29.06.2017

"Wir verstehen uns als selbstbewusste Bürger dieses Landes"

Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich 100 Jahre Synagoge Augsburg, 28.6.2017, Augsburg

Dr. Josef Schuster.

Anrede,

Synagoge in Augsburg.

die Augsburger Synagoge zählt zu den schönsten in Deutschland, ja in Europa. Sie ist, wie es die Süddeutsche Zeitung anlässlich des Jubiläums schrieb, ein „Juwel jüdischer Kultur“.

Und in der Tat, wenn wir uns hier umschauen, stockt uns fast der Atem angesichts dieser Pracht. In Deutschland ist man Vergleichbares wohl nur von Kathedralen gewöhnt. Eine so reich ausgestattete Synagoge, die zudem noch auf 100 Jahre zurückblicken kann, fände sich selbst ohne die Zerstörung durch die Nazis selten, aber aufgrund unserer Geschichte ist sie nicht nur ein Juwel, sondern ein Solitär.

Es freut mich sehr, dass Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, diesen Solitär und die Menschen, die diese Synagoge mit Leben erfüllen, würdigen. Im Namen des Zentralrats der Juden danke ich Ihnen für die Teilnahme an diesem Festakt!

Und ich danke Kulturstaatsministerin Grütters sowie Ministerpräsident Seehofer, dass Bund und Land die nicht geringen Kosten der Restaurierung in den nächsten Jahren übernehmen werden. Ich denke, wir sind uns hier einer Meinung: Diese Synagoge zu erhalten, lohnt sich!

Ganz herzlich möchte ich im Namen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auch die fast 100 Nachfahren Augsburger Juden begrüßen, die heute auf Einladung des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg hier sind. Herzlich willkommen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte heute Ihre Aufmerksamkeit jedoch auf ein ganz kleines Element in diesem prächtigen Bauwerk lenken:

Die Augsburger Juden haben damals, vor 100 Jahren, eine Platte in den Boden des Eingangshofs eingelassen: Darauf ist ein Davidstern zu sehen, der eine Zirbelnuss umschließt. Wo Sie gehen und stehen in der Augsburger Altstadt, treffen Sie die Zirbelnuss an. Sie gehört seit Jahrhunderten zum Stadtwappen und wurde vermutlich als Symbol von den Römern hierhergebracht.

Was die Augsburger Juden mit der Kombination von Davidstern und Zirbelnuss zum Ausdruck bringen wollten, liegt auf der Hand: Wir sind Augsburger Bürger!

Das ist ein starkes Statement – damals wie heute! Es zeugt gleichermaßen von Selbstbewusstsein und von Patriotismus, zumindest Lokalpatriotismus. Es zeugt davon, dass sich die jüdische Gemeinde als Teil dieser Stadtgesellschaft wahrnahm. Mit allen Rechten und Pflichten.

Zu den Pflichten zählte damals auch der Militärdienst. Wir dürfen nicht vergessen: Als diese wunderschöne Synagoge gebaut und eingeweiht wurde, tobte ein fürchterlicher Krieg in Europa. Nur zwei Tage nach der Einweihung wurde aus diesem Krieg mit der Kriegserklärung der USA an das Deutsche Reich ein Weltkrieg.

Wir können uns ungefähr ausmalen, dass die Einweihung dieser Synagoge für die Menschen damals sicherlich ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes war. Gerade in schwierigen Zeiten hilft die feste Verankerung im Glauben. Mit der Synagoge hatte die jüdische Gemeinde einen Ort, ein neues Zuhause.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich hatte eben gesagt, der Davidstern mit der Zirbelnuss sei ein starkes Statement – damals und heute! Ja, auch heute, vielleicht sogar gerade heute habe ich nämlich verstärkt den Eindruck, dass Juden oft nicht als selbstverständlicher Bestandteil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Sondern dass wir als Fremde betrachtet werden. Immer wieder passiert es uns, dass wir gefragt werden, was in unserem Land los sei und gemeint ist Israel. Oder wir werden gefragt, ob wir Deutsch sprechen. Ebenso häufig wird unterschieden zwischen Deutschen und Juden.

Daher ist es mir wichtig, gerade heute festzuhalten: Was damals für die Augsburger Juden galt, gilt auch heute für die jüdische Gemeinschaft: Wir sind Bürger dieses Landes. Wir verstehen uns als festen Bestandteil dieser Gesellschaft. Mit allen Rechten und Pflichten. Sie müssen jetzt keine Sorge haben, dass der Zentralrat der Juden demnächst seinen Briefkopf mit einem Davidstern mit Deutschlandflagge verziert.

Doch: Sich selbstbewusst als Bürger dieses Landes zu verstehen, das bedeutet weder überheblich zu sein, noch andere abzuwerten. Aber es bedeutet, sich seiner Herkunft und Tradition sowie seiner Zugehörigkeit sowohl zum Judentum als auch zu Deutschland bewusst zu sein.

Das trifft auf die jüdische Gemeinschaft heute in Deutschland zu. Diese Haltung mussten wir uns nach den Verbrechen der Schoah erst erarbeiten. Sie hat viel mit Vertrauen zu tun. Doch über die Jahrzehnte hat es uns der größte Teil der Bevölkerung in Deutschland möglich gemacht, dieses Vertrauen aufzubauen.

Dass dieses Vertrauen nie mehr getäuscht wird, dass wir den Rückhalt haben, selbstbewusst unsere Jüdischkeit leben zu können, und dass wir nicht als Fremde, sondern Verbündete betrachtet werden, das wünsche ich mir für die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, für die jüdische Gemeinschaft und letztlich für dieses Land.