17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Noch ganz jung, aber schon recht selbstbewusst!

Die Jüdische Studierendenunion Deutschland will viel bewegen

Von Olaf Glöckner

Die Jüdische Studierendenunion Deutschland gibt es erst seit Dezember 2016. Trotzdem hat sie schon detaillierte und weitreichende Pläne – man könnte fast schon sagen: ein Sendungsbewusstsein. Zum einen will die JSUD, wie sie abgekürzt heißt, jüdische Studierende und junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren auf Bundesebene vertreten und in die deutsche Gesellschaft und Politik hineinwirken. Zum anderen möchte sie sich im jüdischen Leben engagieren und ihre Zielgruppe – immerhin geschätzte 25.000 junge Menschen – umfassend ansprechen.
Die neue Organisation erhielt von Anfang an Hilfe vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Daher war es kein Zufall, dass die Gründung der JSUD im Dezember 2016 am Rande des Gemeindetages des Zentralrats stattfand. Diesen Rückhalt wissen die jungen Enthusiasten zu schätzen. „Es ist ungemein hilfreich, wie uns der Zentralrat schon unterstützt hat“, erklärt JSUD-Präsidentin Dalia Grinfeld (22), „angefangen bei der Bereitstellung von Büroräumen über die Einrichtung eines Jahresbudgets, juristische Beratung bis hin zur Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit. Auch die Zentralwohlfahrtstelle der Juden hat uns beim Frankfurter Jugendkongress, bei der Organisierung von Vollversammlung und Urwahl großartig geholfen.“
Grinfeld betont ausdrücklich, dass sich hier kein zusätzlicher Dachverband gebildet habe, sondern eine „notwendige politische Interessenvertretung, die lokalen und regionalen Initiativen eine Stimme und Rückhalt gibt.“ Zugleich ist die JSUD auf dem besten Weg, sich in der World Union of Jewish Students (WUJS) und in der European Union of Jewish Students (EUJS) zu vernetzen. Zu bestehenden jüdischen Organisationen, die etwa im Bildungsbereich Projekte für jüdische Jugendliche und junge Erwachsene durchführen, will die JSUD nicht in Konkurrenz treten.
Zu den inhaltlichen Kernanliegen der JSUD gehören die Bekämpfung von rassistischer, fremdenfeindlicher, religiöser und politischer Diskriminierung, der Dialog mit anderen Kulturen und Glaubensrichtungen sowie die Information der nicht jüdischen Öffentlichkeit über aktuelle jüdische Themen. „Besonders wichtig ist uns aber“, so die junge Politologin Dalia Grinfeld, „junge Jüdinnen und Juden zu einer aktiven gesellschaftlichen Teilnahme zu befähigen. Das schließt beispielsweise Trainingsseminare für Leadership, Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit ein, aber auch Workshops und Seminare über die Zukunft des Judentums in diesem Land.“ Junge jüdische Stimmen, so Grinfeld, seien in den Leitungsgremien vieler jüdischer Gemeinden noch unterrepräsentiert. Das wolle man ändern.
Das Echo auf die JSUD-Initiative ist enorm. Beim Jugendkongress in Frankfurt am Main beteiligten sich 350 junge Leute an der Wahl für den jetzigen Vorstand. Hier finden sich neben Dalia Grinfeld mit Benjamin Fischer und Mike Delberg zwei weitere Berliner, mit Aaron Serota ein Frankfurter und mit Arthur Poliakow ein Münchener Vertreter.
Solches Interesse seitens der Basis ist ein wichtiger Vertrauensvorschuss, der allerdings schnell in Taten umgesetzt werden muss, wenn er nicht verpuffen soll nach dem Motto: „Als Löwe gestartet, als Bettvorleger gelandet.“ Deshalb ist die JSUD dabei, gleich 16 Arbeitsgruppen aufzubauen, unter anderem zu den Themen „Gesellschaft und Soziales“, „Interreligiöser Dialog“, „Gender und Frauen“. Für die Leitung dieser Gruppen – offiziell heißen sie Fachressorts – hat sich schon eine Vielzahl von interessierten Ehrenamtlichen gemeldet. Der Vorstand unterstreicht den pluralistischen Charakter der JSUD. „Alle jüdischen Strömungen sind bei uns willkommen“, betont Dalia Grinfeld. „Das gilt sowohl in religiöser wie auch in politischer Hinsicht – solange Prinzipien der Demokratie und Fairness gewahrt bleiben.“
Konsequent nutzen die jungen Protagonisten die neuen Medien und soziale Netzwerke, und auch hier setzt man auf rege Beteiligung aus alle Teilen Deutschlands, so auch bei der Facebook-Initiative „My Parasha“. Dort können Videos zum Thema Schabbat eingestellt werden, die eigene Ideen der Einsender wiedergeben sollten. Auch auf Twitter ist die JSUD präsent, an einem eigenen YouTube-Kanal wird gearbeitet.
Die Organisation solidarisiert sich mit Minderheiten, die in Deutschland und anderswo verfolgt wurden und teils noch immer um Anerkennung kämpfen. „Am 8. April, zum Roma-Tag, haben wir auf Facebook eine eigene Solidaritätskampagne per Video geschaltet und damit 25.000 Leute erreicht“, freut sich Dalia Grinfeld. Die bisher aber spektakulärste JSUD-Aktion bildete eine T-Shirt-Aktion während des Besuches des Präsidenten der Palästinensischen Nationalbehörde, Mahmoud Abbas, bei der Konrad-Adenauer-Stiftung im März in Berlin. JSUD-Aktivisten erschienen auf der Veranstaltung, bei der Abbas über mögliche Entwicklungen im Nahostkonflikt sprach. Die jungen Juden störten den Redner nicht, trugen aber orange leuchtende T-Shirts, auf denen kontroverse und in sich widersprüchliche Zitate des Präsidenten der Palästinensischen Nationalbehörde aufgedruckt waren. Die JSUDler kamen zwar selbst nicht zu Wort, konnten im Anschluss an den offiziellen Teil der Veranstaltung aber zahlreiche Besucher zu einer kritisch-angeregten Diskussion bewegen.
In den kommenden Monaten wird die JSUD auch im Vorfeld der Bundestagswahlen tätig werden. Die Organisation will die Programme der Parteien prüfen, Kontakt zu deren Jugendverbänden aufnehmen und auch Spitzenpolitiker einladen. Dabei geht es nicht darum, die eine oder andere Partei zu unterstützen. „Wir sind überparteilich“, betont Grinfeld. Allerdings lehnt die JSUD Kontakte zur AfD ab. Es sei nämlich offensichtlich, so Grinfeld, dass die AfD Intoleranz in der Gesellschaft bediene und daher keinen geeigneten Gesprächspartner darstellen könne.