17. Jahrgang Nr. 3 / 29. März 2017 | 2. Nissan 5777

Gemeinschaft

Wie kein anderes Fest bringt Pessach Juden weltweit zusammen

Von Josef Schuster

Das Pessach-Fest erinnert an den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten – eine Geschichte von Befreiung und Wanderung, von Glauben und Zweifeln, von Stärke und Ängsten. Ein prägendes Erlebnis, an das wir uns seit vielen Generationen Jahr für Jahr erinnern.
Ebenso wie um Freiheit geht es an Pessach aber auch um Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Durch den nicht immer leichten Weg von Ägypten nach Kanaan wurden unsere Vorfahren zu einer echten Schicksalsgemeinschaft zusammengeschmiedet, einer Gemeinschaft, die ohne äußeren Zwang zusammenhält und ihre Ziele erreicht. Das gilt auch heute: Die jüdische Gemeinschaft kann ihre Existenz nur dann sichern, wenn sie ihr Leben in Eigenverantwortung gestaltet und dabei ihre Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verliert. Das verläuft kaum je reibungslos. Bereits beim Auszug aus Ägypten und bei der Wüstenwanderung gab es Dissens, ja offene Meuterei.
Richtungsstreit und Debatten prägten die gesamte jüdische Geschichte. Und doch wurden die Differenzen immer wieder überwunden. Eine unerlässliche Bedingung dafür war und bleibt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, und auch daran erinnert uns die Haggada. Sie lässt den bösen unter den vier Söhnen fragen: „Warum ist dieser Dienst für euch wichtig?“ Indem er „für euch“ und nicht „für uns“ sagt, nimmt er sich selbst von der jüdischen Gemeinschaft aus. Davor will uns die Haggada warnen.
Pessach ist aber nicht nur ein Fest empfundener, sondern auch ganz konkreter Gemeinschaft, und zwar am Sederabend. Eine große Mehrheit der Juden weltweit nimmt am Seder teil, wobei auch Säkulare dies als einen selbstverständlichen Teil ihres Jude-Seins betrachten. Laut einer Umfrage sind 70 Prozent aller amerikanischen Juden, darunter mehr als 40 Prozent derjenigen, die sich selbst als völlig areligiös bezeichnen, bei einem Seder dabei. In Israel ist die Teilnahme am Seder auch unter weltlichen Juden praktisch universell.
An einem Seder kann man fast überall teilnehmen. Einen Seder gibt es im nepalesischen Katmandu ebenso wie auf der Hawaii-Insel Maui, am Äquator ebenso wie in Alaska. An keinem anderen Tag des Jahres sitzen so viele Juden mit Familie und Freunden zusammen, um ein Fest zu feiern. „Wo bist du zum Seder?“ – diese besorgte Frage hört man oft auch von fast Unbekannten, die andere Juden an diesem Abend nicht allein lassen wollen. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit ist ein weiterer Grund, sich auf Pessach zu freuen.
Pessach ist, versteht sich, auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zentral – vielleicht sogar in besonderem Maße. Viele unserer Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und können sich noch genau daran erinnern, wie schwer es war, im „real existierenden Sozialismus“ das Fest der Freiheit zu begehen. Wie Juden sich mit heimlich gebackenen Mazzot versorgten, weil das „Brot der Bedrängnis“, wie Mazzot in der Haggada genannt werden, für sie ein Symbol der Freiheit, ihrer Freiheit waren. Dass sie – dass wir alle – Pessach hier und heute gemeinsam und offen feiern können, ist ein Geschenk, das wir zu schätzen wissen.
Zahlreiche jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik organisieren Gemeindeseder. Dies gibt zahlreichen Menschen die Möglichkeit, Pessach in angemessenem Rahmen und in der Atmosphäre einer Großfamilie zu feiern. Dafür gebühren den Gemeinden Dank und Lob. Und der Zentralrat der Juden bietet auch in diesem Jahr jüdischen Studierenden die Möglichkeit, Pessach-Pakete zu erhalten.
So ist zu hoffen, dass auch in diesem Jahr möglichst viele von uns am Seder, ob in der Gemeinde, zu Hause oder bei Freunden, teilnehmen und das Fest der Freiheit gemeinsam erleben.
Pessach Kascher we-Sameach!

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland