17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Mystik auf der Leinwand

Das Buch „Film als Midrasch“ befasst sich mit kabbalistischen Motiven in Kinowerken

Von Heike Hausensteiner

Jüdische Mystik ist komplex und kann verwirrend sein. So verwirrend, dass die Kabbala, der Hauptkorpus mystischer Lehren im Judentum, einer rabbinischen Auffassung zufolge nur von denjenigen studiert werden darf, die das 40. Lebensjahr erreicht haben und über umfassendes jüdisches Wissen verfügen. Sonst, so das Argument, könnten sie auf Abwege kommen.
Auf der anderen Seite ist jüdische Mystik so faszinierend, dass sich nicht nur religiöse Juden – und nicht nur Juden – für sie interessieren. Kabbalistische Motive finden sich auch in Kinowerken. Diesem Thema hat Klaus Davidowicz, Studienprogrammleiter am Institut für Judaistik der Universität Wien, jetzt eine erste Studie in Buchform unter dem Titel „Film als Midrasch“ gewidmet. Den Begriff Mi­drasch definiert er dabei nicht im traditionellen Sinne als rabbinischen Kommentar, sondern als filmische Aussage zu jüdischen Lebenswelten, zu kabbalistischer Literatur oder zum Tanach. An dieser Idee, so der Autor bei der Buchvorstellung im Jüdischen Museum Wien, habe er schon seit Längerem „herumlaboriert“.
Davidowicz zeigt auf, wie jüdische mystische Themen und Motive von der Stummfilmzeit bis zur Gegenwart weltweit verarbeitet wurden. Den Bogen spannt er dabei von Paul Wegeners „Golem“-Filmen (Deutschland 1914–1920) bis zu Darren Aronofskys „Noah“ (USA 2014). „Jüdische Mystik ist keineswegs nur Beiwerk, sondern diese Filme stellen in ihrer Auseinandersetzung mit den kabbalistischen Texten auf intertextuelle Weise einen durch und durch modernen Kommentar dar und haben das Bild jüdischer Religion in der Populär-Kultur entscheidend geprägt“, so Davidowicz.
An der Vielzahl religiöser Motive und Themen, die in zahlreichen Filmen seit dem Beginn des Esoterik-Booms der 1980er-Jahre auftauchen, ist auffällig, dass sich in einer ganzen Reihe von Filmen auch Elemente aus der Welt der jüdischen Mystik, der Kabbala, finden. Beispielhaft genannt werden die Science-Fiction- und Fantasy-Produktionen „Excalibur“, „Blade Runner“ und „Blue Velvet“ aus den 1980er-Jahren. Kabbalistische Elemente in populären Spielfilmen sind ein Phänomen, das sich durch die gesamte Filmgeschichte zieht.
Der New Yorker Filmemacher Darren Aronofsky interessiert sich weniger für die theoretischen und theosophischen Texte der Kabbala als für die sogenannte „praktische“ Kabbala, die Welt der Wunderrabbiner, Dybbuks, Golems und der Magie. Die faszinierendste filmische Umsetzung der kabbalistischen Suche nach dem Schlüssel zur Schöpfung gelang Aronofsky in seinem Film-Debüt „Pi“ (USA 1997), erklärt Judaistik- und Filmexperte Davidowicz. Im Mittelpunkt des Films steht jüdische Zahlenmystik. Und weiter: Aronofskys „Noah“ (USA 2014) sei auf den ersten Blick als ökologische Mahnung zu verstehen. Die Menschheit habe durch rücksichtslose Ausbeutung der Natur die Tier- und Pflanzenwelt zerstört, die Menschen selbst seien zu rohen Bestien verkommen. Doch gerade bei „Noah“ könne man sehen, wie die Figuren der hebräischen Bibel, ergänzt durch das Geschichten-Meer rabbinischer Auslegungen, den Midraschim, die jüdische Mythologie, bildeten. „Noah“ – mit Schauspielstars wie Russel Crow, Anthony Hopkins, Emma Watson und Nick Nolte – sei ein Fantasyfilm in der Tradition von „Lord of the Rings“ und „Game of Thrones“, der aber dem jüdischen Mythos aus Bibel und Midrasch eher gerecht werde.
Die Palette der Leinwandwerke, in denen Davidowicz kabbalistische Bezüge aufzeigt, ist breit und weist verschiedene Kino-Genres auf. Ob der Hollywood-Klassiker „Die Zehn Gebote“, die Science-Fiction-Fernsehserie „Akte X“, oder die Zeichentrickfilmserie „Simpsons“: In ihnen allen finden sich, so das Buch, Spuren der Kabbala.
Neben dem Golem sind der Dybbuk und der dazugehörige Exorzismus wohl das populärste kabbalistische Motiv, das filmisch bearbeitet wurde – und zwar nicht nur in dem 1937 in Polen gedrehten Klassiker „Dybbuk“. Vielmehr befassen sich auch aktuelle Produktionen wie „The Unborn“ (USA 2009) oder „The Possession“ (USA 2012) mit diesem Motiv. Der Golem wiederum ist eine Chiffre für eine überlebensgroße Erlösergestalt geworden, etwa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“. Klaus Davidowicz schreibt dazu: „Der Golem killt Hitler, so schön kann Kino sein.“
„Film als Midrasch“ ist der sechste Band der vom Autor mit herausgegebenen kulturwissenschaftlichen Reihe „Poetik – Exegese – Narrative“ der Vienna University Press in der Göttinger Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht. Ein besonderer Schwerpunkt der Reihe liegt auf jüdischen Erzählungen im weiten Sinn, wozu auch Film und Medien gehören. Ziel der Reihe ist es, die literarische Tiefe und die Aussagen der Texte vor ihrem historischen, politischen und kulturellen Hintergrund zu verstehen und zu vermitteln. Mit „Film als Midrasch“ ist Davidowicz diesem Anspruch hervorragend gerecht geworden.
Klaus S. Davidowicz: Film als
Midrasch – Der Golem, Dybbuks und andere kabbalistische Elemente im populären Kino, V & R Verlag,
Göttingen 2017, 155 Seiten,
35 Euro, ISBN 9-783847-106739