17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Nicht unverändert, aber unverändert wichtig

Die Aufgaben eines Rabbiners haben im Lauf der Geschichte einen tiefgreifenden Wandel erlebt

Ohne Rabbiner ist jüdisches Leben undenkbar. Neu ist das wohlgemerkt nicht, doch hat die rabbinische Tätigkeit im Lauf der Geschichte weitreichende Veränderungen erfahren. Vielleicht ist das kein Wunder: Immerhin ist seit den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, in denen das rabbinische Judentum entstand, schon viel Zeit ins Land gegangen.
Die Anerkennung, die Rabbinern von jeher zuteil wurde, kommt bereits im Wort „Rabbiner“ – hebräisch: Raw – selbst zum Ausdruck. Das Adjektiv „raw“ kommt in der Tora als „zahlreich“, „stark“ oder „groß“ vor. Diese Bedeutung hat es auch im heutigen Hebräisch.
In der talmudischen Sprache hatte „Raw“ sowohl einen religiösen als auch einen allgemeinen Sinn. Als „Raw“ wurde ein Tora-Gelehrter bezeichnet, doch bedeutete es auch generell „Meister“ oder „Herr“. Im Talmud, Traktat Brachot, heißt es: „… wenn es einen Sklaven gibt, der gegen seinen Herrn aufbegehrt“, wobei für „Herr“ der Begriff „Raw“ verwendet wird.
In späteren Jahrhunderten bildete sich eine Begriffshierarchie heraus. Ein besonders angesehener Gelehrter wurde als „Rabbi“ bezeichnet. Im aschkenasischen Judentum wird dieses Wort als „mein Meister“ verstanden. In der sefardischen Welt wurde es dagegen „Ribbi“ ausgesprochen und ohne das Pronomen „mein“ verstanden. In beiden Fällen war es ein besonderer Ehrentitel.
Mit „Rabbi“ wurden auch große Schriftgelehrte angesprochen. Deshalb beginnen die hebräischen Akronyme für große Autoritäten oft mit dem Buchstaben Resch. So wird der talmudische Weise und Kodifikator Jo­chanan Ben Sakkai, der einen wichtigen Beitrag zur Mischna geleistet hat, auch als Ribas bezeichnet (Rabbi Jochanan Ben Sakkai). Der allgemein bekannte Name des herausragenden Talmudkommentators des 11. Jahrhunderts, Raschi, steht für Rabbi Schlomo Jitzchaki, während der große Gelehrte des 12. Jahrhunderts, Rabbi Mosche ben Maimon, bis heute besser als Rambam bekannt ist.
Lange Zeit war „Raw“ keine Berufsbezeichnung. In der Regel hatten Schriftgelehrte nämlich einen weltlichen Beruf, der sie ernährte. Das ermöglichte es ihnen, ihre Tora-Auslegung unentgeltlich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Rambam lehnte eine Bezahlung für die Auslegung der Tora ab; seinen Lebensunterhalt bestritt er als einer der führenden Mediziner seiner Zeit.
Mit der Zeit änderte sich das. Für das Jahr 1391 ist die durch antijüdische Ausschreitungen ausgelöste Flucht des Rabbiners Schimon ben Tzemach Duran (Raschbatz) aus Spanien nach Algier belegt. An dem Zufluchtsort lehnte er das Angebot der jüdischen Gemeinde, das Rabbineramt zu übernehmen, mit dem Hinweis auf seine Mittellosigkeit ab. So wurde eine Formel gefunden, nach der die Gemeinde ihn offiziell nicht für seine rabbinische Tätigkeit, sondern als Entschädigung dafür bezahlte, dass er durch seine Arbeit Zeit verlor, in der er sonst die Tora studiert hätte. Diese Rechtskon­struktion fand Nachahmer und wurde für mehrere Jahrhunderte als Rechtsgrundlage für die Entlohnung von Rabbinern beibehalten. Erst in der Moderne wurden herkömmliche Arbeitsverträge zwischen Rabbinern und jüdischen Gemeinden die Norm.
Die neue Zeit brachte aber nicht nur Veränderungen im Beschäftigungsverhältnis mit sich. Auch die Aufgaben des Rabbiners gestalteten sich oft neu, etwa bei Fragen des Personenstandrechts: Mit der Emanzipation, der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und ihrer Einbindung in das allgemeine Rechtswesen konnten Gemeindemitglieder auch weltlich – beim Standesamt – heiraten oder sich vor einem Gericht scheiden lassen. Kommerzielle Streitfälle kamen ebenfalls immer seltener vor den Rabbiner.
Zugleich sahen sich Rabbiner neuen Wünschen der Gemeinden gegenüber. Heute gestalten viele Rabbiner den Gottesdienst mit, was in früheren Epochen nicht der Fall war. Die Vermittlung jüdischen Wissens an Gemeindemitglieder, die sich im Zuge der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft vom Studium des Judentums entfernt haben, ist in unseren Tagen ebenfalls eine Kernaufgabe vieler Rabbiner. Natürlich gibt es nach wie vor auch rabbinische Autoritäten, die sich mit grundlegenden Fragen der jüdischen Religion in unserer Zeit befassen, etwa mit Kaschrut, Medizin oder Wirtschaftsethik.
Als eine Antwort auf die Anforderungen der modernen Gesellschaft begriffen sich die nichtorthodoxen Strömungen des Judentums. Die vor 200 Jahren entstandene Reformbewegung ist in vielen Bereichen von der umfassenden Verbindlichkeit der praktischen Halacha abgerückt, etwa in Fragen der Kaschrut oder der Schabbatregeln. Das beeinflusst, versteht sich, auch die Tätigkeit ihrer Rabbiner.
Recht neu sind Frauen im Rabbineramt. Als erste Frau weltweit wurde Regina Jonas 1935 in Berlin ordiniert. Das war damals auch für die Reformbewegung selbst, der Jonas angehörte, keine Selbstverständlichkeit. Tatsache ist, dass die zweite Ordination einer Frau zum Rabbineramt erst 1972 stattfand – in den USA. Auch daran lässt sich erkennen, wie weit die Jonas’ Ordination ihrer Zeit voraus war. Heute freilich dienen in den nichtorthodoxen Bewegungen Frauen in vielen Ländern der Welt als Rabbinerinnen.
Seinerzeit hatte Jonas auch terminologisch Neuland betreten und wurde als „Fräulein Rabbiner“ bezeichnet. „Fräulein“, weil sie unverheiratet war, und „Rabbiner“, weil es das Wort „Rabbinerin“ noch nicht gab. Heute ist es im deutschen Sprachraum eine Selbstverständlichkeit. In der englischsprachigen Welt umfasst das Wort „Rabbi“ (siehe auch Kasten) Männer ebenso wie Frauen. Dagegen sind in Israel sowohl „Rabba“ (Rabbinerin) als auch „Raw“ (Rabbiner) gebräuchlich. Durch die Verwendung von „Raw“ soll betont werden, dass sich die Funktion des Rabbiners durch die Tatsache, dass sie von einer Frau ausgeübt wird, von der Arbeit eines männlichen Kollegen nicht unterscheidet.
Unverändert blieb im Lauf von zwei Jahrtausenden dagegen, dass nur Rabbiner andere Schriftgelehrte zu Rabbinern ordinieren dürfen. Die Anerkennung als Rabbiner, die Smicha, kommt vom hebräischen Wort „lismoch“ (sich auf jemanden verlassen, stützen; nicht zu verwechseln mit „lismoach – sich freuen“) und drückt aus, dass sich die den neuen Kollegen ernennenden Rabbiner auf diesen als Lehrer und Kommentator der Tora verlassen. Ohne diese Anerkennung ist auch ein gestandener Tora-Experte kein Rabbiner – muss es aber auch nicht sein: Das traditionelle jüdische Ideal eines lebenslangen Studiums der Tora ist ein Ziel an sich und keine automatische Vorstufe zum Rabbinerdiplom.
Dass es unter Rabbinern keine offizielle Hierarchie gibt, ist eine weitere historische Konstante. Den Respekt der Glaubensgenossen musste und muss sich der einzelne Gelehrte selbst erwerben. Das funktioniert durchaus. Die Lehrmeinung halachischer Koryphäen wird nicht nur zu deren Lebzeiten, sondern auch Jahrhunderte danach anerkannt. Allerdings ist dies ein spirituelles Band und keine Befehlskette. Kein Rabbiner ist von Amts wegen verpflichtet, die Lehrmeinung eines anderen anzunehmen. Und es gibt durchaus konkurrierende Interpretationen, zwischen denen sich der einzelne Gläubige selbst entscheiden muss. Bereits im Talmud wurden Debatten zwischen unterschiedlichen Denkschulen oft offen gelassen.
Wohl gibt es in einer Reihe von Ländern Oberrabbiner, doch ist das keine jüdische Erfindung. Vielmehr wurde diese Position von nichtjüdischen Herrschern geschaffen, die einen „amtlichen“ Ansprechpartner der in ihrem Machtbereich lebenden jüdischen Bevölkerung haben wollten. In den iberischen Königreichen Portugal, Kastilien und Aragon gab es ab dem 13. Jahrhundert die Position des „rabino mayor“ oder „rab de la corte“ (Oberrabbiner beziehungsweise Hofrabbiner). Mit der Vertreibung der Juden Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts wurde diese Position auf der Iberischen Halbinsel freilich überflüssig.
Im Osmanischen Reich führte der Sultan im 15. Jahrhundert die Position des Hahambasi (Haupt der Weisen) ein. Wie anderen Minderheiten wurde auch den Juden ein nicht unerhebliches Maß an religiöser und innerer Autonomie zugestanden, für deren Durchführung der mit Verwaltungs- und Rechtsprechungsbefugnissen ausgestatte Hahambasi verantwortlich war.
Von 1842 bis Ende der türkischen Herrschaft 1918 gab es eigene Oberrabbiner auch in dem von den Osmanen regierten Land Israel. Am Ende des Ersten Weltkrieges ging die Regierungsgewalt im Heiligen Land auf Großbritannien über, das im Auftrag des Völkerbundes 1923 ein offizielles Mandat über Palästina erhielt.
Nun aber gab es im britischen Königreich selbst ab Ende des 16. Jahrhunderts Oberrabbiner, und zwar gleich zwei: einen sefardischen und einen aschkenasischen. Dieselbe Konstruktion schufen die Briten auch in Israel, wo sie auch nach der Gründung des jüdischen Staates bestehen blieb. Heute ist das israelische Oberrabbinat eine religiöse Behörde mit weitreichenden Befugnissen im Lande – vor allem im Bereich des Personenstandrechts und der Kaschrut-Aufsicht. Eine oberste halachische Behörde ist es allerdings nicht. Weitere Länder, in denen Oberrabbiner als Vertreter jüdischer Interessen und als Symbolfiguren amtieren, sind nach wie vor Großbritannien, Südafrika und Russland, wobei es in letzterem bereits in der Zarenzeit die Institution des Kronrabbiners gab. In religiöser Hinsicht waren und sind aber auch Ober-, Hof- oder Kronrabbiner keine Vorgesetzten ihrer Kollegen.

wst