17. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2017 | 6. Tammus 5777

Gemeinsame Aufgabe

Jeder kann einen Beitrag zur Abwehr des Rassismus leisten

Von Josef Schuster

Über die Bekämpfung des Antisemitismus wird dieser Tage viel gesprochen. Das ist auch nötig; wichtig genug ist das Thema ja allemal. Zusätzliche Aktualität erhielt es durch die Veröffentlichung des jüngsten Expertenberichts über den Antisemitismus in Deutschland. Dessen Autoren fordern nicht nur eine bessere Erforschung der Judenfeindschaft, sondern auch mehr konkrete Maßnahmen zu deren Bekämpfung. Dieses Ansinnen wird, versteht sich, von der jüdischen Gemeinschaft begrüßt und mitgetragen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass den Worten Taten folgen.
An dieser Stelle ist es indessen wichtig, daran zu erinnern, dass die Bekämpfung des Antisemitismus und jeder anderen Form von Rassismus und Fremdenhass keine Aufgabe ist, für die allein der Staat verantwortlich ist, etwa wie bei der Landesverteidigung. Gegen Rassismus Position zu beziehen, ist vielmehr die Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Dazu gehören auch Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände, Sportvereine, Kulturinstitutionen und viele andere Einrichtungen mehr. Deren Mitwirkung ist im Einsatz um eine aufgeklärte, humane Gesellschaft unerlässlich.
Gefordert sind aber nicht nur Behörden und Organisationen. Gefordert ist auch der Einzelne, im ganz konkreten Alltag. Und es geht oft um einfache, aber keineswegs banale Sachen. Es genügt nicht, keine rassistischen Kommentare von sich zu geben. Auch wenn man sie von anderen hört, ist Widerspruch fällig, allein schon, damit Rassismus nicht als Kavaliersdelikt gilt, geschweige denn als eine Selbstverständlichkeit und das Schweigen als Zustimmung. Manchmal genügt es zu sagen: „Das stimmt doch nicht!“
Je häufiger Menschenhass auf Schweigen stößt, umso schneller breitet er sich aus. Dass das Gift dabei zumeist in kleinen Tropfen versprüht wird – am Arbeitsplatz, bei der Grillparty, beim Gespräch mit Nachbarn, im Wohnzimmer –, macht es nicht weniger gefährlich, ob sich der Hass nun ein Kleid aus Ideologie oder Religion überstülpt, als sogenanntes gesundes Volksempfinden daherkommt oder gar als Humor getarnt wird.
Oft sind es Kinder, die für Vorurteile besonders anfällig sind. Wenn bereits Erst- oder Zweitklässler „wissen“, weshalb man vor Juden, Schwarzen, Sinti und Roma oder anderen Bevölkerungsgruppen Angst haben, ja sie hassen „muss“, dann liegt das vor allem an den stillen, auf den ersten Blick unauffälligen Einflüsterungen. Schließlich wird niemand als Antisemit geboren oder wird es, ohne dahingehend beeinflusst worden zu sein.
Den Gefallen, nicht mehr gegen Minderheiten, Religionen und Volksgruppen zu hetzen, wird uns die Rassistenriege in absehbarer Zeit nicht tun. Deshalb bleiben wir auf die Einsicht und die Zivilcourage der Anständigen angewiesen, und zwar nicht nur aus Rücksicht auf die unmittelbar Betroffenen, sondern auch weil Rassismus jeden aufgeklärten Bürger angehen sollte. In einer Gesellschaft, in der „der andere“ ein legitimes Objekt der Zurückweisung ist, kann fast jeder als „andersartig“ zur Zielscheibe werden. Doch gibt es noch einen weiteren, nicht minder wichtigen Grund, sich im Kampf gegen die Hasser zu engagieren: Möchten wir denn wirklich in einer Gesellschaft leben, in der Menschen Angst vor Diskriminierung und Aggression haben müssen, nur weil sie nicht in das eine oder andere Raster passen?
Der Kampf gegen Rassismus ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance. Die Chance, die Gesellschaft menschlicher zu machen. Wer das tut, leistet seinen persönlichen Beitrag dazu, was im Judentum „Tikkun Olam“ heißt: Verbesserung der Welt. Je mehr Menschen – welcher Herkunft und welcher Religion auch immer – diese Chance ergreifen, umso besser können wir der Herausforderung begegnen.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland