17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Kontrolle ist gut, Kreativität ist besser

Israels Oberrabbinat reformiert Aufsicht über die Einhaltung der Kaschrut-Regeln

Wie gestaltet man einen Arbeitsgang im Gaststättengewerbe so, dass er einfacher, zuverlässiger und zugleich billiger wird, dabei aber das Endergebnis nicht gefährdet wird? Die Frage hört sich nach einem Prüfungsthema im Studienfach Betriebswirtschaftslehre an, war im vorliegenden Fall aber nicht zwischen den Wänden einer Wirtschaftsfakultät, sondern in der Chefetage des israelischen Oberrabbinats zu beantworten.
Der Fall: Im vergangenen Jahr hatte das Oberste Gericht darüber zu entscheiden, ob das Oberrabbinat seine Exklusivität bei der Ausstellung von Kaschrut-Zertifikaten behalten darf. Das bejahten die Richter letztendlich, doch wurde von der obersten jüdischen Religionsbehörde auch eine Neuaufstellung des Kontrollsystems für koschere Restaurants gefordert. Das aktuelle sei nämlich hochgradig ineffizient.
Die Kritik der Richter nahm das Oberrabbinat ernst: In diesem Monat bestätigte es die Empfehlungen einer vom aschkenasischen Oberrabbiner David Lau eingesetzten Expertenkommission zur Reform der Kaschrut-Aufsicht in israelischen Gaststätten.
Eine einschneidende Änderung besagt, dass Kaschrut-Inspektoren (Masch­gichim), die im Auftrag rabbinischer Behörden die koscheren Gaststätten kontrollieren, künftig nicht mehr von dem kontrollierten Betrieb, sondern vom jeweils zuständigen Stadtrabbinat bezahlt werden, das wiederum die Gebühren für die Ausstellung des Kaschrut-Zertifikats (Hechscher) von dem betreffenden Restaurant erhebt. Damit sollen Interessenkonflikte vermieden werden.
Eine weitere Neuerung: Das Oberrabbinat will dafür sorgen, dass landesweit dieselben Zertifizierungsregeln gelten. Das ist vor allem für überregional tätige Bewirtungsunternehmen wichtig, deren Filialen sich heute schon mal unterschiedlichen Anforderungen einzelner Stadtrabbinate an die Kaschrut-Praxis gegenübersehen.
Ein weiterer Punkt: Die von vielen Gaststätten beklagte Kostenlast für die Erlangung eines Hechschers soll durch kreative Maßnahmen gesenkt werden. So wird das Rabbinat künftig auf die heute übliche regelmäßige Entsendung von Maschgichim – solche Kontrollen sind ein wichtiger Kostenfaktor – verzichten, wenn sich ein koscheres Restaurant für eine von zwei Alternativen zum bisherigen Modell entscheidet.
Eine davon ist die Anbringung von Kameras in der Küche. Damit können Vertreter des Rabbinats von fern prüfen, ob die Kaschrut-Vorschriften eingehalten werden. Die zweite Möglichkeit ist die Ernennung eines Restaurantmitarbeiters zum „Kaschrut-Vertrauensmann“. Diese Ernennung muss vom jeweiligen Stadtrabbinat bestätigt werden, damit nur ein fachlich geeigneter und zuverlässiger Kandidat diese Funktion übernimmt. Dem Vertrauensmann obliegt die Kontrolle des Kochens wie der vorbereitenden Arbeiten. Wer sich für die Kamera-Kontrolle oder für den Vertrauensmann entscheidet, kann zwar noch immer von einem Maschgiach aufgesucht werden, doch würde es sich in diesem Fall um Stichprobenkontrollen handeln.
Vor allem gegen die Kaschrut-Kontrolle per Kamera hat sich schon Kritik geregt. Die Idee, so der Vorsitzende der israelischen Gaststättenvereinigung Shai Berman, erinnere an den „Großen Bruder“ aus George Orwells Roman „1984“. Welcher Geschäftsmann, fragte Berman, werde sich denn ständig beobachten lassen?
Inwieweit dieser Einwand zutrifft, wird sich in der Praxis zeigen. Wer weder eine Kamera noch einen Vertrauensmann will, kann einfach bei der bisherigen Praxis laufender Kontrollen durch Maschgichim bleiben.

wst