17. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2017 | 30. Nissan 5777

Unterschiedlich und doch zusammen

Pluralismus ist für die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik entscheidend wichtig / Interview mit dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Abraham Lehrer

Zukunft: Herr Lehrer, in der jüdischen Welt wird viel und oft heftig über den religiösen Pluralismus debattiert. Wie wichtig ist jüdischer Pluralismus in Deutschland?
Abraham Lehrer: Er ist sehr wichtig, und jüdisches Leben hierzulande spielt sich in einem pluralistischen Rahmen ab. Alle jüdischen Strömungen haben die Möglichkeit, sich frei zu organisieren und ihre Identität auszuleben, wobei keine Strömung Vorrang gegenüber den anderen genießt. Auch nicht auf der Ebene der Symbole. In Großbritannien und in Frankreich gibt es beispielsweise das Amt des Oberrabbiners, das stets ein Vertreter der Orthodoxie innehat. In Deutschland gibt es so etwas nicht. Alle sind gleichgestellt.
Seinerseits achtet der Zentralrat der Juden in Deutschland darauf, mit allen Strömungen zusammenzuarbeiten. Das gilt nicht nur bei der Vertretung der gemeinsamen Interessen der jüdischen Gemeinschaft nach außen, sondern auch für die Förderung jüdischen Lebens nach innen. Nehmen wir die Rabbinerausbildung: Der Zentralrat unterstützt sowohl das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin als auch das liberale Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, sowohl die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland als auch die Allgemeine Rabbinerkonferenz, der nichtorthodoxe Rabbiner angehören. Und wir sind ausdrücklich daran interessiert, jüdische Gemeinden aller Strömungen als Mitglieder zu gewinnen. Ohne, versteht sich, in die inneren Angelegenheiten der Gemeinden einzugreifen.

Und welche Strömung ist in der Praxis dominant?
Dominant ist nicht das richtige Wort. Niemand beherrscht hier jemand anderen. Jede Gemeinde legt ihre eigenen Regeln fest.

Dennoch wird in den meisten Synagogen in Deutschland nach orthodoxem Ritus gebetet.
Das spiegelt die Situation in der jeweiligen Gemeinde wider, wobei ich etwas Wichtiges betonen will: Die allermeisten Gemeinden in Deutschland sind nach dem Prinzip der Einheitsgemeinde aufgestellt und bieten somit Platz für verschiedene Orientierungen. In vielen Gemeinden ist das auch gelebte Wirklichkeit, vor allem in den größeren, wobei die organisatorische Aufstellung von Fall zu Fall variieren kann. In Berlin, der größten unserer Gemeinden, gibt es Synagogen aller Richtungen. In der Synagoge Pestalozzistraße finden liberale Gottesdienste statt, in der Synagoge Oranienburger Straße masorti, also konservative, in der Joachimsthaler Straße orthodox ausgerichtete. In anderen Gemeinden werden den liberalen Mitgliedern eigene Beträume zur Verfügung gestellt. In Hamburg kommt der egalitäre Minjan in der umgewidmeten Turnhalle der ehemaligen Israelitischen Töchterschule in Hamburg zusammen.
In kleineren Gemeinden ist nicht immer die kritische Masse für mehrere Strömungen vorhanden, doch bleibt die Koexistenz von mehr als nur einer Richtung des Judentums stets möglich.

Wollen die meisten Mitglieder denn wirklich eine orthodox oder hauptsächlich orthodox ausgerichtete Gemeinde?
Auf Jiddisch sagt man: „A Raje, du sest doch“, in etwa: „Der Nachweis? Siehst du doch selbst.“ Unsere Gemeinden sind grunddemokratisch. Jeder Gemeinde steht es frei, einen Gemeinderat und Vorstand zu wählen, die ihren Kurs ändern. Das kommt auch gelegentlich vor. Allerdings handelt es sich dabei um keine wirklich häufige Erscheinung. In der Regel halten die Gemeinden an ihrer jeweiligen Tradition fest. Insgesamt scheint es in der Tat so zu sein, dass die meisten Mitglieder den orthodoxen Stil bevorzugen – und zwar auch jene, die selbst keinen orthodoxen Lebenswandel führen.


Wie kommt das?
Das ist historisch gewachsen. Die Gründerjahre unserer Gemeinschaft, wie sie heute besteht, fielen in die Zeit nach der Schoa. Die damals neu gegründeten Gemeinden wurden orthodox geführt. Das entsprach auch dem Wunsch der meisten Mitglieder. Viele von ihnen stammten aus Osteuropa und hatten sich nach Kriegsende zum Verbleib in Deutschland entschlossen oder sahen für sich einfach keine Auswanderungsperspektive. Es gab damals keine großen Debatten über die Marschrichtung. Es ergab sich einfach so. Und bis heute gibt es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland schlicht keinen ausreichenden Stimmungsumbruch, der diese „Landkarte“ massiv verändern könnte. Ich bewerte das nicht. Ich stelle das nur fest.

Wie viele Mitglieder haben denn die liberalen Gemeinden beziehungsweise die liberalen Gruppen innerhalb der Einheitsgemeinden?
Es werden mehrere Tausend sein. Nach der Statistik der Union progressiver Juden in Deutschland gehören den in ihr zusammengefassten Gemeinden und Organisationen rund 4500 Mitglieder an. Die Mitgliederzahl der liberalen Gemeinden, die zugleich dem Zentralrat angehören, schätze ich auf rund 2500. Es gibt auch Gemeindemitglieder, die in keiner liberalen Gruppe als Mitglied registriert sind, aber zum liberalen Gottesdienst gehen. Es gibt auch Doppelmitgliedschaften. Insofern ist es schwer, das ganz genau zu erfassen.

Wie hat sich die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion auf die Ausrichtung der Gemeinden ausgewirkt?
Die Gemeinden wurden enorm gestärkt. In einer Reihe von Städten, in denen es seit der Schoa keine jüdischen Gemeinden mehr gab, wurden neue gegründet. Die Gesamtmitgliedschaft hat sich mehr als verdreifacht. Da wurde auch der Bedarf an Rabbinern, Kantoren, Religionslehrern und jüdischer Erwachsenenbildung viel größer. Das gab sowohl der Orthodoxie als auch den nichtorthodoxen Strömungen Auftrieb. An der Grundstruktur hat sich aber nichts wirklich verändert. Soweit ich es überblicken kann, suchten die meisten Zuwanderer, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung unter dem Sowjetregime ihre Religion frei ausleben konnten, Anschluss an das traditionelle Judentum, an das sie sich vom Elternhaus oder von den Großeltern erinnern konnten. Andere wiederum schlossen sich liberalen Gemeinden an. Alle Richtungen haben einen Beitrag zur Integration der Zuwanderer geleistet.

Ist Ihnen die heute herrschende Struktur pluralistisch genug?
Eine pluralistische Struktur bedeutet ja nicht, dass alle Gruppen, die sie ausmachen, gleichgewichtig sein müssen. Vielmehr bedeutet eine pluralistische Struktur, dass jeder seine religiösen Überzeugungen frei ausleben kann, und das ist in Deutschland gewährleistet. Also ja: Aus meiner Sicht ist das pluralistisch genug. Ich glaube, dass die nichtorthodoxen Strömungen ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens sind. Sie leisten große Beiträge zur Stärkung jüdischen Glaubens und jüdischen Wissens, sind in den Debatten über Religion, Ethik und Philosophie des Judentums aktiv und stärken unsere Gemeinschaft auch im interreligiösen Dialog.

Untereinander sind sich die Orthodoxen und die Nichtorthodoxen aber nicht so grün. Selbst die jahrzehntelang gemeinsame deutsche Rabbinerkonferenz ist vor mehr als einem Jahrzehnt auseinandergebrochen. Stattdessen gibt es heute zwei Rabbinerkonferenzen. Kann die jüdische Gemeinschaft denn noch mit einer Stimme sprechen?
Mit der Gründung der beiden Rabbinerkonferenzen wurde eine Situation geschaffen, die der Realität Rechnung trägt und die es in anderen Ländern noch weitaus ausgeprägter gibt. Immerhin vertritt die ARK alle nichtorthodoxen Strömungen.
Dass es zwischen den verschiedenen Strömungen theologische Unterschiede gibt, bestreitet doch niemand. So wie die Geschlechtertrennung im Gottesdienst für die Orthodoxie unverzichtbar ist, so ist ihre Aufhebung für andere Strömungen auch ein Teil ihrer Identität. Da sind gemeinsame Gottesdienste nicht möglich. Bei den Gemeindetagen des Zentralrats wurde ich auch schon mal darauf angesprochen, aber so verwunderlich ist es nicht. Das Kunststück, gerade in einer pluralistischen Gesellschaft, ist es nicht, einander zu überzeugen, sondern miteinander auszukommen.

Und das gelingt?
Das gelingt den Juden in Deutschland viel besser als in manchen anderen Ländern. Es gibt kaum öffentlich ausgetragene Streitigkeiten …

… stillschweigend ausgetragene aber schon?
Wir sind doch Menschen, keine Engel. Aber es gibt auch gegenseitigen Respekt. Es gibt die Bereitschaft, sich gemeinsam für gemeinsame Ziele einzusetzen. In einer Gesellschaft, in der wir Juden eine kleine Minderheit sind, ist das besonders wichtig. Ich bin glücklich darüber, dass sowohl Orthodoxe als auch Nichtorthodoxe dem jüdischen Allgemeinwohl den Vorrang geben. Auch das ist eine wichtige Gemeinsamkeit.

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Zur Person

Abraham Lehrer ist ein eher ruhiger Mensch. Sogar so ruhig, dass man ihm die Vielfalt der Aufgaben, die er auf seine Schultern geladen hat, nicht wirklich ansieht. Dabei ist Lehrer – 1954 in New York geboren, doch bereits seit dem Säuglingsalter in Köln wohnhaft – nicht nur selbständiger EDV-Unternehmer, sondern übt auch eine Reihe von Ehrenämtern aus. In seiner Gemeinde, der Synagogen-Gemeinde Köln, war er zunächst als Jugendleiter tätig, dann wurde er 1987 in den Gemeinderat und 1995 in den Vorstand gewählt. Seit 2000 ist er Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Nach langjährigem Engagement im Direktorium und im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde er 2014 neben Mark Dainow zu einem der beiden Vizepräsidenten gewählt.
Lehrer engagiert sich auch in den Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt. Als ZWST-Präsident ist er Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und spielt eine wichtige Rolle im interreligiösen Dialog. Und die Liste ließe sich fortsetzen. Lehrer, allgemein als Ebi bekannt, betrachtet solches Engagement allerdings als eine Selbstverständlichkeit – und zwar eine, die er bereits im Elternhaus gelernt habe.
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