17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Wichtiger Impuls

Im vergangenen Monat konnte die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen die Einweihung ihrer neuen Synagoge feiern

Von Peter Schönfelder

Die jüdische Gemeinde im baden-württembergischen Rottweil ist relativ jung. Sie wurde erst 2002 gegründet. Das war dank der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion möglich geworden. Allerdings war es nicht das erste Mal, dass sich eine jüdische Gemeinde in der Stadt konstituiert hat: Jüdische Präsenz in Rottweil ist bereits für das späte Mittelalter nachgewiesen. Um 1315 wurde erstmals eine jüdische Gemeinde innerhalb der Stadtmauern urkundlich erwähnt. Die Zahl ihrer Mitglieder lag bald bei fast 300. Nach der Vertreibung der Juden um das Jahr 1500 sollten allerdings drei Jahrhunderte vergehen, bis es wieder ein jüdisches Gemeindeleben gab.
Seit 1850 gab es einen Betsaal in der Kameralamtsgasse, 1859 wurde ein jüdischer Friedhof angelegt. Zu den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden der Stadt wurden freundschaftliche Kontakte gepflegt. In den 1920er Jahren gewann der Antisemitismus jedoch die Oberhand. Das Jahr 1938 bedeutete schließlich das Ende der jüdischen Gemeinde: SA-Männer verwüsteten den Betsaal, warfen das Inventar auf die Straße und verbrannten es. Acht Gemeindemitglieder wurden in den NS-Lagern ermordet. Der jüdische Friedhof diente bis 1946 als Schuttabladeplatz.
Heute zählt die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen, wie sie mit vollem Namen heißt, rund 300 Mitglieder und ist sehr aktiv, dazu gehören Gottesdienste, Jugendzentrum und Seniorentreff. Im vergangenen Monat konnte sie ein Großereignis feiern: die Einweihung des neuen, am Nägelesgraben unweit der historischen Altstadt gelegenen Gemeindekomplexes mit Synagoge und Gemeindezentrum.
Zu den Ehrengästen des Festakts gehörten unter anderem der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Feierlich wurden die Torarollen in die neue Synagoge getragen. Der badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann weihte das neue Haus ein. Zahlreiche Gäste aus Lokal-, Landes- und Bundespolitik, Bürgermeister der Nachbargemeinden, Vertreter der Rottweiler Kirchengemeinden und zahlreiche Menschen, die der Israelitischen Gemeinde verbunden sind, waren bei der Einweihung dabei. Viele Grußworte, unter anderem auch vom CDU-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder, unterstrichen die Bedeutung des Tages für das Zusammenleben von Juden und Christen.
Mit der Einweihung der neuen Synagoge werde das jüdische Leben in der Stadt sichtbarer, so Ministerpräsident Kretschmann. Dr. Schuster betonte: „Deutschland ist unsere Heimat, hier sind wir und hier bleiben wir.“ Und Rami Suliman, Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), die auch Bauherr der Synagoge ist und den Löwenanteil der Kosten trägt, formulierte es bereits beim Spatenstich im Jahr 2015 so: „Wer ein Haus baut, will auch bleiben.“
Tatjana Malafy, Geschäftsführerin der Gemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen und stellvertretende Vorsitzende des Oberrats, sowie Rami Suliman gehörten zu den treibenden Kräften des Synagogenbaus. Das Grundstück wurde von der Stadt Rottweil erworben. Auch sonst half diese bei bürokratischen Hürden. Der Bau wurde von vielen Spendern unterstützt. Dennoch ist der Bau der Synagoge für die kleine Gemeinde ein finanzieller Kraftakt – aber auch, wie Tatjana Malafy sagt, ein neuer Impuls. „Alle Gemeindemitglieder“, erklärte sie gegenüber der „Zukunft“, „zeigen Interesse. Besonders viele Kinder und Jugendliche kommen zu uns. Wir haben von einer Synagoge geträumt, jetzt fühlt sie sich wie ein Zuhause an.“
Die neue Synagoge sollte auch einen Rabbiner haben, und auch diesen konnte die Gemeinde finden: Levi Ytzchak Hefer. Rottweil ist die erste Gemeinde, die der 25-Jährige als Rabbiner führt. Das Timing war perfekt: Der Rabbiner wurde am Tag der Syna­gogeneinweihung in sein neues Amt eingesetzt.