4. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2004 - 7. Schwat 5764

Neue Chance für eingewanderte Akademiker

Otto-Benecke-Stiftung hilft Zuwanderern mit Stipendien bei der beruflichen Orientierung in Deutschland

Von Matilda Jordanova-Duda

Evgeni Oskotski wollte in Deutschland als Wissenschaftler arbeiten. Dass es keine leichte Aufgabe sein würde, eine geeignete Stelle zu finden, darüber war sich der promovierte Chemiker aus St. Petersburg im Klaren. Erste Bewerbungen brachten nur höfliche Absagen. Einmal hatte sich der Forscher sogar – vergeblich - bei dem Institut beworben, in dem er inzwischen arbeitet. Die Ablehnung nimmt er heute mit Humor: Damals kannten mich die Leute noch nicht.

Das hat sich nach seinem einjährigen wissenschaftlichen Praktikum geändert, das ihm ein Stipendium der Otto-Benecke-Stiftung ermöglich hat. Aber der Reihe nach: Oskotski hatte schon in Russland von der Stiftung erfahren, die eingewanderte Akademiker bei der Weiterbildung unterstützt. Der jüdische Kontingentflüchtling hatte sich erfolgreich um ein Stipendium beworben und machte schließlich am Institut für Mikrostrukturtechnik in Karlsruhe sein Praktikum. Zwar gab es am Ende keinen festen Arbeitsplatz, aber nach Ablauf seines Stipendiums wechselte der 46-Jährige auf eine befristete Stelle in einem anderen Institut innerhalb des Zentrums. Evgeni Oskotski ist dennoch zuversichtlich: Seine Chancen sind heute so groß wie die, anderer Wissenschaftler in Deutschland auch.

Laut Umfragen unter den Absolventen finden 80 bis 90 Prozent innerhalb eines Jahres eine Stelle in ihrem Beruf. Das Akademikerprogramm (AKP) der Otto-Benecke-Stiftung existiert seit mehr als 17 Jahren und betreut hauptsächlich Spätaussiedler. 1996 wurden die jüdischen Kontingentflüchtlinge und 2003 die Asylberechtigten ins Programm aufgenommen. Trotz sinkender Aussiedlerzahlen steigt die Zahl der Akademiker-Anfragen stetig, sagt die Leiterin des AKP, Dagmar Maur, und macht dafür mehrere Gründe aus: Das Angebot habe sich herumgesprochen und es kämen mehr Leute mit einem Diplom in der Tasche. Besonders hoch ist ihr Anteil bei den jüdischen Kontingentflüchtlingen, die gegenwärtig 52 Prozent der Stipendiaten ausmachen. Außerdem sei es die einzige Institution, die sich um eingewanderte Akademikern bis 50 Jahre kümmert. 2002 bewarben sich 4400 Zuwanderer um die rund 1100 Stipendien. Dafür bekommt die Stiftung 5,6 Mio. Euro vom Bundesbildungsministerium.

Ärzten und Apothekern greift die OBS unter die Arme, bis sie die vorgeschriebene Anpassungszeit bestanden haben, Lehrern und Juristen bis zum 2. Staatsexamen. Mediziner zum Beispiel müssen sich auf moderne Therapien und andere Medikamente einstellen. Ingenieuren fehlen technische Begriffe. In der Planwirtschaft aufgewachsene Ökonomen haben Marketing und Unternehmensstrategie nachzuholen. Nicht alle osteuropäischen Akademiker sind im Umgang mit dem Computer geübt und nicht daran gewöhnt, schöne Bewerbungsmappen zu gestalten und offensiv ihre Vorzüge - die Muttersprache, langjährige Berufs- und Auslandserfahrung - zu vermarkten.

Die Stiftung setzt auf maßgeschneiderte einjährige Studienergänzungen. Dafür kooperiert sie mit Universitäten, Fachhochschulen und Weiterbildungseinrichtungen. Der Wermutstropfen: Von den Stipendiaten wird Mobilität erwartet, notfalls müssen sie umziehen und sich möglicherweise kurzzeitig von ihren Familien trennen.

Kontakt: Otto-Benecke-Stiftung,
Kennedyallee 105-107,
53175 Bonn,
Tel.: 0228/81 63-0

Aus Jüdische Allgemeine 28/11.12.2003