17. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2017 | 28. Schwat 5777

„Erzähl es niemandem!“

Dokumentarfilm zeigt die Liebesgeschichte einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten, dessen Mutter Jüdin war

Von Ute Glaser

Es gibt Geschichten, die wegen vermeintlich unglaubwürdiger Handlung wohl gar nicht oder allenfalls als Märchen auf die Leinwand kämen. Dazu gehört auch die – wahre – Liebes- und Lebensgeschichte von Helmut Crott und Lillian Berthung. Nach Jahrzehnten des Schweigens wurde sie nun verfilmt, allerdings nicht als Spiel-, sondern als Dokumentarfilm. Dieser lief jüngst in deutschen Kinos an.
Als Lillian und Helmut sich am Ostersamstag 1942 im norwegischen Harstad begegneten, stand das skandinavische Land unter deutscher Besatzung. Dennoch gefiel der damals 19-jährigen Norwegerin der schmucke Mann aus Wuppertal auf den ersten Blick. „Mein Gott, was hat der schöne Zähne!“, war ihr erster Gedanke. Der zweite Gedanke: „Wie schrecklich, dass er deutsch ist.“ Helmut trug nämlich die Uniform der verhassten Besatzer.
Doch wo die Liebe hinfällt… Diese sollte ein Leben lang halten, obwohl sie unter ungünstigsten Sternen stand. Zudem lastete auf ihr ein Geheimnis. In dieses weihte Helmut Lillian ein, als sie die Beziehung beenden wollte, weil jüdische Nachbarn von seinen Landsleuten deportiert worden waren und es Lillian quälte, dass er zu den brutalen Besatzern gehörte. In diesem Krisenmoment vertraute ihr der Soldat etwas an, was ihn sein Leben hätte kosten können: „Meine Mutter ist auch Jüdin.“ Somit wäre er nach den Nazi-Rassegesetzen „Halbjude“ und der Verfolgung ausgesetzt.
Dazu kam es aber nicht. Helmuts Vertrauen wurde belohnt. „Und wenn die ganze Welt gegen dich ist: Ich bleibe immer bei dir!“, versprach Lillian. Sie ertrug es, von Norwegern gemieden und bespuckt zu werden, sie versuchte unter Lebensgefahr, Helmut aus einem US-Kriegsgefangenenlager loszueisen, und sie reiste 1947 illegal, unter Kohlen versteckt, in einer Lokomotive nach Deutschland, um mit ihrem Liebsten, den sie zwei Jahre nicht gesehen hatte, fortan im zerbombten, hungernden Feindesland zu leben – gegen den Willen ihrer Eltern. „Meine Liebe zu Helmut war stärker.“ 1948 heiratete das Paar.
Das Geheimnis aber blieb. Helmut Crott brachte es nicht fertig, seine Geschichte zu erzählen – aus Scham, weil er sich in der NS-Uniform versteckt hatte, um sein Leben zu retten. Selbst die Tochter des Ehepaares, Randi, erfuhr die Wahrheit von der Mutter erst, als sie 18 war, und selbst das gegen den Willen des Vaters, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Ihr Vater, so hörte sie, habe eine jüdische Mutter, die Oma habe das KZ zwar überlebt, aber andere Verwandte nicht. „Erzähl es niemandem!“, schärfte Lillian Randi ein.
Das Schweigegebot hielten Mutter und Tochter jahrzehntelang ein, bis zu Helmuts Tod 2008. Im Jahr 2012 veröffentlichten sie dann aber das Buch „Erzähl es niemandem!“, in dem sie die Geschichte offenbarten. Hinter der Veröffentlichung stand auch Randi Crotts Lebensgefährte, der preisgekrönte Kölner Dokumentarfilmer Klaus Martens. Das Paar stand an einigen Orten nach der Kinovorstellung dem Publikum Rede und Antwort, unter anderem im Kölner „Odeon“ Anfang Februar. Martens, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, erzählte, er habe Randi Crott immer wieder animiert: „Wenn du das Buch schreibst, mache ich den Film.“ Er habe gespürt, dass diese Liebesgeschichte, die zugleich ein Stück Zeitgeschichte sei, erzählt werden müsse. Zumal er in der heute 94-jährigen Lillian Crott Berthung eine wundervolle Protagonistin hatte, die einwilligte, vor die Kamera zu treten – gefühlvoll und doch sachlich, frei von Pathos, frisch und vor allem authentisch. „Ich habe der Frau und ihrer Erzählkraft vertraut.“ Ohne Martens’ Drängen wäre die aufwühlende Geschichte vielleicht noch unbekannt.
Martens entschloss sich zu reduzierter, fast spartanischer Darstellung, indem er außer Mutter und Tochter nur wenige weitere Personen zu Wort kommen ließ. Nichts wird nachgestellt, alles ist original. Brieftexte, Buch-Passagen, Gesetze werden aus dem Off gesprochen und mit Bildern von Schauplätzen unterlegt, die heute immer noch existieren, etwa die Kommandantur und das Sommerhäuschen in Harstad, die Ruine des Düsseldorfer Schlachthofs, die Reste des KZ Theresienstadt und das deutsche Großgeschütz „Adolfkanone“. Auch Dokumente wie Akten, KZ-Armbinde, Brustbeutel sowie wunderschöne Landschaftsaufnahmen illustrieren die Geschichte. Diese unspektakuläre Präsentation steht in beflügelndem Kontrast zur spannenden Erzählung und verleiht dem Film Intensität. Die Schnörkellosigkeit unterstreicht die oft kaum fassbare Realität.
Glück hatte Regisseur Martens, bei den Recherchen in Norwegen auf unbekanntes Wehrmacht-Filmmaterial zu stoßen. So sieht das Publikum die Rettung Schiffsbrüchiger, zu denen Helmut Crott gehörte, aus der acht Grad kalten Nordsee und die Großbrände in Norwegen, dessen Landesfläche zu einem Fünftel von den Besatzern niedergebrannt wurde. Die Kinobesucher zeigten sich beeindruckt, auch geschockt.
Für das Schweigen ihres Vaters hat Randi Crott Verständnis, bedauert es aber auch: „Mein Vater wollte mich schützen. Ich habe das verstanden“, sagte sie. „Aber ich empfinde es immer noch als verpasste Chance, dass er mit mir darüber nicht sprechen konnte.“