17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Geschichte bewahren

Ein Datenbankprojekt will die Namen aller unterfränkischen Juden aus dem 19. und 20. Jahrhundert erfassen

Von Barbara Markus

Oded Zingher ist ein vielbeschäftigter Mann. Daran ist er selber schuld. Der 72-jährige Israeli, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, hat nämlich ein ehrgeiziges Projekt in die Wege geleitet, an dem er auch engagiert mitwirkt: die Schaffung einer Datenbank mit Informationen über alle Juden, die im 19. und 20. Jahrhundert in Unterfranken gelebt haben. Dabei werden die verfügbaren Daten aus Archiven und von Grabsteinen erfasst. In relevanten Fällen kommen Informationen zur Verfolgung durch das NS-Regime dazu, doch betont Zingher: „Ich will zeigen, dass sich die Geschichte der Juden in Deutschland nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt, sondern dass Juden hier über Jahrhunderte gelebt haben.“ Gut vier Jahre nach dem Start des Mammutvorhabens sind bereits Datensätze für mehr als 30.000 Namen erfasst.
Der Ursprung des Projekts reicht aber viel weiter in die Vergangenheit zurück. Vor gut 30 Jahren wurde Zingher vom Archivar von Hörstein im Landkreis Aschaffenburg gefragt, ob er die verwitterten Inschriften auf den etwa 400 Grabsteinen des jüdischen Friedhofs der unterfränkischen Gemeinde entziffern könne, da er als Israeli He­bräisch beherrsche.
Zingher war damals als EDV-Experte tätig. Lachend erinnert er sich heute an seine Antwort: „Geben Sie mir vier Monate Zeit“, sagte er zu dem Archivar. Am Ende aber benötigte er ganze acht Jahre, um die Inschriften aller Grabsteine zu erfassen und zu übersetzen. Damals schon speicherte er die Ergebnisse seiner Arbeit in einer Datenbank. Später erkundete er auch andere Friedhöfe in und um Aschaffenburg. 2008 kam er mit Rotraud Ries in Kontakt. Sie leitet das „Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken“. Dadurch reifte der Plan, die Datenbank mithilfe aller zugänglichen Quellen auf ganz Unterfranken auszudehnen.
Rund 25 Ehrenamtliche konnten inzwischen für dieses Engagement gewonnen werden. Sie durchkämmen Archive, erheben Daten wie Melde­karten oder Standesamtseintragungen und fertigen digitale Abbildungen dieser Quellen. Anschließend werden die Angaben über Geburt, Eheschließung, Wohnort, Eltern, Beruf, Sterbedatum in die Datenbank eingespeist und die dazugehörigen Quellen abrufbar gemacht. Die Eingabemasken dazu entwickelt Oded Zingher. „Es gibt immer noch etwas zu verbessern“, sagt der Informatiker, „denn einerseits soll die Dateneingabe so einfach wie möglich sein, andererseits aber auch den komplexen Anforderungen der Suchabfragen gerecht werden – also nach Personen, Personengruppen oder ganzen Stammbäumen und vielem anderem mehr.“
Viele Nachfahren unterfränkischer Juden aus der ganzen Welt greifen bereits auf dieses Angebot zurück, insbesondere um die abgebildeten Originalquellen zu betrachten. Vor einem halben Jahr nutzte ein Ehepaar aus Tel Aviv seine Deutschlandreise, um direkt im Staats- und Stiftsarchiv Aschaffenburg anzuklopfen. Wie es der Zufall wollte, war es an einem Dienstagnachmittag. Immer dann treffen sich dort die Ehrenamtlichen zum Informations- und Erfahrungsaustauch über die Datenbank. Felix Oestreicher – mit diesem Namen eines Onkels war der israelische Besucher ins Archiv gekommen. Als er es wieder verließ, konnte er einen weitverzweigten Stammbaum mitnehmen, der sich über 200 Jahre erstreckt. Alle Informationen waren in der Datenbank vorhanden: Von Felix führten Eintragungen auf einer Meldekarte zu dessen Vater Hayum, der insgesamt elf Kinder gehabt hatte. Deren Großvater war der 1808 geborene Gerson Oestreicher.
Felix Oestreicher, Metzger von Beruf, wurde im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet, ebenso wie sein Bruder Markus, der als Metzger bis zuletzt sein Geschäft in Aschaffenburg geführt hatte. Vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Steingasse 9 sind für ihn und seine Frau Amalie sogenannte Stolpersteine verlegt. Name, Geburtsjahr, Sterbejahr und Ort – mehr Informationen über ein Menschenleben haben darauf keinen Platz.
Die „Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken“ hat Oded Zingher deswegen mit dem Stolperstein-Projekt verknüpft. „Die Menschen hinter den Steinen“ heißt es. Dafür hat er das Dalberg-Gymnasium Aschaffenburg und dessen Partnerschule in Israel, die „Rabin High School“ in Kfar-Saba, gewonnen. Die Biografien werden mithilfe der Datenbank von Aschaffenburger Schülern erarbeitet, die auch nach weiteren Quellen im Stadt- und Stiftsarchiv forschen. Für die Übersetzung ins Hebräische haben die Schüler in Israel deutschsprachige Senioren ausfindig gemacht. Die jungen Israelis leisten auch Archivarbeit, etwa in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Die dort hinterlegten Dokumente werden mit der „Biographischen Datenbank jüdisches Unterfranken“ verknüpft.
So sind jetzt schon für rund 50 der 100 in Aschaffenburg verlegten Stolpersteine die Lebensbeschreibungen der Opfer – auch über Smartphones – abrufbar: auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Die nötige Applikation hat Oded Zingher programmiert und mit den Geoinformationsdaten zur Lage der Stolpersteine verknüpft.
In die Biographische Datenbank werden unterdessen nahezu täglich neue Daten eingespeist. Nicht nur in Aschaffenburg sind dafür Ehrenamtliche tätig. Allein aus dem biografischen Handbuch, das Rainer Strätz über Würzburger Juden in der Zeit von 1900 bis 1945 verfasst hat, wurden 13.000 Namen in die Datenbank eingegeben und dabei neue Erkenntnisse eingearbeitet, die nach der Drucklegung vor fast drei Jahrzehnten gewonnen werden konnten. In Hösbach, Großostheim, Schöllkrippen, Alzenau, Kleinwallstadt, Miltenberg oder Adelsberg bei Gemünden sind ebenfalls Arbeitsgruppen aktiv. Doch sind damit noch nicht einmal zehn Prozent der über 100 Synagogengemeinden erfasst, die es bis 1933 in Unterfranken gab, so viele wie in keinem anderen Regierungsbezirk in Bayern.
Ende 2015 haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter den Verein „Jüdisches Leben in Unterfranken – Biographische Datenbank e.V.“ gegründet: https://juedisches-unterfranken.de.