17. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2017 | 5. Aw 5777

Wichtige Rolle

Unsere Gemeinschaft gewinnt in jüdischer Welt an Gewicht und legt größten Wert auf grenzübergreifende Kooperation

Die Erstarkung jüdischen Lebens in Deutschland wird heute in der Bundesrepublik weithin wahrgenommen und anerkannt. Das ist eine der vielen Facetten der erfolgreichen Aufbauarbeit, die wir vor allem seit 1990 – mit Unterstützung des deutschen Staates – leisten. Allerdings macht sich die wachsende Rolle nicht nur zwischen Rhein und Oder, sondern auch in der jüdischen Welt deutlich bemerkbar. Das lässt sich an einer langen Reihe von Beispielen belegen. Hier seien nur einige der jüngsten genannt, etwa die bisher umfangreichste Teilnahme von Sportlern aus Deutschland an den im Juli abgehaltenen Maccabi-Spielen in Israel. Mehr als 200 Athleten konnte Makkabi Deutschland zu der jüdischen Olympiade, wie sie gelegentlich genannt wird, entsenden. Und wie bei einer echten Olympiade ist Dabeisein zwar nicht alles, doch hatte diese eindrucksvolle Präsenz – über die sportlichen Erfolge hinaus – eine große Bedeutung.
Auch auf religiöser Ebene wird der verstärkte grenzübergreifende Bezug deutlich. Schon seit einigen Jahren werden in Deutschland wieder Rabbiner ausgebildet; eine Reihe von ihnen arbeitet heute in jüdischen Gemeinden im Ausland, vor allem in Europa – Wien, Toulouse, Budapest –, doch geht die vor einigen Wochen in Berlin ordinierte konservative Rabbinerin Nitzan Stein-Kokin in die USA. Viele Jahre war die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik auf „Importe“ von Rabbinern aus anderen Ländern angewiesen. Umso mehr Genugtuung bereitet es, dass das Judentum in Deutschland heute seinerseits einen Beitrag zur Entwicklung jüdischer Gemeinden in benachbarten oder ferneren Ländern leisten kann.
Kooperation ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Ein Beispiel ist das Fortbildungsprojekt für jüdische Führungskräfte Next Step, das gemeinsam von den Spitzenverbänden der deutschsprachigen Länder durchgeführt wird. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bringt sich aber auch in zahlreichen grenzübergreifenden Foren ein – darunter im Jüdischen Weltkongress und im Europäischen Weltkongress, in denen der Zentralrat der Juden in Deutschland ein aktives und geschätztes Mitglied ist. Das ist nur logisch: Jüdische Gemeinschaften in vielen Ländern haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen, auch im Verhältnis zu Teilen der Mehrheitsgesellschaft.
Daher sind Erfahrungsaustausch und Koordination Schlüsselelemente. So etwa haben die Juden in Deutschland – ganz unfreiwillig, versteht sich – Erfahrungen mit der Abwehr vorurteilsgeladener Angriffe auf die Religionsfreiheit gesammelt, als in der Bundesrepublik vor fünf Jahren die sogenannte Beschneidungsdebatte lief: der Versuch bestimmter Kreise, die religiöse Beschneidung von Jungen zu untersagen. Diese Erfahrungen teilt unsere jüdische Gemeinschaft mit anderen, gibt es doch auch heute in Deutschland wie in anderen Ländern Bestrebungen, in die Religionsausübung einzugreifen. Dazu gehören beispielsweise Forderungen, koschere Schlachtung zu verbieten. Hier ist jüdische Aktionsgemeinschaft gefordert.
In einer vernetzten Welt ist enge Kooperation jüdischer Organisationen in verschiedenen Ländern ein klares Gebot der Vernunft: Gemeinsam können wir viel mehr erreichen, als es jedem alleine möglich wäre. Das ist Synergie im besten Sinne. Es geht aber nicht nur um technische Effizienz: Innerjüdische Solidarität und gegenseitige Unterstützung waren viele Jahrhunderte die Norm, bevor es das Internet gab. Das Prinzip „Kol Israel arevim se le-se“ (Alle Juden sind füreinander verantwortlich) sorgte bei uns im Laufe unserer Geschichte nicht nur für gegenseitige Hilfe, sondern verlieh uns auch das Gefühl, zu einem größeren Ganzen zu gehören. Das ist auch heute Teil unserer Identität.

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