17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Hin und her

Jüdische Wanderungen zwischen Deutschland und Osteuropa sind historisch gesehen nichts Neues – die Beweggründe dafür waren vielfältig

Von Annette Kanis

Die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990 hat die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik gestärkt und bereichert. Darüber ist – zu Recht – viel gesagt und geschrieben worden. Historisch gesehen freilich sind jüdische Wanderungen zwischen Deutschland und Osteuropa nicht Neues. Darauf verweist der Historiker Dr. Uri Kaufmann, Leiter der Bildungsstätte Alte Synagoge Essen.
Die Beweggründe für diese Wanderungen, so Dr. Kaufmann, waren vielfältig. Eine jüdische Absetzbewegung aus dem deutschen Raum nach Osten gab es bereits früh: Ende des 11. Jahrhunderts flohen zahlreiche Juden während des Ersten Kreuzzuges vor den Massakern, die in Westeuropa stattfanden, in das relativ tolerante Polen. Auch während der Pestepidemie des 14. Jahrhunderts fanden viele Juden Zuflucht in polnischen Landen. Dabei suchten sie nicht zuletzt Schutz vor den Massenpogromen, denen unzählige Juden im Westen des Kontinents zum Opfer fielen. Es gab aber noch weitere Motive: Polens Könige und Adel ermöglichten den Juden eine weitaus freiere wirtschaftliche Betätigung als die westlichen Länder, was letztlich für die Wirtschaftsentwicklung Polens von großem Vorteil war.
Eine weitere Zäsur waren Vertreibungen. „Aus mehr als 230 Städten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation wurden Juden im Laufe des 15. Jahrhunderts vertrieben“, erklärt Dr. Kaufmann, der sich mit dem Thema eingehend befasst hat. Der Grund war oftmals der Wunsch der gegen den Adel erstarkenden christlichen Bürgerschaft, jüdische Konkurrenten aus dem Geldhandel zu verdrängen.
Durch die besseren Lebensumstände für Juden und durch den Zuzug aus dem Westen konnte sich in der frühen Neuzeit das große jüdische Zentrum des Königreichs Polen-Litauen entwickeln, das bis ins 20. Jahrhundert in der jüdischen Welt prägend bleiben sollte. Dies, obwohl sich Juden aus Deutschland, freilich in geringerer Zahl, etwa auch in Venedig oder in Istanbul angesiedelt hatten.
In den folgenden Jahrhunderten schlug das Migrationspendel zwischen Ost- und Westeuropa wieder in die andere Richtung aus. „Im 17. und 18. Jahrhundert wanderten vor allem Rabbiner und Lehrer aus dem Osten in den Westen bis nach Lothringen als westliche Grenze des jüdischen Siedlungsgebietes“, so Dr. Kaufmann. Einer dieser Gelehrten war der Mystiker Jesaja Horovitz (1565–1630), der in Frankfurt vor 1617 tätig war und danach ins Land Israel weiterwanderte.
Übrigens hatte sich das osteuropäische Jiddisch damals schon so weit vom Westjiddischen der deutschen Juden entfernt, dass es in den jüdischen Gemeinden Klagen gab, die Zugereisten aus Osteuropa sprächen „unverständlich“. Ein anderes sprachliches Indiz für Migration: Jüdische Familiennamen wie „Lemberger“ oder „Pressburger“ sind für Ende des 18. Jahrhunderts in Württemberg nachgewiesen und deuten auf eine Migration aus dem Osten, speziell aus der Slowakei und Galizien, nach Süddeutschland hin. Diese Migrationsperiode, so Historiker Dr. Kaufmann, sei bisher nur ungenügend erforscht. In jedem Fall aber habe es sich um eine kleine Auswanderergruppe gehandelt.
Nicht so klein und vor allem viel besser dokumentiert ist die jüdische Migration nach Deutschland im 19. Jahrhundert. Mit der Industrialisierung wurde Westeuropa auch für breitere Schichten attraktiv. Viele Juden aus dem Zarenreich wollten in die USA auswandern, andere kamen nach Deutschland oder blieben hierzulande „hängen“, statt über den Atlantik überzusetzen. Nach 1881 verstärkten Pogrome in Russland die Auswanderungstendenz.
Auch jüdische Studenten aus Russland suchten deutsche und schweizerische Universitäten auf, zumal an russischen Hochschulen ein strikter Numerus clausus für Juden galt. Einer von ihnen war Chaim Weizmann aus Motul bei Pinsk: Er bildete sich im schweizerischen Fribourg aus und lehrte anschließend in Genf – 1948 sollte er Israels erster Staatspräsident werden. Auch andere osteuropäische Juden zog es letztendlich nach Israel, wo sie wertvolle Beiträge zur Entwicklung des jüdischen Staates leisteten.
In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts nahm die Beliebtheit des Reiseziels Deutschland für osteuropäische Juden weiter zu. Einer der Gründe waren die niedrigeren Lebenshaltungskosten. Dazu seien Bürgerkriege und Unsicherheit in den Herkunftsländern gekommen, so Dr. Kaufmann. Mindestens 80.000 der 500.000 bis 600.000 Juden, die in der Weimarer Republik lebten, stammten aus Osteuropa, unter ihnen viele Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler. Auch dank ihrer entwickelte sich Berlin damals zu einem führenden Zentrum jüdischen Geisteslebens und jüdischer Politik. In Berlin gab es unter anderem einen von jüdischen Studenten geprägten „Russischen Wissenschaftlichen Verein“. Hier betätigte sich 1912 ein Schneur Salman Rubaschow – auch er sollte später, als Salman Schasar, israelischer Staatspräsident werden. Neben Intellektuellen, politischen Aktivisten, Künstlern und Literaten gab es in Berlin freilich auch viele einfache, oft arme Ostjuden. Sie lebten großenteils im sogenannten Scheunenviertel.
Wie das deutsche Judentum insgesamt, fielen auch osteuropäische Juden in Deutschland der NS-Verfolgung zum Opfer. Und doch wurde Deutschland nach dem Holocaust wieder Ziel jüdischer Flüchtlinge. Viele waren als NS-Verfolgte in Konzentrationslager in Deutschland verbracht worden, andere flohen vor Pogromen in Polen in die US-Besatzungszone. Ein kleiner Teil der Bewohner jüdischer alliierter „Displaced Persons“-Lager (Lager für Staatenlose) konnte oder wollte Deutschland letztendlich nicht verlassen und blieb in der Bundesrepublik. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts kamen weitere jüdische Flüchtlingsgruppen aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen hinzu. Auch rumänische und sowjetische Juden erreichten – oft nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Israel – die Bundesrepublik. Insofern reiht sich die Zuwanderung aus der Ex-Sowjetunion, die in den Neunzigerjahren ihren Höhepunkt erreichte, in eine fast schon ein Tausend Jahre lange, wechselvolle historische Entwicklung ein.