17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Tradiertes Trauma

ZWST-Konferenz befasste sich mit den seelischen Folgen von Schoa, Flucht und Migration

Von Heinz-Peter Katlewski

Die Traumata von Schoa, Flucht und Migration sowie deren Folgen für die Kinder- und Enkelgeneration waren im vergangenen Monat Thema der alljährlichen interdisziplinären Konferenz der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Rund 200 Teilnehmer aus 15 Ländern konnte der ZWST-Präsident und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt am Main begrüßen. Eingeladen waren vor allem Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte, die sich mit dem Thema befassen, sowie Ehrenamtliche jüdischer Gemeinden. Als Mitveranstalter der Tagung traten die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft und die Aktion Mensch auf.
Mehrere Betroffene fanden sich bereit, den Teilnehmern ihre Erinnerungen an die Verfolgung zu vermitteln. Der heute 90-jährige Rabbiner William Wolff erzählte von seiner Kindheit und Jugend – geprägt durch die Flucht vor den Nazis nach Amsterdam, von wo es sechs Jahre später, 1939, nach London weiterging. Als Folge der Emigration trennten sich seine Eltern. England wurde ihm zu einer neuen Heimat. „Keine schöne Kindheit“, resümierte er – vielleicht mit britischem Understatement –, doch habe seine Familie die Gefahr wenigstens frühzeitig erkannt.
Für den 1932 in Moldawien geborenen Mendel Aronovici bedeutete die Schoa Flucht, Ghetto, Transport in die Ukraine, Deportation nach Transnistrien, immer den Tod vor Augen, außerdem Trennung der Familie. Die 1. Klasse der Grundschule stand ihm erst mit elf Jahren offen. Heute lebt Aronovici in Frankfurt – ebenso wie Hana Laufer. Sie wurde 1939 in Prag geboren. Der Vater war Jude, die Mutter galt als Arierin. Hana Laufers Eltern und Geschwister haben überlebt, wenn auch unter sehr belastenden Umständen, doch wurden 36 Verwandte von den Nazis ermordet.
Zur Sprache kam bei der Konferenz auch das Unvermögen vieler Überlebender, nach der Befreiung über ihr Schicksal zu sprechen – auch, wenn nicht gerade mit den eigenen Kindern. Besonders bei den Überlebenden der Konzentrationslager sei es häufig so, dass die Betroffenen bis ans Lebensende eine soziale Begleitung benötigten, berichtete die Leiterin der Sozialabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Gerda Netopil. Sie leitet die Sozialarbeit im Psychosozialen Zentrum der Gemeinde, ESRA. Das Zentrum betreut Menschen, die schwere psychische Traumata erlitten haben. Dies waren über Jahrzehnte hinweg vor allem KZ-Überlebende. Mittlerweile betreut ESRA rund 3000 Klienten im Jahr, darunter auch solche mit ganz anderen Traumata: Opfer von sexuellem Missbrauch, von Gewalt oder von Naturkatastrophen sowie Flüchtlinge.
Die Konferenz widmete sich auch der zweiten und dritten Generation. Dabei ging es vornehmlich um die Frage, ob auch Kinder und Enkel von Verfolgten traumatisiert wurden. Die Frankfurter Professorin für soziale Ungleichheiten und Diskriminierungserfahrungen, Dr. Julia Bernstein, ließ dies offen. Dagegen wies der Sozialwissenschaftler Amit Schrira, Professor an der israelischen Bar-Ilan Universität, anhand verschiedener wissenschaftlicher Studien nach, dass Nachkommen von Holocaust-Überlebenden durch die Erlebnisse der Eltern und Großeltern durchaus traumatisiert werden könnten und darunter physisch wie psychisch litten. In den Familien der Überlebenden sei die Nähe zwischen Eltern und Kindern beziehungsweise Großeltern und Enkeln überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Die Kinder und Enkel seien vielfach bemüht, den Eltern beziehungsweise Großeltern ein glückliches Leben zu bescheren und sie von Ängsten und Sorgen fernzuhalten. Inwieweit das zu einer Weitergabe des Traumas geführt habe, hänge davon ab, in welcher Weise über das Trauma gesprochen worden sei: eher informativ, mit Ansprüchen versehen oder eben gar nicht.
Bei einem Podiumsgespräch berichteten Angehörige der zweiten Generation über ihre Erfahrungen. Geleitet wurde die Diskussion von Barbara Traub, Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde Württemberg, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland und von Beruf Psychotherapeutin. Von den sechs Podiumsteilnehmern bekannten alle, von ihren Eltern nichts, wenig oder erst sehr spät über deren Schicksal etwas erfahren zu haben. Trotzdem war ihnen allen stets bewusst gewesen, anders zu sein. Schimon Ajnwojner etwa wuchs im DP-Lager Föhrenwald und später in Frankfurt auf. Er erzählte, Besuche bei Schulfreunden hätten stets dazu geführt, dass dort die Fotos aus der Nazizeit beiseitegelegt worden seien.
Über die Auswirkungen von Traumata auf die Enkelgeneration ist der Forschung wenig bekannt. Barbara Traub und Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats, versuchten in einem speziellen Workshop auszuloten, ob es so etwas wie ein transgenerationales Gedächtnis gibt. Bei dem Workshop erinnerten sich die Teilnehmer, dass die Großeltern über ihre Verfolgung eher mit den Enkeln als mit den Kindern gesprochen hätten – letztendlich blieb aber auch diese Frage offen.