17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Für die ganze Familie

Der Grand Schabbaton des Bundes traditioneller Juden fand zum sechsten Mal statt

Der Bund traditioneller Juden (BtJ), dem 27 Gemeinden in Deutschland angehören, versteht sich als eine Vertretung des traditionellen Judentums. Zu den wichtigsten Veranstaltungen des BtJ gehört der seit 2012 jährlich stattfindende Grand Schabbaton. Über dieses Thema sprach die „Zukunft“ mit Michael Grünberg, Vorsitzender des BtJ und der Jüdischen Gemeinde Osnabrück sowie Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Zukunft: Herr Grünberg, was ist eigentlich ein Grand Schabbaton?
Michael Grünberg: Das hebräische Wort Schabbaton bezeichnet eine Zusammenkunft von Juden, die den Schabbat gemeinsam verbringen wollen. Mit dem Schabbaton bieten wir den Teilnehmern die Möglichkeit, ein Wochenende, inklusive des Schabbats, in jüdischer Atmosphäre zu verbringen. Dabei versuchen wir, jüdisches Wissen zu vermitteln, doch ist der Schabbaton keine reine Lernveranstaltung, sondern will das Erlebnis jüdischer Gemeinsamkeit ermöglichen. Der BtJ veranstaltet jedes Jahr mindestens vier regionale Schabbatonim und einen bundesweiten, eben den Grand Schabbaton, dessen Hauptförderer übrigens der Zentralrat der Juden in Deutschland ist.

Es war bereits der sechste Grand Schabbaton. Wird diese Veranstaltung zu einem festen Bestandteil jüdischen Lebens in Deutschland?
Ich denke, das ist sie schon. Jedenfalls freuen wir uns über das große Interesse und die rege Teilnahme. Bei unserem diesjährigen Grand Schabbaton, der im Juni in Radebeul bei Dresden stattfand, waren 300 Menschen dabei, womit wir auch schon an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen sind.

Warum Dresden? Und das schon zum vierten Mal in Folge! Für die meisten bedeutet das eine recht lange Anreise.
Das stimmt. Aber das Hotel, in dem wir den Grand Schabbaton veranstalten, ist für uns gut geeignet. Beispielsweise ist das gesamte Hotelgelände umzäunt, so dass wir einen Eruv haben, die halachische Schabbat-Grenze, die das Mitführen von Gegenständen auf dem Gelände erlaubt.
Der Grand Schabbaton richtet sich sowohl an Familien als auch an Alleinstehende. Bei letzteren handelt es sich hauptsächlich um Jugendliche und junge Berufstätige. Und für diesen Mix von Gespräch, Zugehörigkeit, Lernen und Einfach-miteinander-Sein nehmen unsere Teilnehmer auch die Anreise in Kauf. Das wissen wir zu schätzen.

Wie orthodox ist der Schabbaton?
Wir halten uns an die Halacha. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur Orthodoxe ansprechen wollen. Teilnahmeberechtigt sind alle Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland, aber auch jüdische Gäste, die keiner Gemeinde angehören. Wir fragen niemanden, welcher Strömung des Judentums er oder sie angehört, und wir versuchen nicht, jemanden zur Orthodoxie zu bekehren. Wir wollen vielmehr zeigen, wie schön und wie sinngebend traditionelles Judentum ist.

Welche Themen greift der Grand Schabbaton auf?
Die Religion spielt, versteht sich, eine große Rolle, aber nicht nur abstrakt. Vielmehr befassen wir uns auch mit der konkreten Frage jüdischer Praxis. Beim jüngsten Schabbaton konnten wir den Oberrabbiner von Österreich, Rabbiner Paul Chaim Eisenberg, als Referenten zu diesem Thema begrüßen. Er stellte seinen Vortrag unter den etwas provokativen Titel: „Alle Juden kennen die Regeln und die besonders Klugen auch die Ausnahmen.“ Dabei ging es um halachische Möglichkeiten, den religiös-jüdischen Lebensstil mit dem Alltag zu vereinbaren. Rabbiner Jaron Engelmeyer aus Israel – unserem Publikum besser als langjähriger Rabbiner von Köln bekannt – sprach unter anderem über Fundamentalismus und Extremismus im Judentum. Rabbiner Steven Weil, Senior Managing Director der als Dachorganisation orthodoxer Gemeinden und Organisationen in den USA fungierenden Orthodox Union gab einen Schiur über den Beginn des Sechstagekrieges. Das ging wirklich unter die Haut. Auf der Tagesordnung standen auch aktuelle Themen wie etwa die Flüchtlingskrise aus dem Blick des Judentums mit Rabbiner David Geballe, dem Gemeinderabbiner von Fürth, sowie eine Podiumsdiskussion über die öffentliche Meinung zu Israel, an der unter anderem der Bundestagsabgeordnete Volker Beck teilnahm.

Was noch?
Ich kann hier nicht alle Programmpunkte aufzählen, es waren sehr viele. Seinen Erfolg verdankte der Schabbaton aber nicht nur den Vorträgen und Diskussionsrunden, sondern auch vielen anderen Dingen. Nicht zuletzt der ebenso lehrreichen wie umfassenden Kinderbetreuung, die Eltern die Möglichkeit gab, sich auf das Programm zu konzentrieren. Bei 70 Kindern, fast einem Viertel aller Teilnehmer, war das keine Kleinigkeit. Wir hatten auch eine Pilates-Stunde für Frauen, eine Stadttour in Dresden, einen Familienausflug und sogar eine Bar-Nacht nach Schabbatausgang. Und selbstverständlich auch an allen Tagen Gottesdienste.

Hat sich das Konzept nach sechs Jahren verändert?
Wir versuchen, immer besser zu werden und aus Fehlern zu lernen. Das Grundkonzept hat sich aber, glaube ich, bewährt. Zu diesem Konzept gehört auch, dass wir auf Kooperation setzen. Beim Aufbau unseres Programms arbeiten wir mit Jewish Experience, dem Forum für jüdische Studenten und junge Erwachsene, ebenso wie mit der Studentenorganisation Morasha Germany zusammen. Wir verstehen uns als Teil des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik und wollen unseren eigenen Beitrag dazu leisten.