17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Bilder des Erinnerns

Fotoausstellung zeigt Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei

Von Barbara Goldberg

„Es war gar nicht so einfach, diese Ausstellung nach Frankfurt zu holen“, sagt Imrich Donath. Donath, Versicherungsfachmann im Ruhestand, Kunstfreund, Honorarkonsul der Slowakei für Hessen und seit Jahren im jüdischen Leben von Bad Homburg im Taunus engagiert, spricht von der Fotoschau „Last Folio. Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei“. Auf Donaths Initiative war die Ausstellung vom 26. Januar bis zum 24. Februar auf dem Uni Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität zu sehen. Sie war Donath – selbst in der Slowakei, damals Teil der Nachkriegs-Tschechoslowakei, geboren – ein persönliches Anliegen.
Überlebenden der Schoa und Überbleibseln des einstmals so reichen jüdischen Lebens in der Slowakei gilt die von dem Kunstfotografen Juri Dojc und der Filmemacherin Katya Krausova gestaltete, inzwischen in vielen Ländern gezeigte Ausstellung. Auch sie haben einen persönlichen Bezug zu der Spurensicherung. Beide wurden als Kinder von Überlebenden in der Slowakei geboren. Beide leben schon seit mehreren Jahrzehnten im Ausland: Dojc in Kanada, Krausova in London. Und beide sind in ihrem jeweiligen Metier sehr erfolgreich: Dojc als Fotograf, Krausova als Filmproduzentin.
1997 kehrte Juri zur Beerdigung seines Vaters erstmals wieder in sein Heimatland zurück. Dort traf er auf dem Friedhof eine Frau, die ihm sagte, es sei ihre Lebensaufgabe, Überlebende der Schoa zu besuchen. Dojc fragte, ob er sie begleiten dürfe, und so begann seine lange Reise durch die Slowakei, in deren Verlauf er viele bewegende Begegnungen und Momente erlebte, wovon seine Porträts in eindrücklicher Weise erzählen. Weil sie Juris Recherche nach der verlorenen Zeit dokumentieren wollte, schloss sich ihm Katya Krausova auf seinem Weg kreuz und quer durch das Land an, sodass neben der Fotoausstellung auch ein Film über dieses Projekt entstand.
Für die Ausstellung porträtierte Dojc 150 Persönlichkeiten auf großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien. Stimmung und Atmosphäre, die aus den Bildern sprechen, sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie darstellen. Eine ältere Dame, die Zigarette elegant zwischen die Finger eingeklemmt, schaut den Betrachter leicht amüsiert, kokett und provozierend an. Eine andere Frau hält stumm ihren Unterarm mit der tätowierten Häftlingsnummer in Richtung Objektiv, ihr Mann sitzt ihr gegenüber und hat, wie zur Bestätigung des an ihr verübten Verbrechens, seine aufrechte Faust neben der Nummer auf ihrem Arm abgestützt, während eine weitere Frau im Rollstuhl ihre weißen Spitzenröcke mit der Hand glattstreicht, als befinde sie sich gerade auf dem Weg zu einem Ball und sei von dem Fotografen nur kurz aufgehalten worden.
Ein weiteres Motiv sind Bilder aus dem von Dojc und Krausova vor elf Jahren entdeckten Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule in dem kleinen Ort Bardejov. Seit 1942 stand das Haus leer, und in seinem Innern waren alle Dinge genauso an ihrem Platz geblieben, wie die letzten Juden des Dorfes sie zurückgelassen hatten, als man sie festnahm und abtransportierte. „Bücher standen auf den Borden. Die beiden langen Bänke mit Schreibpulten davor waren leer. An den Wänden waren Inschriften in hebräischer Sprache zu sehen“, erinnert sich Katya Krausova. Nahezu unberührt und von aller Welt vergessen hat dieser Raum seit mehr als 70 Jahren überdauert – als stumme Erinnerung an Menschen, die dort einmal lernten oder unterrichteten. In der Ausstellung sind die verfallenen Räume, alte hebräische Bücher und Schriftrollen zu sehen – Reminiszenz an eine für immer untergegangene, vernichtete Welt. Dieser Welt „ein Denkmal für die Ewigkeit zu setzen, das ist es, worum es für mich bei diesen Fotografien geht“, sagt Imrich Donath. „Wir, die zweite und die dritte Generation, haben die Verantwortung!“
Für die Frankfurter Präsentation von „Last Folio“ ließ Donath eigens einen Katalog drucken, in dem einige der Fotografien versammelt sind. „Von den 1300 Exemplaren sind nur noch einige wenige übrig“, erzählt er. Überhaupt ist er mit der Resonanz äußerst zufrieden: „Sogar der Chef der slowakischen Zentralbank kam, als er sich wegen einer Sitzung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt aufhielt, extra hierher, um sich die Ausstellung anzusehen. Auch 20 Mitglieder des Präsidiums der Goethe-Universität schauten vorbei, und das Außenministerium der Slowakei hat einen eigenen Bericht darüber veröffentlicht.“
„Uns ist es daher wichtig, dass die Ausstellung nicht nur in jüdischen Einrichtungen gezeigt wird“, betont Katya Krausova. Die Liste der Orte, an denen „Last Folio“ bislang zu sehen war, ist lang und prominent: So zählen die EU-Kommission in Brüssel, die Vereinten Nationen in New York, die Cambridge University, die Akademie der Bildenden Künste in Wien, die italienische Nationalbibliothek in Rom und das Van Leer Institut in Jerusalem dazu. Als erste deutsche Institution stellte die Staatsbibliothek zu Berlin „Last Folio“ im Jahr 2015 aus.