17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Projekt Doppeltür

Initiative will die Geschichte der schweizerischen „Judendörfer“ Endingen und Lengnau vermitteln

Von Peter Bollag

Der Aargau ist einer der 26 Kantone der Schweiz. Im Norden grenzt er an Deutschland an, ist ein wichtiger Industriestandort, bietet aber auch einer florierenden Landwirtschaft Raum. Für die jüdisch-schweizerische Geschichte interessant sind jedoch vor allem zwei kleine Dörfer des Kantons: Endingen und Lengnau. 90 Jahre lang waren sie die einzigen Ortschaften der Schweiz, in denen Juden wohnen durften. Jetzt wird ein Projekt zur Ausleuchtung der Geschichte der beiden vier Kilometer voneinander entfernten Dörfer geplant.
Zum besseren historischen Verständnis ist ein Blick ins 14. Jahrhundert erforderlich. Während der großen europäischen Pestepidemie wurden Juden in der Schweiz verfolgt und des Landes verwiesen. Erst im 17. Jahrhundert erhielten sie das Recht, sich in Endingen und Lengnau aufzuhalten, ab 1776 durften sie ausschließlich dort leben – ein Zustand, der erst 1866 mit der Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung endete.
In einem gewissen Sinne – wenngleich nicht zahlenmäßig – erinnern Endingen und Lengnau an den im zaristischen Russland Ende des 18. Jahrhunderts errichteten Ansiedlungsrayon. Nur eben, dass in den beiden Aargauer Dörfern keine fünf Millionen, sondern auf dem Höhepunkt rund 1500 Juden lebten: knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Es handelte sich um keine Ghettos, doch durften Juden und Christen nicht im selben Haus wohnen. Dieses Verbot umgingen beide Seiten, indem gemeinsam bewohnte Häuser zwei Türen hatten. Auch ansonsten bestand großer Pragmatismus in den Beziehungen zwischen Juden und Christen. Es gab eine gemeinsame Feuerwehr, auch die Männerchöre waren „gemischt“.
Die jüdischen Familien versuchten, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie bauten Synagogen und zwischen beiden Dörfern einen Friedhof. Außerdem liegen die beiden Ortschaften in der Nähe von Zurzach. Zurzach, heute als Badeort bekannt und direkt an der deutschen Grenze gelegen, war seit dem Mittelalter ein wichtiger Handels- und Messeort, der auch viele jüdische Händler anzog.
Mit der (späten) Emanzipation der Schweizer jüdischen Gemeinschaft nach 1866, die mit der Aufhebung des Wohnsitzzwangs einherging, verloren Endingen und Lengnau langsam ihre Bedeutung. Bis zum Ersten Weltkrieg siedelten sich viele jüdische Schweizer Familien nun in den großen Städten, vor allem Basel und Zürich, an. Hatten 1850 in Endingen 1000 Juden gelebt, so waren es 1914 viel weniger.
Dennoch blieb die Symbolkraft der jüdischen Kultur in beiden Orten bis heute bestehen: Sowohl in Endingen als auch in Lengnau gibt es Synagogen, die noch immer existieren und auch genutzt werden – wenngleich nicht täglich, da es nur noch in Endingen eine kleine jüdische Gemeinde gibt, die keinen täglichen Gottesdienst aufrechterhält. Die Synagoge von Endingen weist eine Besonderheit auf: Sie verfügt über eine Uhr außen am Gebäude, da es keine Kirche im Ort gibt, deren Uhr den Dorfbewohnern die Zeit angeben könnte.
Diese reichhaltige Geschichte, der der Autor Charles Lewinsky im preisgekrönten Roman „Melnitz“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat, soll nun mit einem besonderen Projekt einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Name des Vorhabens lautet – durchaus naheliegend – „Projekt Doppeltür“.
Die treibende Kraft dabei ist der Publizist Roy Oppenheim, der selbst in Lengnau lebt. Der frühere Direktor des Schweizer Fernsehens war schon maßgeblich am Entstehen des 2009 errichteten „Jüdischen Kulturweges“ beteiligt – eines Rundgangs, der bereits jetzt die Geschichte der Juden in den beiden Orten beleuchtet und der auch mit Führungen erkundet werden kann.
Das Interesse, auf das Oppenheim und weitere Protagonisten bei ihren „Kulturweg“-Führungen stießen, waren ein Auslöser für das „Projekt Doppeltür“. Inzwischen ist aus dem „Projekt Doppeltür“ ein Verein mit einem Vorstand und einem Patronatskomitee geworden. Im letzteren machen auch zwei ehemalige Schweizer Regierungsmitglieder (Bundesräte) mit, darunter auch die erste und bisher einzige jüdische Vertreterin, Ruth Dreifuss. Sie stammt selbst aus Endingen und ist sich ihrer Herkunft sehr bewusst. Nach ihrer überraschenden Wahl 1993 in die Schweizer Regierung wurde sie in ihrer Heimat besonders gefeiert.
Der Verein will für das Projekt 16 Millionen Franken sammeln – und zwar schnell. Schon 2019 sollen die ersten Elemente in Betrieb genommen werden, beispielsweise eine Audio-Tour, durch die sich geschichtliche Ereignisse nachverfolgen lassen. Als Kern des Ganzen ist ein Besucherzentrum anvisiert, über das allerdings noch keine Entscheidung gefallen ist; zurzeit wird nach einem Standort gesucht. Das Zentrum soll die Geschichte der Schweizer Juden im Aargau multimedial darstellen und über die Infrastruktur eines modernen Museums verfügen. Jedes der beiden Dörfer möchte es gern beherbergen – auch weil das Projekt dem Fremdenverkehr positive Impulse bringen dürfte.
Es gibt im Aargau auch Stimmen, die aus dem „Projekt Doppeltür“ gleich das Jüdische Museum der Schweiz machen möchten. Dieses gibt es allerdings schon: Es steht seit gut 50 Jahren als einziges jüdische Museum des Landes in Basel (siehe „Zukunft“ 12/2016). Im „Projekt Doppeltür“ sehen die Baseler keine Konkurrenz, sondern vielmehr eine Ergänzung und Vertiefung des eigenen Angebots.