17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Hüter des Schatzes

In der Frankfurter Universitätsbibliothek steht die größte Judaica-Sammlung Deutschlands

Von Heinz-Peter Katlewski

„Die Judaica-Sammlung in der Frankfurter Universitätsbibliothek ist die größte Judaica- und Hebraica-Sammlung in Deutschland und zählt weltweit zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art.“ Mit dieser Feststellung präsentiert sich die Bibliothek im Internet. Der umfangreiche Bestand, so Dr. Rachel Heuberger, werde jährlich von hunderttausenden Menschen aufgesucht. Die Historikerin, Judaistin und Bibliothekarin leitet in der Universitätsbibliothek seit 1991 die Bereiche „Jüdische Studien“ und „Israel“.
Persönlich schauen heute jedoch nur wenige Besucher im Lesesaal unter dem Dach des nüchtern-funktionalen und ein wenig in die Jahre gekommenen Baus der „Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg“ vorbei. „Es sind vor allem Historiker, Theologen, Judaisten und Sprachwissenschaftler“, weiß Rachel Heuberger. Die weitaus meisten Gäste klicken sich in das umfangreiche Angebot im Internet ein. Dort können sie sehr viele der im Magazin lagernden historischen Bücher, Manuskripte, Handschriften und Periodika in digitalisierter Form anschauen und herunterladen. Das internationale Interesse ist groß. Rachel Heuberger: „Es erreichen uns nahezu genauso viele Anfragen aus dem Ausland wie aus Deutschland.“
Zu den Aufgaben der Bibliothek gehört es unter anderem, alle Publikationen zu erwerben, die weltweit zum Judentum in Geschichte und Gegenwart erschienen sind – entweder als Druckprodukt oder als elektronisches Buch. Außerdem sammelt sie die in Israel auf Hebräisch erschienene Literatur, einschließlich der Belletristik. Finanziell gefördert werden diese Ankäufe von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Allerdings dürfen die jüngeren Veröffentlichungen aus urheberrechtlichen Gründen nicht online zur Verfügung gestellt werden. Wer sie lesen will, muss sie entleihen.
Das Online-Angebot ist aber vor allem als historische Fundgrube interessant interessant. So werden im Fachportal „Compact Memory“ 172 jüdische Zeitungen und Zeitschriften des deutschsprachigen Raums bis einschließlich 1938 vollständig bereitgestellt. Die „Rothschild-Sammlung“ enthält 31 Bände mit insgesamt 20.000 Artikeln zur Geschichte der Familie und des Bankhauses Rothschild aus der nationalen und internationalen Presse zwischen 1896 und 1928. Das Online-Portal für jiddische Literatur enthält 800 jiddische Werke von Mitte des
16. Jahrhunderts bis Anfang des
20. Jahr­hunderts. Zurück in die Frühzeit des Buchdrucks reichen 66 kostbare hebräische Inkunabeln, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert von wohlhabenden jüdischen Bürgern gestiftet wurden. Auch der Kern des Frankfurter Bestandes, die sogenannte „Freimann-Sammlung“, steht weitgehend online zur Verfügung.
Die Anfänge dieser einzigartigen Spezialbibliothek reichen mehr als 300 Jahre zurück, als der Orientalist und Diplomat Hiob Ludolf (1624–1704) einen Teil seines Nachlasses der damaligen Frankfurter Stadtbibliothek vermachte. Es handelte sich vor allem um wissenschaftlichen Schriftverkehr, Manuskripte, hebräische Bücher, Grammatiken, Lexika und Bibelausgaben. Das ganze Material soll in einen Schrank gepasst haben, galt aber schon damals als selten und kostbar. 1822 kamen aus den von Napoleon säkularisierten Klöstern Kollektionen hebräischer Literatur hinzu, zum größten Teil Mischna- und Talmud-Ausgaben und Siddurim (Gebetbücher). Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Judaica-Bestand durch Schenkungen und Nachlässe von jüdischen Gelehrten und Rabbinern sowie durch Spenden jüdischer Mäzene zu einer qualitativ wie quantitativ bedeutenden Sammlung heran.
1898 trat mit Aron Freimann (1871–1948) eine prägende Persönlichkeit in die Dienste der Frankfurter Stadtbi­bliothek. Der promovierte Orientalist fing als „wissenschaftlicher Hülfsarbeiter“ an. Fünf Jahre später erhielt er eine ordentliche Stelle als Bibliothekar. Insgesamt 35 Jahre lang war er mit der Katalogisierung des umfangreichen Bestandes beauftragt. Dank enger Beziehungen zur jüdischen Gemeinde gelang es ihm, Schenkungen und Finanzmittel für Ankäufe zu beschaffen und den Bestand an Büchern und Schriften noch einmal deutlich auszuweiten, insbesondere zur Wissenschaft des Judentums.
Gut vorbereitet auf die Aufgabe war Freimann allemal: Bereits als Student der Orientalistik und Geschichte hatte er die Bibliothek des orthodoxen Rabbinerseminars in Berlin betreut und darüber hinaus die Privatbibliothek seines Lehrers, Abraham Berliner, katalogisiert. 1919 wurde ihm vom preußischen Kultusminister der Titel eines Professors verliehen. 1932 veröffentlichte er den ersten Band eines Kataloges der Judaica und Hebraica der Frankfurter Stadtbibliothek. Ein Jahr später wurde er als Jude von dem neuen Nazi-Oberbürgermeister seines Postens enthoben und zwangsweise in den Ruhestand versetzt. 1939 gelang ihm im letzten Moment die Auswanderung. Er ließ sich in New York nieder, wo ihm noch einmal große Anerkennung als Bibliograf und Gelehrter zuteilwurde.
Seine Sammlung überstand die Nazizeit in großen Teilen, weil die NSDAP sie dem von ihr errichteten „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ angegliedert und während der Kriegsjahre in fränkische Schutzräume ausgelagert hatte. Nach 1945 wurde die Judaica-Kollektion von der Stadt- und Universitätsbibliothek weitergeführt. Mit Rachel Heuberger leitet sie jemand, der sowohl die inhaltliche wie die sprachliche Kompetenz hat, dieses Material zu betreuen. Ihre Dissertation befasste sich übrigens mit der Leistung ihres berühmten Vorgängers: „Aron Freimann und die Wissenschaft des Judentums“.
www.sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica