerdings büßte der Tempelberg durch die Zerstörung des Tempels, so die rabbinische Auffassung, nichts an Heiligkeit ein. Die traditionelle jüdische Erwartung besagt, dass auf dem Berg auch ein dritter Tempel stehen wird – allerdings nicht von Menschenhand erbaut, sondern beim Anbruch des messianischen Zeitalters vom Himmel herabsteigend. Die Präsenz Gottes, so ein ebenfalls bis heute gültiges Glaubensprinzip, weiche nicht vom Tempelberg – inklusive der Westmauer, der westlichen Umrandung des herodianischen Tempelbezirks.
Die fortbestehende Heiligkeit des Ortes löste heftige Debatten darüber aus, ob ein Betreten des Tempelbergs gestattet sei. Eine zentrale Sorge war und ist dabei die Gefahr, dass der Besucher aus Versehen den Ort des Allerheiligsten betreten könnte, was nach der Halacha strengstens verboten ist. Auch wurde die Frage gestellt, ob Menschen nach dem Tempelfall überhaupt die Möglichkeit hätten, einen für das Betreten des Tempels erforderlichen Zustand ritueller Reinheit zu erreichen. Dabei gingen die rabbinischen Meinungen im Laufe der Jahrhunderte zum Teil weit auseinander. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 verbot das israelische Oberrabbinat jegliches Betreten des Tempelbergs. Indessen gibt es, vor allem im nationalreligiösen Lager, rabbinische Autoritäten, die das Begehen bestimmter Teile des Tempelbergs erlauben.
Im Talmud findet sich die berühmte Erzählung von vier Gelehrten – Rabbi Akiva, Rabban Gamaliel, Rabbi Elasar Ben-Asaria und Rabbi Jehoschua Ben-Chanania –, die den in Ruinen liegenden Tempelberg besuchten und einen Fuchs aus dem Tempel herauskommen sahen. Aus diesem Besuch schöpfte Rabbi Akiva trotz der Verzweiflung seiner Begleiter die Hoffnung auf einen Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels. Historisch gesehen, betont Professor Schwartz, gab es immer Juden, die den Tempelberg betraten und dort beteten, was allerdings von den christlichen beziehungsweise moslemischen Herrschern nicht immer erlaubt wurde.
Anders als der Erste Tempel ist der Zweite Tempel in historischen Quellen außerhalb des Tanach ausführlich dokumentiert. Ein wichtiges historisches Zeugnis ist auch die Abbildung der von den Römern aus dem Tempel geraubten und nach Rom verbrachten Kultgegenstände auf dem Triumphbogen von Titus, inklusive der Menora. Im Großen und Ganzen, so Professor Schwartz, sei die Abbildung der Menora als korrekt anzusehen. Ob alle Details des Menora-Reliefs geschichtsgetreu seien, lasse sich allerdings nicht sagen: Dem Triumphator, glaubt Schwartz, dürften Einzelheiten unwichtig gewesen sein.
Im Christentum und im Islam wurde die Historizität des Ersten und des Zweiten Tempels nicht bestritten – inklusive ihres Standorts in Jerusalem. Allerdings deuteten beide Religionen die Tempelzerstörung als ein Zeichen für die Überlegenheit ihres eigenen Glaubens. Bei den Christen wurde das Ereignis oft als Strafe für die Weigerung der Juden gedeutet, den eigenen Glauben aufzugeben und zum Christentum überzutreten.
Im Islam wiederum galt die Tatsache, dass die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom dort erbaut wurden, wo einst der salomonische Tempel gestanden hatte, als ein Beweis dafür, dass der Islam das Judentum als Gottes bevorzugte Religion abgelöst habe. Noch im Jahr 1929 veröffentlichte der Moslemische Oberrat im britischen Mandatspalästina eine Broschüre, in der es zum Erhabenen Heiligtum, al-Haram al-Scharif, wie der Tempelberg auf Arabisch genannt wird, hieß: „Diese Stätte ist eine der ältesten in der Welt. Ihre Heiligkeit reicht in die früheste (vielleicht prähistorische) Zeit zurück. Ihre Identität mit der Stätte des salomonischen Tempels steht außer Zweifel.“ Erst nach der Staatsgründung Israels wurde die Leugnung jeglicher Verbindung zwischen dem Judentum und Jerusalem, inklusive des Tempelberges, zum Grundton antiisraelischer Propaganda.

wst