17. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2017 | 28. Schwat 5777

Ein Sieger und viele Gewinner

In Karlsruhe fand die diesjährige Jewrovision statt

Von Tina Kampf

Hamburg war der Gewinner: Das Jugendzentrum der dortigen Jüdischen Gemeinde, „Chasak“, hat in der Nacht zum Sonntag, dem 19. Februar, bei der Jewrovision in Karlsruhe sowohl mit seinem Vorstellungsvideo als auch mit der Bühnenshow den ersten Preis gewonnen. Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster überreichte die Pokale – und zeigte sich beeindruckt von dem Abend, den 2000 Zuschauer in der Schwarzwaldhalle im Herzen der Stadt und viele Menschen live auf Facebook und YouTube verfolgten.
„Es gibt keine andere jüdische Veranstaltung, die so viel gute Laune macht“, sagte Dr. Schuster. Er sei viel unterwegs. Und oft gehe es bei den Zusammenkünften um Bedenken. Sicher, auch die Jugendlichen würden in ihren Liedern Sorgen beschreiben. „Aber immer strahlt ihr Lebensfreude und Zuversicht aus. Das brauchen wir“, rief der Zentralratspräsident den Jugendlichen zu. Mit ihren „tollen Auftritten“ hätten sie gleichermaßen die kulturellen Unterschiede und den starken Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft verdeutlicht. „Die Vielfalt verstehen wir als Bereicherung. Das ist die ermutigende Botschaft der Jewrovision.“
„United Cultures of Judaism.“ So war die Jewrovision 2017 überschrieben, die wie im vergangenen Jahr auch von der Genesis Philanthropy Group unterstützt wurde. Aschkenasen, Sefarden, Orthodoxe, Konservative, Liberale oder Säkulare – immer wieder ging es in den Beiträgen um verschiedene Strömungen und Gruppierungen im Judentum. Doch es ging noch um mehr: Um das Menschsein, unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Herkunft. „Gegen Hass und Ignoranz stehen wir mit unsrem Tanz.“ „Die Welt ist groß, lass uns gehen, lass uns gehen und die Kultur der anderen Leute leben sehen.“ Mit solchen Botschaften gingen die Teilnehmer ins Rennen.
1200 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren von 60 Gemeinden aus ganz Deutschland waren nach Karlsruhe gekommen. Es waren alte Hasen dabei wie „Berlin Olam“ und „Dortmund Emuna“, die seit der ersten Jewrovision im Jahr 2002 jedes Jahr am Start waren. Erstmals vertreten war „Elef Drachim Saarbrücken feat. Trier“, die auf Hip-Hop setzten – wie viele. Aber auch Songs von Sarah Connor oder Shakiras „Waka Waka“ dienten als musikalische Basis. Mal elegant, mal sportlich – die Breite der Darbietungen war groß. Der spätere Sieger Hamburg ließ die Jugendlichen auf der Bühne gar Rad schlagen und Salto machen. Zum Gesangspart von „Chasak” – “All right, we come together – unite“, regnete es Konfetti. Alles in allem standen 400 Kinder und Jugendliche, aufgeteilt in 18 Teams, auf der Bühne der Schwarzwaldhalle, in der einst Bambi-Filmpreise im Beisein von Rock Hudson und Gina Lollobrigida verliehen worden waren: Gesellschaftliche Events, an die sich Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup bei der Jewrovision erinnert sah. „Einen solchen Abend hat die Schwarzwaldhalle seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gesehen“, versicherte er.
„Eine wunderbare Veranstaltung“, bilanzierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe, Petr Kupershmidt. „Grandios“, urteilte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, den das gesamte Wochenende beeindruckte – denn der Wettbewerb am Schabbat-Ausgang war der Abschluss einer fröhlichen Zusammenkunft: Bereits am Freitag hatten die Teilnehmer gemeinsam den Schabbat gefeiert. „Wenn man sonst freitags oder samstags in die Synagoge geht, trifft man dort 60-, 70- und 80-Jährige. Was also ist mit uns in 15, 20 Jahren? Als ich sah, wie hier 1200 Jugendliche gemeinsam sangen und beteten, da bekam ich wirklich Gänsehaut. Wir haben eine Zukunft“, erklärte Suliman.
Erstmals war Karlsruhe Gastgeber, dessen Jugend jedoch nicht alleine ins Rennen ging: Die Karlsruher Gemeinde schloss sich ebenso wie Pforzheim, Konstanz und Rottweil dem von Mannheim geführten Verbund „Or Chadash („Neues Licht“) Mannheim feat. JuJuBa“ – diese Abkürzung steht für „Jüdische Jugend Baden“ – an. Eine Erfolgstruppe: Zuletzt gewann sie zweimal in Folge. „Ja, lasst uns mal was Neues erschaffen. Gemeinsam können wir die Welt friedlicher machen.“ Mit Songzeilen wie diesen landete „Or Chadasch“ auf Platz zwei. Dritter wurde „Kadima Düsseldorf“.
104 Zähler erzielte das Hamburger Jugendzentrum „Chasak“, das damit erstmals die Jewrovision gewann. Auch das Vorstellungsvideo der Hansestädter überzeugte: Mit viel Witz fragten in diesem Beitrag die Jugendlichen, wo es denn noch Juden gebe. „Wo liegt diese Diaspora? Ich war bestimmt noch nicht da“, heißt es in dem Film, in dem Borat aus dem gleichnamigen Satirefilm ebenso auftaucht wie der Zentralratspräsident.
Leicht hatte es die Jury nicht, daraus machten ihre Mitglieder keinen Hehl. Durchweg gut und eindrucksvoll seien die Beiträge gewesen. Niemand habe nur die geringste Anzahl von einem Punkt verdient, sagte etwa die Schauspielerin Rebecca Siemoneit-Barum. Außer ihr gaben Moderatorin Andrea Kiewel, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, der Jugendreferent der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Nachumi Rosenblatt, sowie die Musiker Tallana Gabriel, Cosmo Klein, Ben Salomo und Gil Ofarim sowie Vertreter der Jugendzentren ihre Stimmen ab. Ebenfalls mit von der Partie war Jamie-Lee Kriewitz. Sie hat Deutschland im vergangenen Jahr beim Eurovision Song Contest vertreten. Der unterscheide sich durchaus von der Jewrovision, sagte die 18-Jährige: „Hier verbindet die Teilnehmer nicht nur die Musik, sondern auch der Glaube. Außerdem feuern alle alle an.“
In der Tat feierten am Ende alle. Es wurde getanzt und gelacht. Den ganzen Abend hindurch feuerten die Fans ihre Teams an, schwenkten Fahnen, hielten Plakate oder rote Pappherzen hoch. Auch bunte Leuchtstäbe erstrahlten im Saal. Der Abend, den der als Blogger bekannt gewordene Shai Hoffman moderierte, war eine riesige Party – die selbst ein technisches Problem mit dem Mischpult wenige Minuten vor Mitternacht nicht eintrübte. Im Gegenteil: Die kurze Pause wurde genutzt, um auf und vor der Bühne richtig Stimmung zu machen – quer durch alle Jugendzentren und mit den Zuschauern zusammen.