17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Gedenken in Zeiten des Internets

Neues Projekt führt junge Menschen online und interaktiv an die Schoa heran

Von Rozsika Farkas

Gedenken an Naziopfer per Internet? Mausklick-Umfragen, um herauszufinden, woran der Online-Gast beim Wort „Holocaust“ denkt? Ist das nicht zu profan? Oder im Digitalzeitalter geradezu geboten, vor allem wenn junge Menschen angesprochen werden? Letzteres ist die Meinung der Berliner Firma gebrueder beetz filmproduktion. Deshalb hat das Interaktiv-Team des Unternehmens die Medienplattform „#uploading_holocaust“ entwickelt.
Bei den Cross Video Days in Paris, einem internationalen Branchentreff für Filmemacher, lernten die Berliner 2015 zwei israelische Regisseure kennen: Udi Nir und Sagi Bornstein. Die beiden hatten ursprünglich einen klassischen Dokumentarfilm über die Jahr für Jahr von rund 30.000 israelischen Schülern absolvierte Reise zu den KZ-Gedenkstätten in Polen drehen wollen. Als sie während ihrer Recherchen auf YouTube auf eine unglaubliche Vielzahl von Videoschnipseln stießen, die von israelischen Schülern während ihrer Polen-Reisen gefilmt und hochgeladen worden waren, fügten sie eine Auswahl dieser mit Smartphones aufgenommenen Filmpartikel zu einer 45-minütigen Dokumentation zusammen.
In Israel war der Film bereits im Fernsehen auf Kanal 2 gelaufen, als die Berliner als Produzenten in das Projekt mit einstiegen, um eine längere Fassung zu erarbeiten, die im vergangenen Herbst dann beim Dokumentarfilm-Festival in Leipzig uraufgeführt werden konnte. Inzwischen hatten sich auch einige Fernsehsender dem Projekt angeschlossen: der ORF (Österreich), der Rundfunk Berlin-Brandenburg und federführend der Bayerische Rundfunk. Historisch-fachliche Beratung kam von der Agentur für Bildung Berlin sowie von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
Die Medienplattform bietet aber nicht nur Filmmaterial und eine ausführliche pädagogische Anleitung. Sie stellt auch Fragen. Eine davon lautet: „Welches Verhalten ist beim KZ-Besuch ein No-Go?“ Als Antworten stehen zur Auswahl: Selfies machen/gelangweilt sein/fröhlich sein/es gibt kein No-Go/sich nicht betroffen fühlen/Deutsch sprechen. Wer seine Antwort eingibt, erfährt (Stand Februar 2017), dass 42 Prozent der Besucher der Website finden: Selfies machen geht gar nicht, mit großem Abstand gefolgt von gelangweilt sein (21 Prozent) und fröhlich sein (14 Prozent).
Nach der obligatorischen Datenschutzerklärung kommt Jakob, ein deutscher Jugendlicher, ins Bild. Der 18-jährige Abiturient begleitet die Besucher als Lotse durch die Plattform. Er steht auf einem Parkplatz in Polen und erzählt, dass er unterwegs ist nach Krakau und Auschwitz. Dann kommt die Frage: „Hast du schon mal ein ehemaliges KZ besucht?“ Wer mit Ja antwortet, erfährt, dass 74 Prozent der bisherigen Umfrageteilnehmer ebenfalls eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Wer mit Nein antwortet, wird gefragt, ob er das noch nachholen möchte, und falls die Antwort wieder Nein lautet, kommt die Frage nach den Gründen. Mögliche Antworten: Besuch interessiert mich nicht/Ort ist zu depri/Thema wurde schon genug in der Schule behandelt/hat sich noch nicht ergeben.
Jakob berichtet, dass die Reise seine Sicht völlig verändert habe und fragt: „Und wie ist es mit euch? Interessiert euch das Thema?“ Zwei Prozent aller Nutzer, erfahren wir, interessieren sich gar nicht für das Thema Holocaust. Weiter geht es mit den Gefühlen, die das Wort „Holocaust“ auslöst: Nachdenklichkeit/Schuldgefühle/Unmut/Genervtheit/Neugier/Gleichgültigkeit/Trauer? Und wir erfahren: Nachdenklichkeit (37 Prozent) und Trauer (30 Prozent) sind die vorherrschenden Gefühle, gleichgültig lässt der Begriff nur wenige (2 Prozent).
Es folgen Szenen von der Anreise israelischer Jugendlicher, sechs Protagonisten werden namentlich vorgestellt. Über sie kann, wer möchte, mehr erfahren. Einige Klicks weiter erfahren wir, dass deutsche Jugendliche gern wüssten, ob Verwandte während der Schoa Verbrechen begangen haben (35 Prozent) oder ob es Nazis in der Familie gab (20 Prozent). Thematisiert werden auch Witze über den Holocaust: „Gehen gar nicht“ meinen 40 Prozent, „dürfen nur Juden machen“ finden 11 Prozent. Ein Viertel der Befragten gibt an, das Gefühl zu haben, sich am Holocaust schuldig fühlen zu müssen.
Nach dem Parcours durch die teilweise sehr bewegenden Filmausschnitte und die sachlichen Fragen bietet Projektlotse Jakob schließlich an, Fragen deutscher Jugendlicher an die israelischen Protagonisten des Films weiterzuleiten und so ein Gespräch zwischen beiden Seiten in Gang zu bringen. Die Reaktionen auf die inzwischen mehr als 10.000 Mal abgerufene Plattform sind durchweg positiv, teilweise gar „euphorisch“, so die Autorin des Webprojekts, Hannah Kappes.
Auf dem DOK-Fest München wird am 5. Mai die Langfassung des Films „#uploading_Holocaust“ zu sehen sein, für den 9. Mai ist eine interaktive Veranstaltung für rund 400 Schüler und ihre Lehrer geplant, zu der auch YouTuber Jakob kommen wird, um sich mit den Schülern über ihre Erfahrungen mit „#uploading_holocaust“ auszutauschen.