17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Meilenstein

Das konservative Zacharias Frankel College feierte seine erste Ordination

Von Heinz-Peter Katlewski

Am 18. Juni wurde ein weiterer Meilenstein im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gelegt: Das Zacharias Frankel College konnte in Berlin seine erste Ordination feiern. Bisher haben das liberale Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar zu Berlin bereits eine Reihe von Ordinationen durchgeführt. Für das konservative Zacharias Frankel College war die Ordination von Nitzan Stein-Kokin – sie ist die neue Rabbinerin – indessen eine Premiere.
Das College wurde 2013 als Rabbiner­ausbildungsstätte und eigenständiges Institut an der Universität Potsdam gegründet. Es steht der Masorti-Bewegung (konservativ) nahe. Bei der Feier erteilte ein Beit Din (Rabbinergericht) aus hochrangigen Rabbinern des nordamerikanischen konservativen Judentums Nitzan Stein-Kokin die Smicha.
Zu den prominenten Gästen, die Rabbinerin Gesa Ederberg – dem College eng verbunden – im Gemeindezentrum Fasanenstraße begrüßen konnte, gehörten unter anderem der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, und der Präsident der Universität Potsdam, Prof. Dr. Oliver Günther. Bei der Ordination richtete Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein Grußwort an die Anwesenden. Der Zentralrat fördert das Zacharias Frankel Colege ebenso wie das Abraham Geiger Kolleg und das Hildesheimersche Rabbinerseminar.
Unter anderem führte Botmann aus: „Die Ordination berührt unsere Herzen auf ganz besondere Weise, da eine solche Ordination für einen Anfang steht.“ Jede Ordination sei ein weiterer Beweis für den Erfolg der Rabbinerausbildung in Deutschland. Neue Rabbinerinnen und Rabbiner bereicherten die jüdische Gemeinschaft. Es sei aber auch erfreulich, wenn sich die Absolventen als „Exportschlager“ ins Ausland erwiesen. An die Adresse von Rabbinerin Stein-Kokin gerichtet, sagte Botmann: „Ich bin sicher, dass es sich bei Ihnen, Frau Nitzan Stein-Kokin, um einen solchen handelt. Deutschland, Israel und die USA haben die Erfahrungshorizonte in Ihrem Leben geprägt. Damit sind Sie geradezu prädestiniert dazu, zu einer künftigen Brückenbauerin zwischen den Nationen, den Kulturen und den jeweiligen jüdischen Communities zu werden. Und Brückenbauer brauchen wir in den heutigen Zeiten mehr denn je.“ Zugleich würdigte Botmann die Vielfalt der unterschiedlichen Ausbildungsangebote für Rabbiner, die es mittlerweile in Deutschland gebe: „Wir brauchen noch viel mehr Rabbinerinnen und Rabbiner, die – unabhängig von der jeweiligen Denomination – zeitgemäße Konzepte für religiöse Bildung und Lebenspraxis an unsere jüdische Jugend, an die Kinder, in die Familien und in unsere jüdischen Gemeinden hineintragen.“
Rabbinerin Nitzan Stein-Kokin ist im Südwesten Deutschlands aufgewachsen. Zunächst studierte sie evangelische Theologie, dann aber entschied sie sich für ein Judaistik-Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem. Von dort ging sie 2002 nach Boston an die amerikanische Ostküste, um sich am Hebrew College als jüdische Religionslehrerin ausbilden zu lassen. Seit 2010 lebt sie mit ihrem aus Kalifornien stammenden Mann, Professor Daniel Stein-Kokin, und ihren beiden Töchtern in Berlin. 2013 wurde sie die erste Studentin des Zacharias Frankel Colleges.
Die Masorti-Bewegung hat ihre Wurzeln im Deutschland des 19. Jahrhunderts und prägte das deutsche Judentum vor der Schoa wesentlich mit. Rabbiner Zacharias Frankel (1801 – 1875) war zwanzig Jahre lang Rektor des weltweit angesehenen Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau. Er hatte in Deutschland die positiv-historische Schule im Judentum initiiert, eine Denkrichtung, die sich zwischen jüdischer Orthodoxie und Reform ansiedelte. Er vertrat die Auffassung, dass das jüdische Recht, die Halacha, niemals statisch und unabänderlich gewesen, sondern unter veränderten Umständen stets neu angepasst worden sei. Hier sah Frankel Reformpotential im Judentum, nicht aber darin, es auf prophetische Ethik zu reduzieren. In diesem Sinne wurde diese Strömung konservativ oder eben „Masorti“ genannt, wie das hebräische Wort für „traditionell“ lautet.
Die Masorti-Bewegung verlangt von ihren Rabbinern eine fundierte wissenschaftlich-theologische Ausbildung, erwartet aber zugleich, dass sie ihr Leben und ihre Lehre konsequent an einem modernen, doch fundierten Verständnis der Halacha orientieren. Seit 1984 werden auch Frauen ins Masorti-Rabbineramt berufen. Für Nitzan Stein-Kokin war die Verknüpfung von religiöser Observanz, Tradition und Weltoffenheit in dieser jüdischen Strömung ein Grund, sich beim Frankel College an der Universität Potsdam ausbilden zu lassen. Derzeit gibt es an dem College noch zwei Rabbinerstudenten. Im Herbst wollen zwei weitere das Studium aufnehmen.
Europa hat derzeit 38 Masorti-Gemeinden, in Deutschland haben sich bislang zwei Gemeinden dieser Bewegung angeschlossen. Am stärksten vertreten ist sie in Nordamerika, wo sie „Conservative Judaism“ genannt wird. Offizieller Träger des Zacharias Frankel College ist die in Brandenburg registrierte Leo Baeck Foundation, deren Vorsitzender Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka ist. Allerdings wirkte die in Los Angeles ansässige konservative Ziegler School of Rabbinic Studies der American Jewish University unter Leitung ihres Dekans, Rabbiner Bradly Shavit Artson an der Errichtung mit. Die amerikanische Lehranstalt hat gegenwärtig auch die religiöse Aufsicht über das junge College und das Studium der künftigen Rabbiner. Die Gastprofessoren für Halacha am Institut für jüdische Theologie der Universität Potsdam kommen ebenfalls regelmäßig von der Ziegler School. Zum Teil absolvieren die Studierenden des Abraham Geiger Kollegs und des Zacharias Frankel College das gleiche Studienprogramm, doch hat jede der beiden Ausbildungsstätten zusätzlich ein eigenes Programm zur Vorbereitung auf das Rabbinat.