30.04.2017

"Wer die Erinnerung auslöscht, macht sich zum Komplizen"

Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Gedenkfeier des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern anlässlich des Jahrestags der Befreiung des KZ Dachau, Dachau, 30.4.2016

Dr. Schuster bei seiner Rede in der Gedenkstätte Dachau.

Anrede,

„Ich habe versucht, jene zu bekämpfen, die vergessen wollen. Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, sind wir Komplizen.“

Dies sagte der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel sel. A. in seiner Rede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1986.

Im vergangenen Jahr ist Elie Wiesel ebenso von uns gegangen wie Max Mannheimer sel. A. Der Satz hätte auch von ihm stammen können. Beide haben sich unermessliche Verdienste erworben mit ihrem Einsatz für die Erinnerung. Wenn heutzutage auch nachfolgende Generationen Wissen über die Schoah haben und die Erinnerung an die Opfer in ihren Herzen tragen, dann hat dies auch mit Elie Wiesel und Max Mannheimer zu tun.

Und es hat sehr viel mit Ihnen zu tun, meine verehrten Überlebenden. Ich freue mich sehr, dass Sie sich auch in diesem Jahr wieder der Strapaze unterzogen haben, nach Dachau zu reisen, um an unserer Gedenkfeier teilzunehmen. Ich bin über jeden einzelnen von Ihnen glücklich, dass er unter uns ist.

In diesem Jahr möchte ich Sie besonders ehren: Denn in diesem Jahr begehen wir den 50. Jahrestag der Errichtung der Gedenkstätte Dachau und auch des jüdischen Mahnmals in Dachau. Es ist der Initiative der ehemaligen Häftlinge zu verdanken, dass diese Gedenkstätten entstanden sind!

Denn das war damals keineswegs selbstverständlich. Stadt und Land hätten die Spuren der Nazi-Verbrechen am liebsten verwischt. Das Gelände sollte platt gemacht werden. Das haben Sie verhindert! Wir haben damit bis heute die authentischen Stätten des Schreckens erhalten.

Wo sollten junge Menschen einen besseren Eindruck bekommen als an diesen Orten, um sich ein Stück weit einfühlen zu können in das, was damals passiert ist. Ich höre von Lehrern ganz überwiegend positive Erfahrungen mit ihren Schülern, wenn sie eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Viele Jugendliche kommen erst nach einem solchen Besuch wirklich ins Nachdenken und werden auch emotional vom historischen Geschehen angesprochen. Das gilt übrigens auch für Schüler aus Migrantenfamilien, deren Vorfahren gar nichts mit der Schoah zu tun hatten.

Themen wie Diskriminierung oder Flucht sind ihnen aus der eigenen Familiengeschichte aber häufig vertraut. Und wohin die gesellschaftliche Ächtung einer Gruppe im Extremfall führen kann, das können sie am authentischen Ort am besten nachvollziehen. Und das berührt dann einen jungen Menschen, der selbst einer Minderheit angehört, vielleicht sogar manchmal stärker als deutsche Kinder.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit Erschrecken müssen wir feststellen, dass der politische Wunsch gerade wieder in Mode kommt, die NS-Geschichte in den Hintergrund zu rücken. Eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ hat Björn Höcke von der AfD gefordert. Die AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag stellte einen Antrag, um Zuschüsse zu Schülerfahrten zu KZ-Gedenkstätten zu streichen. Die Rechtspopulisten in unserem Land wollen lieber an glanzvolle Momente der deutschen Geschichte erinnern als an ihr dunkelstes Kapitel.

Ich darf an dieser Stelle Bundestagspräsident Norbert Lammert zitieren: „Bequem ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nie, aber sie ist eine demokratische Tugend.“ Demokratische Tugenden werden von den Rechtspopulisten regelrecht bekämpft. Ihre permanenten Tiraden gegen Ausländer, gegen Asylbewerber, gegen Muslime, gegen Homosexuelle – damit schüren sie Ressentiments, die leider immer noch in unserer Gesellschaft schlummerten und nun wieder wachgerüttelt werden. Sie nehmen damit wissentlich in Kauf, dass es mit verbalem Zündeln anfängt und mit brennenden Asylbewerberheimen aufhören kann.

Und in der jüdischen Gemeinschaft sind wir uns völlig im Klaren: Früher oder später sind auch wir Juden an der Reihe. Die Rechtspopulisten versuchen zwar mitunter, bei uns auf Stimmenfang zu gehen und geben sich Israel-freundlich. Doch davon lassen wir uns nicht blenden. Erst jüngst berichtete die FAZ von einem weiteren Antrag der baden-württembergischen AfD-Fraktion, nämlich, Israel-Stipendien im Haushaltsplan des Landes zu streichen.

Dies alles könnte uns relativ kalt lassen, wenn es sich um ein kleines Häuflein Unverbesserlicher handeln würde, das keinerlei politischen Einfluss hat. Doch leider ist die AfD in immer mehr Landtagen und – so müssen wir befürchten – auch im nächsten Bundestag vertreten. Die Rede von Björn Höcke hat uns gezeigt, dass der AfD quasi jedes Thema und jedes Mittel recht ist, um Aufmerksamkeit und Wähler zu gewinnen.

In diesem Super-Wahljahr wird die AfD versuchen, die Stimmung noch mehr anzuheizen und die gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen. Die Masche der gezielten Provokationen wird hoffentlich im Wahlkampf nicht aufgehen. Wir schlagen die AfD nicht mit ihren eigenen Waffen, sondern mit Mut und Aufrichtigkeit.

Wie hat es einst der von uns verehrte Max Mannheimer sel. A. formuliert? „Wenn diese Spirale des Hasses immer weiter geht, dann gibt es überhaupt kein Ende. Hass ist das Schlimmste, was im Menschen steckt.“ Nur mit dieser Grundhaltung war das Weiterleben, war die Versöhnung für viele Juden nach dem Krieg überhaupt möglich. Der Tonfall der Versöhnung geht derzeit leider häufig im Getöse der Spalter unter.

Sorgen, meine Damen und Herren, macht uns auch die steigende Zahl von Rechtsextremisten und antisemitischen Übergriffen. Die rechtsextreme Szene in Deutschland wird diffuser und befindet sich im Aufwind. Zu diesem Ergebnis kommen Verfassungsschützer und andere professionelle Beobachter übereinstimmend. Immer mehr Bürger radikalisieren sich, so dass es zunehmend Täter gibt, die vorher nie aufgefallen waren und die sich keiner Gruppierung zuordnen lassen. Die Zahl der Rechtsextremisten wird auf ungefähr 23.000 Personen geschätzt. In diese Zahl eingerechnet sind aber zum Beispiel nicht die so genannten Reichsbürger. Erst vor kurzem haben wir die Nachrichten von Razzien gegen Reichsbürger gehört. Sie planten Anschläge gegen Polizisten, Asylbewerber und Juden.

Es ist mir darum sehr ernst mit diesem Thema. Wir dürfen die Entwicklungen am rechten Rand nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gerade weil die NPD nicht verboten wurde, sind jetzt der Staat und die Zivilgesellschaft gefordert, Antisemitismus und Rechtsextremismus zu bekämpfen. Initiativen gegen Rechts brauchen unsere ideelle und finanzielle Unterstützung.

Daneben müssen Rechtsextremisten mit allen Mitteln des Rechtsstaats bekämpft werden. Hier sind Polizei und Justiz gefordert. Wenn etwa Jugendliche Hakenkreuze in Toilettentüren eines jüdischen Gemeindezentrums ritzen, dann darf dies nicht als „dummer Jungenstreich“ abgetan werden. Greift die Justiz schon bei ersten Ansätzen zu rechtsextremistischen Straftaten nicht hart durch, wird dies in der Szene als Freibrief verstanden.

Gerade erst Anfang dieser Woche wurde der neue Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus vorgestellt. Darin wurde deutlich, dass Juden in Deutschland häufig Antisemitismus wahrnehmen oder sich bedroht fühlen. Übrigens weit häufiger als dies von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird.

Der Zentralrat der Juden unterstützt die Forderung des Expertenkreises, die Stelle eine Antisemitismusbeauftragten zu schaffen. Dadurch wäre zum einen ein Ansprechpartner für alle da, die von Antisemitismus betroffen sind oder sich thematisch damit beschäftigen. Und ein Antisemitismus-Beauftragter könnte das Thema auf der Agenda halten, unabhängig davon, ob es gerade einen Vorfall gab. So wie jüngst bei einer Schule in Berlin, wo ein jüdischer Schüler so häufig von seinen Mitschülern drangsaliert wurde, weil er Jude war, dass die Eltern ihn schließlich von der Schule nahmen.

Ein Antisemitismus-Beauftragter könnte sich auch darum kümmern, dass die Empfehlungen des Expertenkreises nicht einfach in der Schublade verschwinden, sondern umgesetzt werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in den vergangenen zwei Jahren hat uns vor allem die Flüchtlingskrise bewegt. Es ist um dieses Thema ruhiger geworden. Wobei wir nicht übersehen wollen, dass weiterhin Millionen von Menschen auf der Flucht sind und unsere Hilfe benötigen.

In Deutschland geht es jetzt darum, die Menschen, die zu uns gekommen sind, in unsere Gesellschaft und unser Wertesystem zu integrieren. Es sind sozusagen die Mühen der Ebene, die jetzt an der Reihe sind. Aus Erfahrung aus unseren jüdischen Gemeinden mit den Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion kann ich sagen: Die vollständige Integration dauert ein bis zwei Generationen. Es ist also ein langer Weg.

Unser Interesse an einer erfolgreichen Integration ist hoch. Denn der Unabhängige Expertenkreis hat eine Sorge der jüdischen Gemeinschaft leider bestätigt: Viele der Geflüchteten haben ein vergleichsweise hohes Maß an antisemitischen Einstellungen und große Wissenslücken über die Schoah. Auch hier können die Gedenkstätten einen wertvollen Beitrag leisten. Ich plädiere dafür, dass auch die Teilnehmer von Integrationskursen Gedenkstätten wie Dachau besuchen.

Liebe Überlebende, meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Konzentrationslager Dachau wurden 41.500 Menschen ermordet. Sie hätten es verdient, dass wir all ihre Namen vorläsen. Dann stünden wir morgen Abend noch hier.

Es ist sehr schön, dass die evangelische Versöhnungskirche hier in Dachau – die auch vor 50 Jahren eingeweiht wurde – das Projekt „Namen statt Nummern“ gestartet hat. Mittlerweile umfasst das Gedächtnisbuch 150 Häftlingsbiographien.

Die Opfer der Schoah sind in unseren Herzen und nie vergessen.

Hier im jüdischen Mahnmal führt die Rampe in die schwarze Tiefe. Doch am tiefsten Punkt des Mahnmals brennt das Ner Tamid. Sie, liebe Überlebende, geben mit ihrem Zeugnis dieses Licht an die nachfolgenden Generationen weiter.

Möge es immer leuchten – und all jene überstrahlen, die die Erinnerung auslöschen möchten. Sie machen sich schuldig, sie werden zu Komplizen.

Dagegen werden wir kämpfen – so wie Sie, verehrte Überlebende, für Ihre Würde gekämpft haben. Und diesen Kampf haben Sie gewonnen!

Ich danke Ihnen!