17. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2017 | 28. Schwat 5777

Der Kampf um Normalität

Interview mit Zentralrat-Vizepräsident Mark Dainow über das Erscheinungsbild der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland

Zukunft: Herr Dainow, das jüdische Leben in Deutschland entwickelt sich positiv, unsere Gemeinschaft ist dynamisch und selbstbewusst. Wie aber werden wir von der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen?
Mark Dainow: In den letzten Jahren zeichnen sich in dieser Beziehung – im Positiven wie im Negativen – neue Entwicklungen ab. Positiv ist, dass wir von immer mehr Menschen als ein integraler Teil der deutschen Gesellschaft empfunden werden. Das liegt in hohem Maße an unserem Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Zumindest in denjenigen Kreisen der deutschen Gesellschaft, die, wie wir auch, auf ein offenes und tolerantes Deutschland hinarbeiten, wird das wahrgenommen und honoriert.
Auch alle demokratischen politischen Kräfte in der Bundesrepublik betonen die Zugehörigkeit der jüdischen Bevölkerungsgruppe zur deutschen Gesellschaft. Das kommt bei den zahlreichen Gesprächen, die der Zentralrat mit verschiedenen Parteien und Organisationen führt, ebenfalls deutlich zum Ausdruck. Und diese Politiker meinen das ehrlich.

Und was bereitet Ihnen Sorgen?
Das Beunruhigendste ist meiner Meinung nach, dass sich alte und neue Ressentiments gegen Juden zunehmend verbinden und immer unverhohlener zum Ausdruck gebracht werden. Wir alle erinnern uns noch an den Sommer 2014, als Antisemiten jeglicher Couleur während der israelischen Antiterror­operation in Gaza auf die Straße gingen. Ich gebe zu: Bis dahin hätte ich nicht gedacht, dass in Deutschland ganz offen mitten auf der Straße gebrüllt würde: „Juden ins Gas!“ Damit wurde nach meinem Gefühl eine neue Dimension erreicht.

Hat sich die Lage seitdem aber nicht beruhigt?
In dem Sinne, dass wir solche Demonstrationen gegenwärtig nicht erleben, schon. Haben die Leute, die damals mit so viel Hass auf die Straße gegangen sind, uns inzwischen lieb gewonnen? Ganz sicher nicht. Das sieht man ganz deutlich auch in den sozialen Netzwerken.

Gibt es aber nicht eine große Mehrheit, die eigentlich keine besonders ausgeprägte Meinung zu Juden hat? Wie geht man mit diesen Menschen um?
Vorurteile gibt es auch unter denjenigen, die sich selbst niemals als Antisemiten bezeichnen würden. Viele Menschen in Deutschland – aber auch in anderen Ländern – haben antijüdische Ressentiments verinnerlicht, Haltungen, die von Generation zu Generation tradiert werden. So etwas kann man nicht von heute auf morgen und vielleicht auch niemals ganz überwinden. Aber es wäre ja schon viel erreicht, wenn diese Vorurteile schwächer würden, und da lässt sich durchaus etwas machen. Deshalb halte ich Aufklärungs- und Informationsarbeit über die Juden in Deutschland und über das Judentum generell für eine unserer wichtigsten Aufgaben.
Und je mehr Verbündete wir dabei gewinnen, umso wirksamer kann Aufklärung sein. Als Beispiel will ich die jüngste Vereinbarung zwischen dem Zentralrat und der Kultusministerkonferenz nennen. Sie sieht eine Zusammenarbeit bei der Erarbeitung von Unterrichtsmaterialien über das Judentum vor. Und das ist dringend nötig. Das Wissen über das Judentum, über Juden ist bei vielen Deutschen nämlich fast nicht existent. Viele wissen nicht einmal annähernd, wie viele Juden hierzulande leben. Man hört oft Zahlen wie eine Million oder auch mehrere Millionen.

Wo verläuft die Grenze zwischen Ignoranz und Vorurteil?
Ignoranz und Vorurteile gehen oft Hand in Hand, und es ist eine toxische Mischung. Wer über Juden nichts weiß, aber Schlechtes denkt, kann auch kein normales Verhältnis zu Juden haben. Dazu ein aus der Wirklichkeit gegriffenes Beispiel: Beim Vorstellungsgespräch bei einem durchaus seriösen Arbeitgeber bekam eine jüdische Bewerberin zu hören, man habe in ihrem Lebenslauf gesehen, dass sie bei einer jüdischen Gemeinde gearbeitet habe. Dann fing ihr Gesprächspartner an zu stottern: „Sind sie selbst auch …“. Das Wort „Jüdin“ oder „jüdisch“ kam ihm aber einfach nicht über die Lippen.
Solche Erfahrungen haben viele von uns gemacht und zwar nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch als Leser. Wenn in Zeitungen, Lexika und so weiter über bekannte Juden geschrieben wird, findet man immer wieder Formulierungen wie „wurde als Kind jüdischer Eltern geboren“ oder „stammte aus einer jüdischen Familie“ – aber so gut wie nie „Jude“ oder „deutscher Jude“. Manchmal habe ich den Eindruck, dass jüdisches Leben in Deutschland uns Juden viel normaler als vielen Nichtjuden erscheint. Man stelle sich nur vor: Wie würde sich ein –
nichtjüdischer – Deutscher fühlen, wenn sein Gesprächspartner das Wort „Deutscher“ nicht aussprechen wollte, weil er es für peinlich, vielleicht sogar für eine Beleidigung hielte?

Ist das nicht entmutigend?
Es macht Informationsarbeit nicht leichter, aber umso wichtiger. Ich will aber noch etwas anderes sagen: Bei allem, was wir nach außen hin tun – politischer Dialog, Kampf gegen den Antisemitismus, Informationsarbeit –, bei all dem sollten wir auch unser jüdisches Leben normal leben. Vor allem, versteht sich, weil das gut für uns ist. Allerdings wirkt jüdische Normalität letztendlich auch in die nichtjüdische Umwelt hi­nein. Der Kampf um die Wahrnehmung ist kein Fußballspiel, das man in neunzig Minuten für sich entscheidet. Er ist aber nicht hoffnungslos. Juden, die in Konzerte gehen, lernen, sich sozial engagieren – beispielsweise beim Mitzvah Day –, einen Song Contest oder einen Sportwettbewerb veranstalten, zeigen doch am anschaulichsten, dass wir Menschen wie alle anderen sind.

Schadet es unserem Image, wenn über innerjüdische Streitigkeiten berichtet wird?
Wenn Juden miteinander streiten, dann streiten sie eben. Wenn eine jüdische Gemeinde mit ihrem Rabbiner hadert, um nur ein Beispiel zu geben, ist das für die Lokalzeitung doch genauso interessant wie Streit in einer katholischen oder evangelischen Gemeinde. Wir beanspruchen keine mediale Schonung. Und die Vielfalt jüdischen Lebens wollen wir erst recht nicht verstecken. Vielfalt, Debatten und zum Teil auch heftige Kontroversen sind schon seit 3000 Jahren Teil unserer Identität. Diese Identität wollen wir gegenüber der nichtjüdischen Öffentlichkeit sichtbar machen. Schauen Sie sich doch die „Jüdische Allgemeine“ an, die vom Zentralrat herausgegeben wird. Sie berichtet über die ganze Palette des Judentums und ist die für die nichtjüdische Umwelt vielleicht wichtigste Informationsquelle über das jüdische Leben in Deutschland und über Deutschland hinaus. Damit zeigen wir doch ganz klar, dass wir keine Angst vor Transparenz haben.

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Zur Person

Mark Dainows Familiengeschichte spiegelt fast schon exemplarisch die Geschichte von russischen beziehungsweise sowjetischen Juden wider. Dainows Großvater väterlicherseits, Pejsach, glaubte – zumindest eine Zeit lang – an die Revolution und kannte Lenin persönlich. Das half der Familie in den Jahrzehnten danach freilich nicht weiter.
Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion verhungerten Dainows Großeltern mütterlicherseits auf der Flucht. Der Großteil der Familie wurde von den Nazis ermordet.
Mark Dainow kam in Minsk zur Welt: und zwar am 15. Mai 1948, ganze elf Stunden, nachdem David Ben Gurion in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung Israels verlesen hatte. Marks Vater stellte bereits Ende der Fünfzigerjahre einen Antrag auf die Ausreise nach Israel und gehörte damit zu den Pionieren der jüdischen Auswanderungsbewegung in der UdSSR. Dafür „belohnte“ ihn das Sowjetregime mit fünf Jahren Haft. Mark selbst war als junger Mann ebenfalls in der Ausreisebewegung tätig. 1972 durfte die Familie die Sowjetunion verlassen und kam nach Israel, wo der Vater beruflich aber nicht Fuß fassen konnte.
Seit 1973 lebt Mark Dainow in Deutschland. Der Diplom-Ingenieur war fast
30 Jahre im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum von Opel in Rüsselsheim tätig. Seit 1998 ist er Zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Offenbach. 2010 wurde er ins Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland und 2014 zu einem der beiden Vizepräsidenten gewählt.

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