17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Die Koffer bleiben ausgepackt

Präsident des Zentralrats sprach im niedersächsischen Landtag über jüdisches Leben in Deutschland

Im vergangenen Monat hielt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, im niedersächsischen Landtag in Hannover einen Vortrag zum jüdischen Leben in Deutschland heute. Eingangs betonte Dr. Schuster, die in den Nachkriegsjahren geläufige Metapher, die Juden säßen auf gepackten Koffern und betrachteten somit das Land der Täter nur als Durchgangsstation, nicht mehr zutreffe. „Es kam eine Zeit, in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, da konnten wir sagen: Wir haben unsere Koffer ausgepackt“, führte der Zentralratspräsident aus.
Das sei auch heute so, doch schleiche sich in jüngster Zeit bei Juden in Deutschland manchmal ein Gefühl der Unsicherheit ein. „Werden wir in Deutschland als selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft gesehen oder als Fremde?“, fragte Dr. Schuster und erklärte: „Bei uns blinkt inzwischen immer mal wieder ein Warnlicht.“
Als ein Beispiel nannte er die Israel-Feindlichkeit. Zwar sei das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft in die etablierte Politik mit Blick auf die Beziehungen zu Israel groß, ganz anders sehe es aber in der Bevölkerung aus. Der jüdische Staat sei bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein einer massiven Kritik ausgesetzt, wie sie andere Staaten bei weitem nicht aushalten müssten. Immer häufiger treffe man auf Kritik, die das Existenzrecht Israels hinterfrage oder alle Juden unter Generalverdacht stelle.
Ein weiteres Thema, das Dr. Schu­ster ansprach, war Antisemitismus. Die rechtsextreme Szene in Deutschland befinde sich im Aufwind. Die Entwicklungen am rechten Rand dürften nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wer glaube, so Dr. Schuster, den alten, klassischen Antisemitismus oder die alten Vorurteile gegen Juden gäbe es nicht mehr, brauche nur ins Internet zu schauen, um eines Besseren belehrt zu werden. Zugleich würdigte der Zentralratspräsident die Kirchen als wichtige Partner beim Abbau tradierter antisemitischer Vorurteile.
Mit Blick auf das Verhältnis zu Moslems betonte Dr. Schuster: „Die jüdische Gemeinschaft lehnt jede Form von Islam-Feindschaft ab! Die gehäuften Angriffe auf Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte verurteilen wir scharf. Auch nach Terroranschlägen von Islamisten verbietet sich jeder Generalverdacht gegen Muslime.“ Allerdings müsse auch über den Antisemitismus, den es unter Muslimen gebe, gesprochen werden. Es gebe Imame, die Hass gegen Juden verbreiteten. Auch seien Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, die mit einer tiefen Israel-Feindschaft aufgewachsen seien und zum Teil Hitler verehrten.
Der Zentralratspräsident warnte vor Gefahren, die von der Hetze gegen Minderheiten ausgehen. Im Blick habe er dabei Parteien wie die AfD, die auf Ausgrenzung setze und gezielt provoziere. Allerdings gehe es auch um den insgesamt raueren Ton, die verbale Enthemmung und das kältere Klima in der Gesellschaft. „In der jüdischen Gemeinschaft“, hob Dr. Schuster hervor, „sind wir uns völlig im Klaren: Früher oder später sind auch wir Juden an der Reihe. Über ein Verbot der Beschneidung oder des Schächtens wurde längst in der AfD diskutiert. Sie versuchen zwar mitunter, bei uns auf Stimmenfang zu gehen, und geben sich israelfreundlich. Doch davon lassen wir uns nicht blenden.“
Trotz des Unsicherheitsgefühls stehe eine jüdische Auswanderungswelle aus der Bundesrepublik indessen nicht bevor. Vielmehr versuche die jüdische Gemeinschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten, einen Beitrag zur Verbesserung der Verhältnisse in Deutschland zu leisten.

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