17. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2017 | 5. Aw 5777

Die Jahre dazwischen

Hundertjähriges Jubiläum der großen Synagoge in Augsburg

Von Heinz-Peter Katlewski

Ein Zeitreisender, der die Israelitische Kultusgemeinde in Augsburg vor einhundert Jahren und dann wieder in unseren Tagen besucht hätte, könnte vielleicht meinen, es habe sich nicht allzu viel verändert. Damals konnten die Augsburger Juden die Einweihung ihrer Synagoge feiern, eines Gotteshauses, das zugleich ein herausragendes architektonisches Kunstwerk seiner Zeit war. Ende Juni 2017 feierten sie – im Beisein zahlreicher jüdischer wie nichtjüdischer Gäste – das hundertjährige Jubiläum dieser Synagoge, die unverändert eindrucksvoll ist und als eines der bedeutenden Baudenkmäler der Stadt anerkannt wird. Selbst die Zahl der Gemeindemitglieder ist ähnlich: 1200 damals und rund 1300 heute. In Wirklichkeit freilich sind die Jahre dazwischen nicht gerade ereignislos an der Gemeinde und an ihrer Synagoge vorbeigerauscht.
Aber der Reihe nach.
Am 4. April 1917 wurde die große Augsburger Synagoge nach vierjähriger Bauzeit und mitten im Ersten Weltkrieg eingeweiht. Mit ihrer 29 Meter hohen Kuppel zeugte sie von großem Selbstbewusstsein der jüdischen Stadtbevölkerung und mit ihrer originellen, ja kühnen Kombination verschiedener Baustile war sie sofort ein Blickfang.
So positiv, wie sich die Gemeinde ihre Entwicklung bei der Synagogeneinweihung vorstellen mochte, verlief die Zukunft allerdings (auch) in Augsburg nicht. In der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 versuchten Nazi-Horden, das Gotteshaus in Brand zu stecken. Dass die Flammen schnell gelöscht wurden, lag an einem Umstand, der nichts mit Toleranz zu tun hatte. Vielmehr hatten die Stadtbehörden Angst, durch die Feuersbrunst könnte die in unmittelbarer Nähe gelegene Tankstelle explodieren. Das wollte man nicht riskieren. So blieb das Gebäude in der Halderstraße die einzige Großstadt-Synagoge in Bayern, die von den Nazis nicht vollständig zerstört wurde.
Allerdings sollten viele Jahre vergehen, bis das Haus restauriert wurde und 1985 wieder als Synagoge eingeweiht werden konnte. Zugleich ist es Sitz der Gemeinde, und im linken Flügel des Komplexes ist das Jüdische Kulturmuseum Augsburg untergebracht.
Nach einer zehn Jahre währenden Res­taurierungsphase wurde 1999 wieder das grün-goldene netzartige Geflecht aus Mosaiken über dem Zentralraum sichtbar. Durch aufwändig konstruierte Maßwerkfenster und den doppelten Fensterkranz in der Kuppel sowie vier kugelförmige Lampen aus Messing fällt ein warmes, gedämpftes Licht in den Saal.
Dank des Zuzugs von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion konnte die Mitgliederzahl der Gemeinde nach der deutschen Wiedervereinigung stark wachsen. Zählte die Gemeinde Ende der Achtzigerjahre nur 400 Mitglieder, so sind es heute mehr als dreimal so viel.
Vor diesem historischen Hintergrund war der Festakt zum hundertjährigen Jubiläum am 28. Juni, an dem unter anderen Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, der Augsburger Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl und der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, teilnahmen, von besonderer Bedeutung.
Der Bundespräsident zeigte sich außerordentlich beeindruckt von der Aura des Raumes: „Die Augsburger Synagoge war und ist eine der schönsten Deutschlands. Es ist ein Glück, dass sie erhalten geblieben ist – ein Glück für die Gemeinde, für die Stadt und für uns alle.“ Für Dr. Schuster ist die Synagoge sogar eine der schönsten Europas. In seinem Grußwort wies der Zentralratspräsident darauf hin, dass im Eingangsbereich ein Davidstern zu sehen sei, der eine Zirbelnuss umschließe, ein althergebrachtes Symbol aus dem Augsburger Stadtwappen: „Was die Augsburger Juden mit der Kombination von Davidstern und Zirbelnuss zum Ausdruck bringen wollten, liegt auf der Hand: ‚Wir sind Augsburger Bürger!‘“ Diese Botschaft gelte auch heute, betonte Dr. Schuster. Ministerpräsident Seehofer versprach, Hass gegen Juden nicht zu dulden und Rechtsradikalismus und Antisemitismus keinen Millimeter Platz zu gewähren.
Der Gemeindevorsitzende Alexander Mazo blickt mit Zuversicht in die Zukunft. „Wir bauen hier ein neues Fundament für jüdisches Leben“, erklärte der Jurist, der seit 2003 in Augsburg lebt und seit 2005 der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg vorsteht, seit 2009 als hauptamtlicher Präsident. Gemeinderabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt übt sein Amt in Augsburg seit 2004 aus.
2011 nahm das Kultur- und Bildungszentrum CREDO am Sitz der Gemeinde seine Arbeit auf. Es bietet allerlei Kurse für Kinder und Jugendliche – angefangen von der Sprachförderung über Nachhilfe, Englisch- und Russischunterricht sowie jüdische Tradition bis hin zur musikalischen Früherziehung, jüdischen Tänzen und einem Musikschulprogramm. Das Angebot ist ausdrücklich offen, und auch nichtjüdische Kinder nehmen es wahr.
Die Gottesdienste finden regelmäßig, zumeist in der kleinen Synagoge rechts vor der Hauptsynagoge statt. Zu den Schabbatgottesdiensten kommt fast immer ein Minjan zusammen. Außerdem unterhält die Gemeinde ein Jugendzentrum sowie eine Kranken- und Seniorenbetreuung. Darüber hi­naus gibt es einen Chor und das eigene Klezmer-Ensemble „Feygele“, das zu Rosch Ha-Schana 5778 seine zweite CD mit dem Titel „Avinu“ veröffentlichen will. Stolz ist die Gemeinde auch auf ihren eigenen Jiddisch-Club.
In den nächsten Jahren sind wieder Bauarbeiten fällig: Nach 100 Jahren ist nämlich eine Generalsanierung des gesamten Gebäudekomplexes erforderlich. Die Kosten dafür werden vom Bund aus dem Etat für Kultur und Medien sowie aus dem bayerischen Landeshaushalt beglichen. Zentralratspräsident Dr. Schuster, der zugleich dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern vorsteht, bedankte sich dafür und stellte fest: „Ich denke, wir sind hier einer Meinung. Diese Synagoge zu erhalten, lohnt sich!“