17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Wenn Träume wahr werden

Eine Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland widmete sich dem 100. Jahrestag der Balfour-Deklaration

Von Heinz-Peter Katlewski

Die Geschichte des Zionismus und die Umsetzung seiner Ideen standen Ende März in Frankfurt am Main im Zentrum der Tagung „Hundert Jahre Balfour-Deklaration“, veranstaltet von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Vor mehr als 160 Teilnehmern wies Prof. Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, auf den engen Zusammenhang zwischen israelischer Staatsbildung und europäischer Geschichte hin: Der Traum vom eigenen Staat sei eine Reaktion der jüdischen Welt auf Jahrhunderte des Antijudaismus und Antisemitismus gewesen.
Bei der berühmten Deklaration handelt es sich um einen Brief des damaligen britischen Außenministers, Arthur Balfour, an Baron Lionel Walter Rothschild, einen führenden Vertreter des britischen Judentums. In dem am 2. November 1917 abgesandten Brief erklärte Balfour, die Regierung Seiner Majestät stehe der „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ wohlwollend gegenüber und werde die Erreichung dieses Ziels unterstützen.
Wie der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann, anmerkte, sprach Balfour damit ein Ziel an, das 20 Jahre zuvor im Programm des Ersten Zionistenkongresses in Basel formuliert worden war. Ähnliche Formulierungen sollten sich später im 1922 beschlossenen Völkerbundmandat für Palästina ebenso wie im Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 finden.
Die Schlüsselfigur für Balfours Brief war aber nicht dessen Adressat, Baron Rothschild, sondern der Wissenschaftler und zionistische Politiker Chaim Weizmann. Er spielte bei den Verhandlungen über die Deklaration die führende Rolle. Als Direktor des Munitionslabors der britischen Kriegsmarine hatte der promovierte Biochemiker ein effektives Verfahren zur Herstellung von Aceton und damit zur Schießpulverproduktion entwickelt und sich so um das Vereinigte Königreich verdient gemacht. Gleichzeitig trieb Weizmann, der sich 1904 in Großbritannien niedergelassen hatte, energisch die zionistische Idee voran.
Freilich war die Balfour-Deklaration nicht etwa ein „Dankeschön“ an Weizmann. Vielmehr hoffte die britische Regierung mitten im Ersten Weltkrieg, ihre eigenen Interessen in Nahost durch die Schaffung eines jüdisch-nationalen Staates sichern zu können, erläuterte während der Tagung Professor Motti Golani, Historiker an der Universität Tel Aviv. Faktisch sei Weizmann für das zionistische Projekt wichtiger gewesen als der Begründer der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl, meinte Professor Golani. Weizmann müsse als der Moses des modernen Israel gelten.
Als Mandatsmacht in Palästina rückte Großbritannien jedoch nach und nach vom Grundgedanken der Balfour-Deklaration ab. Ihre rücksichtslos restriktive Einwanderungspolitik machte es unzähligen Juden unmöglich, vor den Nazis nach Israel zu fliehen. Gleichwohl verabschiedeten die Vereinten Nationen am 30. November 1947 mit britischer Unterstützung einen Plan für die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Letzterer wurde aber nicht gegründet; stattdessen brachen Israels arabische Nachbarn am 14. Mai 1948, dem Tag der israelischen Staatsgründung, einen Vernichtungskrieg gegen Israel vom Zaun. Dieser Plan ging bekanntlich nicht auf. Bis heute bezeichnen die Palästinenser Israels Staatsgründung als „Nakba“ – arabisch für „Katastrophe“.
Die unterschiedliche Geschichte trenne Juden und Palästinenser voneinander auch heute, betonte Dr. Arie Kizel von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Haifa. Würden die einen von der Selbstbestimmung des jüdischen Volkes sprechen, sei Israel für die anderen eine Fortsetzung des westlichen Kolonialismus.
Dr. Kizel ging auch auf jüdische Reaktionen auf die Balfour-Deklaration ein. Diese, erklärte er, seien keineswegs ungeteilt positiv gewesen. So etwa habe der für Indien zuständige Minister der britischen Regierung, Edwin Samuel Montagu, vehement gegen die Deklaration protestiert und sie sogar als antisemitisch bezeichnet – und zwar, so Montagu, weil es keine jüdische Nation gebe. Dieses Argument, so Kizel, wurde später von den Palästinensern übernommen. Zur historischen Bedeutung der Deklaration sagte Kizel, diese sei der erste Schritt zur internationalen Anerkennung des historischen Rechts der Juden auf ihre Heimat gewesen. Die Deklaration wurde daher auch in der israelischen Unabhängigkeitserklärung erwähnt, die David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 verlas.
Deutlich wurde während der Tagung auch, dass die Verwirklichung der zionistischen Idee in dem modernen Staat Israel alles andere als ein spannungsfreier Prozess war. Für den Historiker Motti Golani wurde mit der Ausrufung des Staates Israel die zionistische Bewegung sogar „ideologisch zerstört“. Ob man diesem Befund nun zustimmt oder nicht, enthält der Titel, unter den Golani seinen Vortrag stellte, eine unumstrittene Wahrheit: „Das Leben wird kompliziert, wenn Träume wahr werden.“