17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

WG mit Idee

„Moishe Houses“ bieten jungen Juden die Möglichkeit zu Zusammensein und Austausch – auch in Deutschland

Von Heinz-Peter Katlewski

Was könnte sich hinter dem Namen „Moishe House“ verbergen. Ein Haus? Na ja, meistens eine Wohnung. In der Juden leben? In der Tat: Ein Moishe House ist eine Wohngemeinschaft für jüdische Studenten. Aber nicht nur das: Es ist auch ein Treffpunkt für junge Juden, die nicht unter seinem Dach wohnen. Weltweit sind 101 Moishe Houses zu finden, und zwar in 25 Ländern, darunter auch in Deutschland. Ziel des Projekts ist es, jungen Leuten, die den organisatorischen Rahmen für Jugendliche wie etwa Jugendzentren oder Ferienlager entwachsen sind, einen jüdischen Bezugspunkt zu bieten.
Name und Idee des Moishe House geht auf den amerikanischen Psychologen und Philanthropen Morris Bear Squire und den Studentenaktivisten David Cygielman zurück – wobei Squire (2014 verstorben) auch Moishe genannt wurde. Im kalifornischen Santa Barbara entwarfen die beiden das Grundkonzept: Drei bis fünf junge Juden sollten sich gemeinsam eine Wohnung mieten und mehrmals im Monat andere junge Juden einladen, die sie von der Universität, vom Arbeitsplatz oder von anderen Treffpunkten kennen und die ihrerseits andere ansprechen könnten. Die ersten Moishe Houses entstanden in den USA 2006. Heute ist Cygielman Geschäftsführer der Organisation.
In einem Moishe House werden Partys, Film- und Literaturabende genauso wie Schabbatfeiern veranstaltet. Dabei können die Bewohner ihren Ideen weitgehend freien Lauf lassen. Dafür wird ihre Wohnungsmiete zu einem Teil subventioniert. Die Kosten für eine angemessene Ausstattung des jeweiligen Events werden den Gastgebern im Rahmen ihres Budgets von der Moishe-House-Zentrale erstattet. Die europäische Zentrale der Organisation befindet sich in London.
Das erste deutsche Moishe House ist im August 2016 in Mannheim entstanden, das zweite und bisher letzte folgte im Dezember in Frankfurt. In Mannheim haben sich Daniel Golikov, Thomas Abramovich und Anna-Maria Spektor einem Modell verschrieben, das ganz darauf setzt, Menschen informell zu vernetzen. Es spricht sowohl junge Juden an, die einer Gemeinde angehören, als auch solche, die sich zwar mit Gleichaltrigen treffen möchten, aber kein Mitglied einer jüdischen Gemeinde sind.
Gemeinsam haben Daniel, Anna-Maria und Thomas in unmittelbarer Nähe des Mannheimer Hauptbahnhofs eine Vierzimmerwohnung gemietet. Die drei kennen sich bereits seit vielen Jahren. Erst trafen sie sich als Teilnehmer auf den Machanot der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), später leiteten sie als Madrichim Kindergruppen. Jetzt richten sie drei- bis viermal im Monat ihr geräumiges Wohnzimmer für ihre Veranstaltungen her. Mal wird gesungen, ein anderes Mal gemeinsam ein Fußballspiel der Champions-League angeschaut, an einem anderen Tag gibt es einen kleinen Tanz-Workshop, dann wieder geht man gemeinsam in die Synagoge und feiert anschließend am langen Wohnzimmertisch Kiddusch. Den stärksten Zuspruch fand vor ein paar Monaten die Disney-Purim-Party.
Das Programm entsteht nicht am grünen Tisch: Die Eingeladenen können ein Wort mitreden und auch selber einen Abend gestalten. Jeder der drei Bewohner bringt eigene Vorlieben ein, ohne sie aber zum Schwerpunkt zu machen: In Mannheim unterrichtet Anna-Maria neben ihrem Studium der Gesundheitswissenschaften den Fitness-Tanz Zumba. Zumba und Tanz kommen daher gelegentlich im Angebot des Moishe House vor. Daniel, Student der Politik und der Jüdischen Studien, trainiert Karate. Das stand auch schon mal auf dem Kalender. Thomas wiederum studiert Biochemie in Mannheim, arbeitet im Labor der Universitätsklinik Heidelberg und leitet nebenbei das Jugendzentrum der Mannheimer Jüdischen Gemeinde.
Der Kontakt zur Gemeinde ist gut. Sie unterstützt das Mannheimer Moishe House in vielerlei Hinsicht seit dessen Gründung. nicht zuletzt durch koschere Gerichte, wenn der Anlass verlangt, dass es etwas zu essen gibt. Daniel, Anna-Maria und Thomas halten sich persönlich nicht so streng an die Kaschrut-Regeln, auch von den Gästen wird das nicht verlangt, doch soll sich jeder Jude hier wohlfühlen. Deshalb gibt es nur koschere Verpflegung. Unterstützung erfährt das Mannheimer Moishe House auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland über dessen Netzwerk-Programm für Studenten und junge Juden „Kescher“ (hebräisch für Verbindung, Kontakt).
Wer sich an einem Moishe-House-Projekt als Bewohner beteiligen oder ein neues gründen will, kann sich dafür bewerben. Mindestens für ein Jahr muss man sich verpflichten, länger als vier Jahre darf sich allerdings niemand in einem Moishe House einnisten, denn die nächste Generation aktiver Studierender wartet schon.

www.moishehouse.org/houses/mannheim
www.moishehouse.org/houses/frankfurt-rsj