17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Schabbat daheim

Ein Projekt des Landesverbandes Nordrhein hilft bei der Gestaltung des Freitagabends – und soll ausgeweitet werden

Von Annette Kanis

Den Schabbat zu feiern, ist ein wichtiges Gebot des Judentums. Ein neues Projekt des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein bietet Gemeindemitgliedern, die den Schabbat in ihren eigenen vier Wänden traditionsgemäß begehen wollen, dabei ganz konkrete Hilfe an. Daher auch der Name: „Schabbat@Home“. Im Mai letzten Jahres ins Leben gerufen, ist das Programm das erste seiner Art in Deutschland.
Ganz konkrete Hilfe bedeutet: Ehrenamtliche Helfer kommen zu interessierten Gemeindemitgliedern nach Hause, bringen Kerzen, koscheren Wein, Kiddusch-Becher, Gebetbuch, Schabbatdecke und Challa mit und packen bei der Gestaltung des Schabbatabends mit an. Der Landesverband Nordrhein unterstützt das Projekt finanziell und organisatorisch. Er stellt, so sein Geschäftsführer, Michael Rubinstein, nicht nur die notwendigen Utensilien für die Schabbatfeier zur Verfügung, sondern fördert auch die Kontaktaufnahme unter interessierten Teilnehmern. Damit können die Beteiligten nicht nur für sich selbst feiern, sondern auch Gäste einladen.
„Wir wollen die Tradition des Schabbatfeierns, die nicht mehr viele von ihren Familien kennen, neu anstoßen“, sagt Rubinstein. Wichtig ist es ihm, auch Jüngere für den Schabbat zu begeistern. Hilfe heiße aber nicht, den Teilnehmern die Detailarbeit abzunehmen: „Wir liefern ein gewisses Setup, aber die Beteiligten organisieren sich selber.“ Interessierte melden sich über eine WhatsApp-Gruppe mit bislang etwa 50 Mitgliedern. Man tauscht sich aus, findet zusammen.
Die Idee zu dem Projekt hatte der 22-jährige Mark Lektor, Leiter des Jugendzentrums der Jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach. Gemeinsam mit Emanuel Esser und Diana Potapova leitet er die Schabbatfeiern an. Dabei motiviert sie der Gedanke, auf unkomplizierte Weise das Interesse an der Religion zu stärken. Sie sehen hier eine gute Möglichkeit, auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die der Gemeinde und der Religion nicht so nahestehen, religiöse Praxis zu vermitteln. „Wir wollten etwas machen, um die jüdische Identität gerade bei jüngeren Menschen zu stärken“, erklärt Esser.
Im Rahmen der Schabbat@Home-Abende müssen sich die Gastgeber nicht darum kümmern, wo sie eine Challa kaufen können, wie sie an koscheren Wein kommen, ob für jeden Mann eine Kippa da ist. „Wir stellen die gesamte Infrastruktur zur Verfügung“, betont Rubinstein. Dazu gehören auch verschiedenfarbige Kippot und leicht anzubringende Mesusot für die Tür. Die Segenssprüche für Brot, Wein und das Kerzenzünden sind auf laminierte Blätter gedruckt. In Hebräisch, in ausgeschriebener Lautschrift sowie in Deutsch. „Nicht alle haben Hebräisch gelernt, so vereinfacht es die Sache“, erklärt Emanuel Esser.
Für den Ort des Beisammenseins meldet sich jemand als Gastgeber, für das Essen bringt dann jeder etwas mit. Die Teilnehmer finden sich über Gemeindegrenzen hinweg. Die Atmosphäre an den Abenden beschreibt Lektor als locker. „Der Schabbatabend findet zu Hause in einem Raum statt, wo man sich nicht gezwungen sehen muss, bestimmte Normen einzuhalten“, so Emanuel Esser. Man rede über die religiösen Regeln und freue sich natürlich, wenn das Handy dann auch ausgestellt bleibe. Sich auf den anderen zu konzentrieren, sich einzulassen auf Gemeinschaft, gemeinsam zu essen ohne Fernsehen, ohne Smartphone, ohne Störung – das gehört zu einem Schabbatabend im traditionellen Sinne dazu.
Lektor findet den Gemeinschaftsaspekt besonders wichtig: „Wir wollen eine Plattform für kulturellen Austausch in einer freien Umgebung bieten, in der man in häuslicher Atmosphäre bei Kerzenlicht zusammen ist, sich freut, dass man in der Gemeinschaft mit religiösem Hintergrund zusammenkommt.“ Auch wenn das Projekt in Mönchengladbach startete: „Schabbat@Home“-Abende haben auch schon in anderen Städten wie Düsseldorf und Bochum stattgefunden.
Die ehrenamtlichen Helfer konnten bereits etliche Schabbatfeiern begleiten – Abende mit Gemeinschaft und Gebet, mit Gesprächen und Zeit, mit Lachen und gutem Essen. Stunden, in denen jüdische Identität mit Leben gefüllt wurde. Durch ihr Engagement wollen die Ehrenamtler auch andere begeistern, Eigeninitiative zu zeigen. Bislang begleiten sie jeden Abend, sprechen die Gebete, stehen für Rückfragen zur Verfügung. Aber auch das kann sich ändern. „Wir wollen mit dem Projekt zum Nachahmen anregen“, betont Rubinstein. „Jüdisch sein“ nicht nur als Oberbegriff, sondern gefüllt mit Leben: Diese Idee will der Landesverband in den kommenden Monaten ausweiten.
In diesem Jahr soll das Projekt deshalb großflächig den Gemeinden im Landesverband angeboten werden. Geschäftsführer Michael Rubinstein setzt auf positive Resonanz: „Je mehr Kisten wir dann anschaffen müssen, umso besser.“ Bislang richte sich das Angebot an Menschen bis Anfang 20. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auf diese Weise auch etwas ältere Erwachsene bis Mitte 30 und in einem weiteren Schritt Familien ansprechen können.“ Dafür brauche man noch mehr engagierte Ehrenamtliche, die zielgruppenorientiert eingesetzt werden könnten. „Langfristiges Ziel ist für uns, die Menschen ans Judentum, seine praktische Ausübung und vor allem dann auch wieder an die jüdische Gemeinschaft, an die Gemeinden zu binden.“ Dabei denkt Rubinstein – in einem weiteren Schritt Richtung Nachhaltigkeit – an eine kleine „Schabbat-Schatztruhe“ mit den wichtigsten Utensilien fürs Zuhause, die Interessierte kaufen können.
Kontakt: Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Telefon 0211- 46 91 29-0, E-Mail: info@lvnr.de.