17. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2017 | 28. Schwat 5777

Erste Liga

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg hilft bei der Integration von Flüchtlingen in Stuttgart

Von Brigitte Jähnigen

In Stuttgart leben etwa 9000 Flüchtlinge. Zu den Einrichtungen der Zivilgesellschaft, die sie betreuen, gehört nicht zuletzt die die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). Sie ist eine der zwölf Mitglieder der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und aktiv an der Inte­grationsarbeit beteiligt. „Als vermehrt Flüchtlinge nach Stuttgart kamen“, sagt Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW und Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland, „hat die Repräsentanz unserer Gemeinde einstimmig beschlossen, Flüchtlinge an zwei Stuttgarter Standorten gemeinsam mit der Evangelischen Gesellschaft zu betreuen.“ Erfahrungen, Einwanderern bei der Integration zu helfen, habe man aus der Zeit, in der viele jüdische Flüchtlinge aus den GUS-Staaten nach Deutschland gekommen seien. Zudem sei es ein Kernerlebnis des Judentums, Flüchtlinge im Land Ägypten gewesen zu sein. Daraus erwachse eine Mitzwa. „Gerade in gesellschaftlich schwierigeren Zeiten stecken wir nicht den Kopf in den Sand, sondern gehen das Thema Integration an und reichen Muslimen die Hand“, so Barbara Traub.
In dem Flüchtlingsheim im Stuttgarter Talkessel – so heißt ein Teil der Innenstadt – kämpft derweil Hausmeister Wolodja mit dem Metallbesen gegen Berge von Laub. Das geht schnell: Außer den Systembauten gibt es auf dem umzäunten Gelände, einem ehemaligen Parkplatz, nur einen Kinderspielplatz und einen sich noch im Bau befindlichen Begegnungspavillon. Übrigens ist Wolodja Mitglied der IRGW.
Von den Bewohnern ist zu diesem Zeitpunkt keiner zu sehen. „Die Kinder sind jetzt im Kindergarten und in den Schulen, Väter lernen im Inte­grationskurs Deutsch, manche Mütter schlafen, ein paar Bewohner haben Jobs in der Gastronomie oder gehen putzen“, sagt Hausleiterin Nina Butovich. In dem Heim, zwischen Universität und Kongresszentrum Liederhalle gelegen, leben 140 Bewohner, meist anerkannte Asylbewerber, davon 62 Kinder. Die frühere Lehrerin für Mathematik und Informatik stammt aus St. Petersburg und ist ebenfalls Mitglied der IRGW.
Von den 9000 Flüchtlingen in Stuttgart sind die meisten Muslime, etwa acht Prozent sind Christen. Die anderen sind Jesiden oder Hindis. „Neun Nationen leben hier, die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan, aus dem Irak, aus Nigeria, Sri Lanka, Eritrea und anderen Ländern“, sagt Daniel Rau. Der Sozialarbeiter der Evangelischen Gesellschaft teilt sich mit seiner Kollegin Marie Luniak Verwaltungsarbeit und soziale Betreuung. Nina Butovic ist, wie sie sagt „für Post, Putzmittel und Konflikte“ zuständig. „Wir sehen uns als Team“, betont Rau.
Die Verhältnisse im Heim sind beengt. So haben die Flüchtlinge vor allem einen Wunsch: eine eigene Wohnung. Dies gilt auch für die Mutter von Jawa, Joudi und Sham, die sich sehnlichst eigene vier Wände wünscht. Für das Gespräch hat sie ihre drei Töchter extra aufgehübscht. Jawa, die Älteste, spricht sehr gut Deutsch und ist die Dolmetscherin. Sham, die jüngste, lässt sich unbefangen mehrere Bilderbücher vorlesen und weiß auch schon ein paar Worte auf Deutsch. Die Familie von Jawa, Joudi und Sham ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet. Es sind Muslime wie viele, sie gehören zu den Sunniten – doch die Religion ist nicht das Thema hier.
Mit einer eigenen Wohnung sieht es in Stuttgart indessen selbst für anerkannte Asylbewerber schlecht aus. Die Stuttgarter Mieten machen eine eigene Bleibe für die Wohnungssuchenden unerschwinglich. Die Folge, so Rau: „Wir müssen davon ausgehen, dass auch anerkannte Familien in den Systembauten bis zu vier Jahren leben müssen.“
Nicht leicht hat es auch ein 39-jähriger Syrer, der sich Bassam nennen lässt (nicht sein wirklicher Name) und der sich nicht fotografieren lassen möchte. Bassam ist seit einem Jahr und vier Monaten in Deutschland und lernt in jeder freien Minute Deutsch. Weil das Internet in den Systembauten nicht wie vorgesehen funktioniert, bittet er Daniel Rau, sich darum zu kümmern. Eigentlich könnte der Syrer dabei helfen, denn in der Heimat hat er als Ingenieur bei einem internationalen Konzern gearbeitet, er kennt sich mit Informationstechnologie aus. Warten zu müssen, sich auf andere verlassen zu müssen, fällt ihm jetzt schwer.
Dennoch glaubt Nina Butovich: „Sie schaffen es.“ Vor zwölf Jahren kam auch sie nach Deutschland. Sie erinnert sich gut, wie kompliziert ihr Leben damals war. Bevor sie sich für die Stelle als Hausleiterin bewarb, hatte sie Hartz IV bezogen – das empfand die gut ausgebildete und aktive Frau als demütigend. „Jetzt bringe ich meine pädagogischen Erfahrungen bei den Flüchtlingen ein“, sagt sie.
Dass sich die IRGW in Stuttgart in der Flüchtlingsarbeit engagiert, ist bundesweit keine Seltenheit. „Wir wissen, was es heißt, ein verfolgtes Volk zu sein, es ist eine Mitzwa zu helfen, gleich ob Flüchtlinge Muslime sind oder sich zu anderen Religionen zählen. Es sind Menschen“, sagt Beni Bloch, der Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), die sich auch selber in die Flüchtlingsarbeit einbringt.