17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Nachwuchs? Das sind wir!

Seminar des Zentralrats der Juden in Deutschland beschäftigte sich mit jüdischer Nachwuchsförderung

Von Carsten Dippel

Dass Nachwuchsförderung kein Luxus, sondern schlicht Existenzsicherung ist, ist heute allgemein anerkannt. Das gilt ganz sicher auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, die sich mit diesem Thema gezielt und intensiv befasst. Freilich ist die Erkenntnis nur der erste Schritt, dem konkrete Maßnahmen folgen müssen. Wie die konkrete Nachwuchsförderung für die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik zu gestalten sei, stand denn auch im Mittelpunkt des in diesem Monat in Berlin unter dem Titel „Die Gemeinde sind wir. Jüdische Nachwuchsförderung heute“ veranstalteten Seminars der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland.
An dem Seminar nahmen rund 30 Ver­treter jüdischer Gemeinden, Landesverbände und Organisationen teil. Zwei Tage lang wurde leidenschaftlich diskutiert, wurden Projekte der Kinder- und Jugendarbeit vorgestellt, Initiativen präsentiert, Sorgen und Nöte angesprochen, Ideen ausgetauscht.
Oft sind es kleinere Gemeinden, die nicht genügend Kapazitäten für eine umfassende Nachwuchsarbeit besitzen. Dabei geht es nicht nur etwa um niedrige Mitgliederzahlen, sondern auch um den physischen „Unterbau“, etwa um fehlende Räume, wie beispielsweise Vertreter der Liberalen Freiburger Gemeinde klagten.
In großen Städten wie Berlin oder Frankfurt am Main mit einer gut ausgebauten jüdischen Infrastruktur sind die Möglichkeiten weitaus besser. Gleichzeitig findet dort jüdisches Leben auch außerhalb der Gemeinden einen breiten Raum. Mit Blick auf die begrenzten Möglichkeiten kleiner Gemeinden riet Sabena Donath, die als Leiterin der Bildungsabteilung die Tage moderierte, realistisch zu bleiben. Man müsse schauen, was möglich sei. Mitunter könne eine kleine Gemeinde eben kein vollständiges Programm bieten.
Das bedeutet aber nicht, dass kleinere Gemeinden aufgeben sollten. Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen – mit rund 350 Mitgliedern sicherlich keine Großgemeinde –, kann auf eine breit gefächerte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen blicken. Darin, erklärte sie, stecke viel Herzblut und Engagement. Sie forderte jedoch, mehr in die Ausbildung qualifizierter Jugendleiter zu investieren.
Zudem, so Neuwald-Tasbach, sei es heute sehr schwer, junge Menschen für ein längerfristiges Ehrenamt zu begeistern. Das sahen nicht alle Teilnehmer so. Oftmals, so warf etwa Mike Delberg von Makkabi Deutschland ein, würden junge Juden, die sich stärker in den Gremien engagieren wollten, ausgebremst. Damit klang vielleicht auch ein Generationenproblem an. Viele Gemeinden klagen nämlich, dass sich zu wenige junge Juden in den Gemeinden engagieren. Umgekehrt ist von der jüngeren Generation immer wieder zu hören, dass auf ihre Bedürfnisse nicht genügend eingegangen wird.
Deutlich wurde bei dem Seminar auch, dass sich die Gemeinden in den letzten Jahren dramatisch verändert haben. Veränderungsprozesse, die die Hamburger Soziologin Karen Körber auch bei anderen Religionsgemeinschaften findet: Traditionelle Bindungen schwinden, es gibt immer mehr und neue Formen der Begegnung. Für die jüdische Gemeinschaft heiße dies, dass es zunehmend auch säkulare und völlig von den Gemeinden losgelöste Angebote für Juden gebe. Karen Körber zitierte eine Studie, nach der sich mehr als ein Drittel junger Juden gar nicht mehr an eine Gemeinde gebunden fühle. Gleichzeitig verstünden sich viele als liberal und säkular.
Unter diesen Umständen sind gut durchdachte Lösungen gefragt. „Wir müssen“, erklärte Dalia Grinfeld, Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, „in der Nachwuchsförderung effektiver werden.“ Wie das konkret aussehen könne, machte sie an einem Beispiel aus Zürich deutlich. Dort gebe es das sogenannte Study Café, einen Ort zum Lesen, Nachdenken, Gedankenaustausch. Ideal für Studenten, die im hektischen Uni-Alltag Ruhe für ihr Studium suchten. Das Study Café befinde sich in den Räumen der jüdischen Gemeinde. Damit würden die jüdischen Studierenden auch an die Gemeinde gebunden. Man müsse junge Leute dort abholen, wo ihr Lebensmittelpunkt sei, so Grinfeld. Das Zürcher Study Café sei in der Tat ein gutes Beispiel für ein niedrigschwelliges Angebot, bestätigte Sabena Donath. „Wir müssen sehen, dass Win-Win-Situationen geschaffen werden.“
Diese zu schaffen, ist das Anliegen vieler jüdischer Einrichtungen in Deutschland. Damit sollen junge Juden nicht nur ihre persönliche Identität ausleben, sondern auch zum Einstieg in öffentliches Engagement motiviert werden. Jüdische Studenten finden etwa Unterstützung über die gemeinnützige Organisation für jüdische Wohn- und Begegnungszentren Moishe House. Man begegnet sich bei Limmud, einem Programm des Lernens und Lehrens. Ein immer wieder gern angeführtes Beispiel ist auch die äußerst erfolgreiche und beliebte Jewrovision. Zwar wurde auch kritisch gefragt, inwieweit diese über den Eventcharakter hinaus wirklich nachhaltig jüdische Identität fördere. Im Konzert der vielfältigen Möglichkeiten, so Prof. Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, könnten solche Plattformen jedoch sehr wohl identitätsstiftend wirken. „Wir sollten“, so Prof. Kiesel, „uns nicht ausschließlich auf die traditionelle Form der Gemeinde fixieren.“
Am Ende des Seminars gab es ein durchweg positives Feedback. Gemeindevertreter hoben hervor, es sei wichtig, von all den Programmen und Initiativen, die es gebe, zu erfahren. Und so war das die vielleicht wichtigste Mitnahme: das Kennenlernen und die Vernetzung. Wissen, was es gibt, Bedürfnisse wahrnehmen, einander zuhören. Den Wandel zu sehen und als Herausforderung anzunehmen. Und vielleicht auch ein Stück mehr Gelassenheit in der Begegnung zwischen junger und älterer Generation zu finden.