17. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2017 | 5. Aw 5777

Annäherungen

Konferenz der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland befasste sich mit dem Gottesverständnis im Judentum

Von Heinz-Peter Katlewski

Wer ist Gott? Mit dieser Frage befasst sich das Judentum von Anbeginn, wobei die Antworten in der Regel enigmatisch ausfallen oder Mutmaßungen sind. Im 2. Buch Mose etwa antwortet der Gott Israels Moses, der ihn nach seinem Namen fragt, rätselhaft: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ In dem identitätsstiftenden Schma Israel, dem Satz aus dem 5. Buch Mose, der auch im Morgen- und dem Abendgebet gesprochen wird, bekennen Gläubige wiederum „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einzig“.
Dem bis heute faszinierenden Thema der Identität des Schöpfers widmeten sich im Juli die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Martin-Buber-Professur an der Frankfurter Goethe-Universität und die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS), die gemeinsam zu einer Konferenz unter dem Titel „Gottesverständnisse im Judentum“ eingeladen hatten – eine Formulierung, die Bezug auf die in diesem Punkt bestehende Meinungsvielfalt nahm.
Zu der Veranstaltung konnte die Leiterin der Bildungsabteilung, Sabena Donath, 140 Teilnehmer begrüßen. Unter ihnen waren zahlreiche Mitglieder jüdischer Gemeinden ebenso wie HfJS-Studenten und weitere an dem Thema interessierte Gäste zu finden.
Die eine Antwort auf die alte Frage gebe es jedenfalls nicht, stellte Prof. Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, fest. Das hänge nicht nur mit der religiösen Vielfalt im Judentum zusammen, die auch in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu finden sei. Vielmehr suche jeder Einzelne Gott auf seine eigene Weise oder zweifle auch an ihm. Nicht zuletzt deshalb sei wohl das Tagungsprogramm bereits während der Planungsphase immer größer und breiter geworden, merkte Barbara Traub, Präsidiumsmitglied im Zentralrat, in ihrem Grußwort an.
Prof. Dr. Salomon Korn, als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main Gastgeber der Tagung, nannte in seiner Begrüßung einige klassische Irritationen über den Gott Israels, die sich bereits in der Tora fänden. Eine besondere Herausforderung ergebe sich daraus, dass die Tora dem Menschen im Schöpfungsbericht zwar bescheinige, im Abbild Gottes erschaffen worden zu sein, dem Volk Israel in den Zehn Geboten aber untersage, sich ein Bild von Gott zu machen.
Dennoch fänden sich im Tanach zahlreiche Beispiele einer zumindest bildhaften Sprache, die Gott und sein Handeln zu beschreiben suchten, wusste Frederek Musall, Professor für jüdische Philosophie und Geistesgeschichte in Heidelberg, zu berichten. Typisch seien solche, in denen Gott auf dem höchsten Thron sitze, von ihm herab- oder zu ihm hinaufsteige. Meist handele es sich bei solchen Schilderungen um Allegorien.
Prof. Dr. Hanna Liss von der Hochschule für jüdische Studien beschäftigte sich mit der Tatsache, dass Gott einerseits eng mit dem jüdischen Volk verbunden sei, gleichzeitig aber als Schöpfer von Himmel und Erde und als Gott der gesamten Menschheit vorgestellt werde. Sie ging auch der Frage nach, was es für die Juden bedeute, das auserwählte Volk zu sein, wengleich ihre Geschichte voller Katastrophen und Verfolgung sei.
Mit dem Bildnisverbot hatten sich jüdische Gelehrte bereits in der Vergangenheit auseinandergesetzt – nicht zuletzt damit, dass sich die Kinder Israel in der Wüste als sichtbaren Repräsentanten Gottes ein goldenes Kalb schufen, anstatt auf die Rückkehr ihres von Gott bestellten Anführers Moses zu warten, und damit, dass dieser Frevel mit der Tötung von 3000 Anbetern des Kalbes geahndet wurde. Der Arzt, Dichter und Philosoph Jehuda Halevi (etwa 1075 – 1141) erklärte in seinem Werk „Kusari“ diese Strafe damit, dass es für diese bildliche Darstellung keine ausdrückliche göttliche Weisung gegeben habe. Dagegen habe Rambam (Rabbi Mosche Ben Maimon) in seinem Werk Mischne Tora solchen Götzendienst an sich als falschen Gottesdienst gebrandmarkt, berichtete bei der Konferenz Professor Musall. Rambam habe die Tora ohnehin in erster Linie als ein didaktisches Buch verstanden, als ein Lehrbuch, das durch Sprache Gott immer neu in die Gegenwart hole. Die im Schöpfungsbericht verkündete Ebenbildlichkeit Gottes wolle nichts anderes ausdrücken, als dass der Mensch zur Vernunft und zur Erkenntnis in der Lage sei.
Dass es mit diesen Eigenschaften oft nicht weit her ist, bezeugt nicht nur ein Blick in die fernere Vergangenheit. Christian Wiese, Martin-Buber-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, stellte zwei bedeutende jüdische Gelehrte aus der jüngeren Vergangenheit vor, die daraus Lehren zu ziehen suchten und deren Ideen bis heute einflussreich sind: Rabbiner Leo Baeck (1873 – 1956) und Rabbiner Abraham Joshua Heschel (1907 – 1972). Baeck galt zu seiner Zeit als führender Vertreter des liberalen Judentums. Heschel dagegen hatte seine Wurzeln im mystischen Chassidismus und wurde nach seiner Emigration in die USA ein führender Repräsentant der konservativen Strömung im nordamerikanischen Judentum.
Baeck war Zeit seines Lebens eher ein Vertreter des Judentums als Vernunftreligion, für Heschel dagegen blieb trotz seines Studiums an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der Berliner Humboldt-Universität der mystisch-spirituelle Zugang zur Religion prägend. Beide aber betonten, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes nur als verantwortlicher Partner nach dem Vorbild der Propheten sein könne. Das bedeute, engagiert für Gerechtigkeit sowie für die Kostbarkeit und Würde menschlichen Lebens einzutreten. Anderenfalls sei der Mensch, so Baeck, kein Ebenbild Gottes, sondern ein nichtiges Geschöpf.
Die Erfahrung der Schoa und des allgegenwärtigen Schreckens, den Menschen über Menschen bringen können, spielten in Heschels Theologie eine größere Rolle als bei Baeck. Das Böse habe Oberhand gewonnen und Gott ins Exil vertrieben, ist eine von Heschels zentralen Thesen. Die Menschheit müsse wieder beginnen, ihrer Würde entsprechend als Gottes Ebenbild zu handeln. Deshalb reihte sich Heschel in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ein und engagierte sich gegen den Vietnamkrieg.