17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Ernst, engagiert – und ausgelassen

In Frankfurt am Main fand der diesjährige Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats statt

Von Barbara Goldberg

Von Politik in allen Facetten, von der Weltpolitik auf den Korridoren der Vereinten Nationen bis zur direkten Demokratie mit Abstimmung durch Handzeichen – das alles und noch viel mehr konnten die rund 300 Teilnehmer des diesjährigen Jugendkongresses der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und des Zentralrats der Juden in Deutschland in Frankfurt erleben. Den Organisatoren war es gelungen, hochkarätige Referenten für ihre Veranstaltung zu gewinnen, darunter den ehemaligen israelischen Verteidigungsminister Moshe Ya’alon, den früheren Botschafter Israels bei der UNO, Ron Prosor, sowie den Europaabgeordneten und Nahost-Experten Elmar Brok.
Neben diesen Schwergewichten aus Politik und Diplomatie bot der Kongress auch dem politischen Nachwuchs eine Bühne – konkret: der im Dezember gegründeten Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Während es in vielen Ländern jüdische Studentenorganisationen gibt, herrschte hierzulande in den vergangenen Jahren diesbezüglich ein Vakuum. Dieses wollen die angehenden Akademiker jetzt mit Schwung und Leben auffüllen. So hielten sie beim Jugendkongress ihre erste Vollversammlung ab. Bereits bei der Präsentation ihrer Kandidatur bewiesen alle Bewerber politisches Talent.
Über die Besetzung der Vorstandssitze und des Präsidentenamtes entschieden dann die Kongressteilnehmer: Mitglied der Union ist nämlich automatisch jeder junge Mensch im Alter von 18 bis 35 Jahren, sofern er einer jüdischen Gemeinde im Bundesgebiet angehört oder anzugehören beabsichtigt. Am Ende konnte die Berliner Studentin Dalia Grinfeld (22) die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden. Dem Vorstand gehören außerdem Benny Fischer, Aaron Serota, Arthur Poliakow und Mike Samuel Delberg an. Die JSUD kann auf die Unterstützung des Zentralrats bauen, dem sie als eigenständige Organisation angegliedert ist.
Ansonsten stand der Kongress in diesem Jahr im Zeichen des 100-jährigen Bestehens der ZWST, die zu den ältesten Wohlfahrtsorganisationen Deutschlands gehört. 1952 auf Beschluss des Zentralrats neu ins Leben gerufen, hat sie in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Herausforderungen bewältigt: von der Unterstützung von Holocaustüberlebenden in den ersten Nachkriegsjahren bis zur Integration der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1990. Der Grundgedanke hat sich jedoch, wie Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster in seiner Begrüßungsansprache betonte, nie geändert. Alles Handeln der ZWST beruhe auf der Idee der Zedaka, der Wohltätigkeit und Hilfe für Bedürftige, sagte er. Dr. Schuster hob außerdem hervor, wie wichtig die Unterstützung durch die Jüngeren für die Gemeinden sei: „Es ist dieses ehrenamtliche Engagement, das wir so dringend in unserer Gesellschaft und in unserer jüdischen Gemeinschaft brauchen. Dieses Engagement erzeugt Wärme. Gerade, da wieder ein kälterer Wind durch Deutschland weht, benötigen wir diese Wärme so sehr.“ Auch Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman gratulierte der ZWST und würdigte deren Arbeit, in der stets auch eine enge Verbundenheit mit Israel zum Ausdruck komme.
In zwei Podiumsgesprächen mit Wegbegleitern und ehemaligen Jugendgruppenleitern der ZWST wurde die Geschichte der Organisation noch einmal lebendig: „Die ZWST ist wie eine Familie für mich“, sagte Tirza Hodes, mittlerweile 95 Jahre alt und Meisterin des israelischen Folkloretanzes. Über Jahrzehnte hinweg hat sie jedes Feriencamp und jede Seniorenfreizeit schwungvoll in Bewegung versetzt; kein Wunder, dass sie mit großem Jubel begrüßt wurde. Natürlich hatte sie Musik mitgebracht. Am Ende klatschte und hüpfte der ganze Kongress unter ihrer Leitung durch die eng gestellten Stuhlreihen.
Der Nahostkonflikt, Antisemitismus, die Gefahr des islamistischen Terrors – auch diese Themen wurden angesichts ihrer aktuellen Brisanz durch mehrere Vorträge und Workshops auf die Tagesordnung gesetzt. Viel Hoffnung konnten die Experten ihrem jungen Publikum dabei nicht machen. So erklärte Moshe Ya’alon, auf absehbare Zeit sehe er keine Chance für eine Aussöhnung im Nahen Osten. Die westlichen Liberalen, die diesen Frieden immer einforderten, kämen ihm manchmal vor wie Menschen, die sich fünfmal hintereinander im Kino denselben tragisch ausgehenden Film ansähen, in der Hoffnung, dass der Drehbuchautor doch noch ein Happyend eingebaut habe. Ron Prosor, lange Zeit Israels Botschafter bei der UNO, schilderte, wie wenig Unterstützung er für sein Land bei den anderen Nationen gefunden habe.
Doch so ernsthaft und konzentriert die jungen Teilnehmer diese Fragen mit den Referenten diskutierten, hielt es sie dennoch nicht davon ab, auf der Party am Samstagabend zu tanzen und zu feiern. Denn bei aller Inhaltsschwere ist der „JuKo“ ja vor allem auch ein großer Treffpunkt für junge jüdische Menschen aus allen Teilen Deutschlands. „Einzigartig“, „von hier nehme ich Energie für das ganze Jahr mit“, „dieses einmalige Gefühl jüdischer Zusammengehörigkeit, das kann man nur hier so intensiv erleben“, „jeder hier fühlt sich als Teil eines großen Ganzen“: Äußerungen wie diese geben etwas von der Stimmung wieder, die an diesen dreieinhalb Tagen vorherrschte. Die meisten waren nicht zum ersten Mal gekommen, sondern melden sich seit Jahren immer wieder für diese Veranstaltung an.
Abraham Lehrer, Präsident der ZWST und Vizepräsident des Zentralrats, begleitete den Kongress von Anfang bis Ende. Als die Gründer der JSUD ihm die Ehrenmitgliedschaft der Organisation verliehen, war er sichtlich gerührt. „Danke!“ – mehr brachte er in diesem Moment nicht hervor. Umso lauter war dafür der ihm von den Teilnehmern gespendete Applaus.