17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Wie heißt es richtig?

Um die korrekte Bezeichnung des Rabbinerberufs herrscht im deutschen Sprachraum einige Verwirrung

In der nichtjüdischen Öffentlichkeit herrscht in Deutschland zuweilen Unklarheit über die Bezeichnung des Rabbinerstandes. Oft wird statt „Rabbiner“ der Begriff „Rabbi“ verwendet. Allem Anschein nach ist das ein Einfluss des Englischen. Möglicherweise trugen die deutschen Übersetzungen der Rabbiner-Small-Krimis des US-Autors Harry Kemelman ihren Teil zu diesem Lehn-Gebrauch bei. Kemelmans zwischen 1964 und 1996 erschienene Bücher erzählen von dem fiktiven Rabbiner David Small, der Mordfälle löst. Das erste Buch der Serie, das auf Englisch „Friday the Rabbi Slept Late“ heißt, erschien auf Deutsch unter dem Titel „Am Freitag schlief der Rabbi lang“. Inzwischen sieht und hört man „Rabbi“ immer wieder als eine gleichberechtigte Alternative zu „Rabbiner“.
In Wirklichkeit bedeutet „Rabbi“ auf Deutsch etwas anderes. Das in der Talmud-Ära für einen großen Rabbiner verwendete Wort (siehe S. 6) bekam im jüdischen Osteuropa durch das Aufkommen des Chassidismus im 18. Jahrhundert eine zusätzliche Bedeutung und bezeichnete den Anführer eines chassidischen Hofes.
Auf Jiddisch wurde das Wort „Rebbe“ ausgesprochen, aber genauso wie „Rabbi“ geschrieben: Resch, Bet, Jod. Als Rebbe wurde der 1902 geborene und 1994 verstorbene Rabbiner Menachem Mendel Schneerson – das letzte dynastische Oberhaupt der Lubawitscher Chassidim, von seinen Anhängern „der Rebbe“ genannt – weltweit berühmt. Auch andere Dynastien – beispielsweise die Gerer, die Szatmarer, die Wischnitzer, die Belser Chassidim – bezeichnen ihre Oberhäupter bis heute als Rebbe.
Auf Deutsch – oder vielleicht eher: im deutschen Judentum – bürgerte sich jedoch nicht Rebbe, sondern Rabbi ein. In der von Martin Buber auf Deutsch herausgegeben Sammlung „Die Erzählungen der Chassidim“ heißen Rebbes „Rabbi“, etwa Rabbi Levi Jitzchak von Berditschew oder Rabbi Jaakov Jitzchak von Lublin. Das ist der hebrä­ischen Aussprache nachempfunden, im heutigen Hebräisch heißt beispielsweise auch der Lubawitscher Rebbe Ha-Rabbi mi-Lubawitsch.
Wer sich also auf Deutsch ganz korrekt ausdrücken will, wird einen Rabbiner, der kein chassidischer Rebbe ist, nicht als Rabbi bezeichnen. In jedem Fall tragen alle Mitglieder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) den Titel eines Rabbiners und nicht den eines Rebbe, genauso übrigens wie bei der nichtorthodoxen Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK). Im Mitgliederverzeichnis der ARK sind zwar nicht nur Rabbiner, sondern auch Rabbinerinnen enthalten – aber eben keine Rabbis.

wst