17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Moralische Grundsubstanz

Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltete eine Tagung zum jüdischen Leben in Deutschland

Von Heinz-Peter Katlewski

„Jüdisches Leben in Deutschland – Kultur, Gesellschaft, Politik“: Unter diesem Motto hatten der Deutsche Kulturrat und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin am 10. Mai zu einer Tagung eingeladen. Als Partnerorganisation bei dieser Begegnung agierte der Zentralrat der Juden in Deutschland. Bei der Tagung waren auch die jüdische Studierendenförderung ELES, die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JUSD), die Akademie des Jüdischen Museums Berlin und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit vertreten. Der Deutsche Kulturrat ist die Spitzenorganisation der bundesweiten Kulturverbände in Bereichen wie Musik, Tanz, bildende Kunst, Literatur, Film und Architektur.
In den Begrüßungsworten, die er an die Teilnehmer richtete, betonte Zen­tralratspräsident Dr. Josef Schuster die heutige Vielfalt jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Vor 70 Jahren, als in Deutschland wieder jüdische Gemeinden neugegründet worden seien, sei diese Vielfalt nicht vorstellbar gewesen. Durch die Zuwanderung aus der damaligen beziehungsweise ehemaligen Sow­jetunion ab 1990 habe das Judentum in Deutschland dann Zuwachs und Aufschwung erfahren.
Im Lauf der Veranstaltung hob
Dr. Schuster hervor, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sich aktiv am politischen Prozess beteilige. Juden brächten sich im gesamten politischen Spektrum ein und seien Mitglieder der demokratischen Parteien. Dabei beschäftige sich die jüdische Gemeinschaft keineswegs ausschließlich mit jüdischen Themen. Vielmehr greife jüdisches politisches Denken weiter. Es werde von der Verantwortung für die Mitmenschen bestimmt. „Diese Verantwortung füreinander ist die moralische Grundsubstanz des Judentums“, betonte der Zentralratspräsident. Gleichwohl gebe es auch Themen, von denen Juden in besonderem Maße beeinflusst oder sogar bedroht würden. Das Erfordernis, als Religionsgemeinschaft eine politische Stimme zu haben, sei daher offensichtlich. Als Bedrohung nannte Dr. Schuster Antisemitismus und rechtspopulistische Parteien. Gerade die fremdenfeindliche Hetze und Demagogie betreibende AfD sei keine Alternative für Deutschland.
Auch der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann, griff das Thema AfD auf. Diese Partei, so Botmann, habe vor allem dazu beigetragen, die Schwelle des Sagbaren gegenüber Andersdenkenden, Flüchtlingen und Neuzuwandern zu verschieben. Der Zentralrat habe sich klar und deutlich von der AfD distanziert, auch wenn die Partei sich bei der jüdischen Gemeinschaft anzubiedern suche.
Botmann wies darauf hin, dass in Deutschland Religionsfrieden bestehe. „Darauf sollten wir stolz sein“, erklärte er. Das Engagement für Flüchtlinge komme aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, auch von Juden. Zugleich aber, so der Geschäftsführer des Zentralrats, habe die Flüchtlingswelle den Zuzug von Menschen aus Ländern ohne demokratische Kultur und mit antisemitischer Indoktrination mit sich gebracht. Botmann bemängelte deshalb, dass die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus im Curriculum der Integrationskurse nur fakultativ vorgesehen sei.
Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel ging in seiner Stellungnahme ausführlich auf den Beitrag der Religionsgemeinschaften zum Zusammenhalt der Gesellschaft ein. In der SPD, so Schäfer-Gümbel, wolle wohl die Mehrheit der Mitglieder, dass die Religionsgemeinschaften weiterhin ihren Beitrag leisteten. Allerdings sei in der Gesellschaft als Ganzes eine wachsende Religionsfeindschaft zu beobachten. Diese führe zu einer Neigung, die Religionen von öffentlich-gesellschaftlichen Aufgaben fernzuhalten.
Oliver Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, begrüßte, dass es in jüngster Zeit zu einer engeren Zusammenarbeit mit dem Zentralrat gekommen sei. Er drückte seine Hoffnung aus, dass dieses Gespräch fortgesetzt werde.