17. Jahrgang Nr. 5 / 26. Mai 2017 | 1. Siwan 5777

Historische Wende

Im Juni jährt sich zum 50. Mal der Sechstagekrieg, in dem Israel seine Existenz erfolgreich verteidigen konnte

Am 5. Juni jährt sich zum 50. Mal der Ausbruch des Sechstagekrieges. Dieses Datum wird dieser Tage auch in der internationalen Öffentlichkeit erwähnt. Allerdings wird dabei oft nicht so sehr über die damaligen Ereignisse als über den heutigen palästinensisch-israelischen Konflikt gesprochen – und zwar oft aus einseitigem Blickwinkel. Nun ist solche überkritische Beschäftigung mit Israel nicht neu, doch führt sie dazu, dass nachhaltige historische und geopolitische Aspekte des damaligen Krieges weitgehend übersehen werden.
Der wohl wichtigste Aspekt war, dass Israel nicht nur einen Waffengang gewonnen hatte, sondern dass es auch einen gegen seine physische Existenz gerichteten Vernichtungskrieg abwehren konnte. Kein anderer als der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser hatte kurz vor dem Kriegsausbruch erklärt, Ägyptens Ziel sei die Auslöschung Israels. Ähnlich äußerte sich der damalige syrische Verteidigungsminister und spätere Präsident Hafes al-Assad. Dieses Ansinnen konnte Israel überzeugend vereiteln. In einem gewissen Sinne stellte der Sechstagekrieg Israels zweiten Unabhängigkeitskrieg dar.
In der jüdischen Welt löste Israels Sieg eine gewaltige Umwälzung aus. Die Erleichterung war enorm. Der Erfolg, den die israelische Armee scheinbar so mühelos errungen hatte, war ja keine Selbstverständlichkeit. Das wochenlange Warten, das dem Präventivschlag vorangegangen war, hatte nicht nur den Israelis, sondern auch Juden in anderen Ländern Spannung und Angst beschert. Nach den sechs Tagen, in denen israelische Einheiten den ägyptisch-syrisch-jordanischen Belagerungsring gesprengt hatten, war die jüdische Welt außer sich vor Freude.
Aber nicht nur Freude, sondern auch Stolz verspürte sie. Gewiss, dass Juden herausragende Kämpfer waren, hatte sich bereits früher gezeigt, nicht zuletzt auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Das hier aber war ein militärischer Erfolg, den der junge jüdische Staat von A bis Z allein bewerkstelligt hatte, von der klaren Benennung der ihm drohenden Gefahr, über die hervorragende Ausbildung seiner Soldaten und die brillante Planung, bis hin zu einem grandiosen Sieg. Das wirkte sich grenzübergreifend auf das kollektive jüdische Bewusstsein aus, und zwar nachhaltig.
Aber auch auf der großen Weltbühne hatte der Sechstagekrieg weitreichende Folgen. In den in eine „brüderliche Gemeinschaft“ mit der Sowjetunion eingepferchten Ostblockstaaten nahmen die Bürger wahr, dass das kleine Israel einen Sieg über die von Moskau politisch wie militärisch unterstützten arabischen Staaten errungen hatte. Vielleicht sei also auch die UdSSR nicht ganz unbesiegbar – dieser damals sehr kühne Gedanke nistete sich, bei aller Vorsicht, in vielen Köpfen im Ostblock ein. Seinerseits wurde Israel zu einem stabilisierenden Faktor in Nahost. Bereits 1970 rettete es den Ex-Kriegsgegner Jordanien vor einer Vereinnahmung durch Syrien – und das war erst der Anfang. Israels Beitrag zur Sicherheit des Westens durch nachrichtendienstliche und militärische Zusammenarbeit ebenso wie durch bahnbrechende Verteidigungstechnologie ist weit größer, als öffentlich hinausposaunt wird, und auch das wäre, historisch betrachtet, ohne den Sechstagekrieg nicht denkbar.
Eine Hoffnung, die 1967 gehegt wurde, hat sich nicht erfüllt: Der Sechstagekrieg wurde nicht zu einem „Krieg, der alle Kriege beendet“. Bis heute sieht sich der jüdische Staat in der Brandregion Nahost einer unheiligen Koalition von Feinden gegenüber, die ihn auslöschen wollen. Diese Gefahr nimmt Israel nicht auf die leichte Schulter, kann ihr aber aus einer viel besseren Position heraus begegnen, als man es sich vor fünfzig Jahren hätte träumen lassen.

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